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Human Rights Watch : „Glaubwürdigkeit ist unsere schärfste Waffe“

  • -Aktualisiert am

Für die Menschenrechte in Krisenregionen und auf Spendendinnern: Ermittler Fred Abrahams Bild: Kaufhold, Marcus

Human Rights Watch schickt seine Mitarbeiter in die Krisenregionen der Welt, um Menschenrechtsverletzungen zu ermitteln. Beim Spendendinner erzählen sie von ihrem ungewöhnlichen Alltag.

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          Vor zwei Monaten ist Fred Abrahams nach Nordsyrien gereist, um kurdische Aufständische und Flüchtlinge zu befragen. Am Montagabend ist er ins Frankfurter Bankenviertel gekommen, um mit Unternehmensberatern, Investmentbankern und Politikern zu sprechen. Beides gehört zu seiner Arbeit. Abrahams ist „Researcher“ der unabhängigen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), die in Frankfurt zum „1. Annual Dinner“ geladen hatte.

          Übersetzt man „Researcher“ wörtlich mit „Forscher“, kann leicht ein falscher Eindruck von Abrahams Tun entstehen. Besser ist: „Ermittler.“ Denn die Researcher arbeiten in erster Linie vor Ort in über 90 Ländern wie Syrien, Kongo und der Ukraine. Sie befragen Zeugen, fotografieren Tatorte, sichten Krankenhausakten, inspizieren Gefängnisse. Daraus entstehen Berichte, mit denen Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen belegt werden. Weil jede Information auch falsch sein kann und jeder Informant seine eigene Interessen hat, muss immer nach mehreren Quellen gesucht werden. „Glaubwürdigkeit ist unsere schärfste Waffe“, sagt Abrahams.

          HRW setzt diese Waffe ein, um kurzfristig die Situation in Krisengebieten zu verbessern, indem sie Regierungen mit belastendem Material konfrontiert, und um langfristig etwas zu ändern, indem sie Druck auf die Großen der Weltpolitik ausübt. Das Abkommen gegen den Einsatz von Kindersoldaten und die Ächtung von Streumunition gehen auf das Konto der Organisation, die 1978 unter dem Namen Helsinki Watch gegründet wurde.

          Untersuchen, aufdecken, verändern - das sei „work in progress“, sagt der stellvertretende Programmdirektor von HRW Tom Porteous in einem kurzen Vortrag vor dem Dinner. Deshalb sei auch der Veranstaltungsort gut gewählt. Im noch unvermieteten 38. Stock des Taunusturms sieht man noch die roten Rohre der Brandschutzanlage neben den unverputzten Betonstreben. An den Tischen mit blauen Decken sitzen Wirtschaftsgrößen wie Frank Mattern, der bis Januar das Deutschland-Büro von McKinsey leitete, und Politiker wie FDP-Generalsekretärin Nicola Beer und Stadträtin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen). Auch Daniel Nicolai, der Intendant des English Theatre, ist zu sehen. Insgesamt sind es etwas über 200, die der Einladung des Frankfurter HRW-Komitees gefolgt sind. Es ist das erste Dinner dieser Art in Frankfurt. „Wir hoffen, dass es auch hier eine Tradition wird“, sagt HRW-Deutschland-Direktor Wenzel Michalski. So wie in vielen anderen Städten rund um die Welt. „Als unabhängige Organisation sind wir auf einen Freundeskreis angewiesen, der uns durch Geld, aber auch mit seinem Netzwerk unterstützt“, sagt Abrahams.

          Er nimmt an Tisch 21 Platz. Während des Essens, das mit einem Rote-Beete-Carpaccio beginnt, soll er von seiner Arbeit erzählen. „Stellen Sie unseren Leuten toughe Fragen!“, hatte Tom Porteous die Gäste ermuntert. Die nehmen das Angebot gerne an. Schon als Abrahams zum Hauptgang den Tisch wechselt, ist er heiser vom Antworten. „Wie prüfen Sie Ihre Fakten?“, will ein Unternehmensberater wissen. „Sehen Sie sich als Weltverbesserer?“, fragt ein Investmentbanker.

          Weltverbesserer ist kein gutes Wort, um Abrahams zu beschreiben. Der sechsundvierzigjährige Amerikaner ist Pragmatiker, kein Ideologe. „Wir müssen nicht über jedes Unrecht berichten, bloß weil es passiert“, sagt er. „Wir berichten, um etwas zu verändern.“ Deswegen war er jetzt in Syrien, wo die kurdische Region um internationale Anerkennung ringt - der ideale Zeitpunkt, um sie zu zwingen, die Menschenrechtslage zu verbessern. Wie auch die anderen der rund ein Dutzend Mitarbeiter von HRW, die aus aller Welt nach Frankfurt gekommen sind, findet Abrahams nur während des Auftritts der Jazzsängerin Joan Faulkner etwas Ruhe. Beim Dessert ist er bereits wieder umlagert. Mit dem Abend ist er zufrieden. Es sei sehr motivierend gewesen, dass viele Gäste konkret gefragt hätten: „Wie kann ich euch bei eurer Arbeit helfen?“

          In den vergangenen 20 Jahren hat Abrahams - mit ein paar Ausnahmen - für HRW gearbeitet. Nicht immer konnte er sehen, was seine Arbeit bewirkt. Eindrucksvoll aber war der Moment, als er in Den Haag dem Serbenführer Milosevic gegenüberstand, nachdem er jahrelang dessen Kriegsverbrechen dokumentiert hatte. „Endlich hatte ich die Gelegenheit, den Menschen im Kosovo eine Stimme zu geben.“ Denen, die Unrecht erleiden, eine Stimme zu geben - das wird auch in Zukunft seine Arbeit sein. Auch wenn es ihn gelegentlich die eigene kostet.

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