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Hubschrauber-Träger „Kaga“ : Japans neue Faust im Inselstreit

  • -Aktualisiert am

Japans neuer Hubschrauber-Träger „Kaga“ Bild: Reuters

Tokio setzt auf militärische Stärke im maritimen Kräftemessen mit China. Mit schwimmenden Festungen wie der „Kaga“ sollen militärische Blitzaktionen durchkreuzt werden.

          3 Min.

          Das chinesische Meer ist ein Pulverfass. Wie Perlen an einer Schnur ziehen sich die Territorialkonflikte zwischen den Anrainerstaaten von der Straße von Malakka im Süden hinauf bis zu den Südkurillen zwischen Russland und Japan. Im Zentrum des Konflikts steht China. Das Reich der Mitte ist es, dass langsam aber unaufhörlich daran arbeitet, sicherheitspolitische Fakten zu schaffen, sei es durch wirtschaftlichen Druck, sei es durch künstlich aufgeschüttete Inseln, auf denen Flugplätze entstehen, mit denen sich Peking die Lufthoheit sichert.

          Dieses Verhalten lässt in Tokio seit geraumer Zeit alle Warnglocken schrillen. Die „Kaga“, die diese Woche in Dienst gestellt wurde, ist das jüngste Zeugnis von Japans militärstrategischer Kehrtwende, weg von der Territorial-, hin zur großräumigen Seegebiets- und Inselverteidigung. Zusammen mit ihrem Schwesterschiff „Izumo“, sind beide die größten Kriegsschiffe, die von Japan seit Ende des Zweiten Weltkriegs gebaut worden sind.

          Die Träger verfügen über zwei Hauptfähigkeiten: Ihre Helikopter können U-Boote aufspüren und bekämpfen sowie das Anlanden von Truppen an Küsten mit Kampf-Hubschraubern unterstützen. Beide Schiffe sind zudem dazu in der Lage, rund 400 Marineinfanteristen und 50 gepanzerte Fahrzeuge zu transportieren.

          Diese amphibische Komponente hatten die Vorgänger der „Kaga“ und „Izumo“ aus den 1970er Jahren nicht. Die neuen Träger hingegen sind stärker auf See-Land-Operationen ausgelegt. Nicht mehr die vier Hauptinseln sollen primär vor Angriffen geschützt werden. Die Aufmerksamkeit lieht nun eher auf den Randgebieten des japanischen Archipels. Es besteht aus mehr als 6000, zumeist winzigen Eilanden, die über tausende Kilometer verstreut im Pazifik liegen. Sie zu verteidigen ist schwer möglich. Würden Inseln besetzt, hätte Japan nicht nur ein paar Flecken Land, sondern vor allem riesige Seegebiete verloren, mit deren Fischgründen und möglichen Rohstoffen im Meeresboden. Wer Herr über Inseln ist, verfügt in deren Radius von 370 Kilometern über eine „ausschließliche Wirtschaftszone“, so das internationale Seerecht.

          Beamte des japanischen Verteidigungsministeriums bei der feierlichen Indienststellung des Hubschrauber-Trägers „Kaga“ Bilderstrecke
          Beamte des japanischen Verteidigungsministeriums bei der feierlichen Indienststellung des Hubschrauber-Trägers „Kaga“ :

          „Kaga“ und „Izumo“ wären das Rückgrat, um rasch kampfstarke Einheiten zu den äußeren Inseln zu bringen – bestenfalls vorab zur Abschreckung, notfalls auch, um sie freizukämpfen.

          Japan möchte so vorbereitet sein, auf mögliche Versuche Chinas, mit militärischen Blitzaktionen umstrittene Inseln zu besetzen, wie die Senkaku-Eilande im Südausläufer der japanischen Inselkette. Die Senkakus werden von Japan kontrolliert, Peking fordert sie als seine Territorien. Erst schickte es Kriegsschiffe und U-Boote in das Seegebiet; dann deklarierte China 2013 eine Flugüberwachungszone. Die Ansage des chinesischen Verteidigungsministeriums: Flugzeuge, die das Gebiet passieren möchten, müssen sich bei Chinas Behörden anmelden. Wer dies unterlasse, riskiere „militärische Maßnahmen“.

          Auf die Drohgebärden der Großmacht reagiert Japan mit seiner neuen Vorwärtsverteidigung. Dafür erleben die Streitkräfte Nachkriegsjapans gerade ihre bis dato radikalste Reform. Die konservative Regierung unter Premierminister Shinzo Abe verabschiedete vor vier Jahren einen Plan, die so genannten Selbstverteidigungskräfte bis 2018 in eine „Dynamic Joint Defense Force“ zu verwandeln. Davor lag Japans Militär noch im Dornröschenschlaf des Kalten Krieges; ausgerichtet auf eine riesige Invasion der vier Hauptinseln nach Sowjet-Muster. An deren Stränden sollten Massen an Panzern und Kampffliegern den Angreifer aufhalten, bis die Militär-Maschinerie der Vereinigten Staaten zu Hilfe eilt. Für dieses Großkampf-Szenario hat Japans Armee noch immer die stolze Zahl von fast 700 schweren Kampfpanzern und mehr als 500 Kampfflieger im Bestand. Der Schwerpunkt der Verteidigung lag auf der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido. Gegenüber der im Zweiten Weltkrieg von Russland besetzten Kurilen-Inseln.

          Nun wird die militärische Infrastruktur aus Einheiten, Material und Stützpunkten vom Norden in Richtung Süden umgruppiert – für ein schnelles Mobilisieren in Richtung des neuen Hauptgegners China. Ein ambitioniertes Vorhaben. Die aus japanischer Sicht besonders gefährdete Inselkette im Süden, hat eine Ausdehnung von 1.100 Kilometern.

          Leuchtturmprojekt der Reform ist eine amphibische schnelle Eingreifbrigade von 3000 Mann; trainiert von den amerikanischen Marines. Wie jene erhält die Brigade Kipprotor-Flieger vom Typ V-22 Osprey. Diese Spezialflugzeuge können senkrecht Starten sowie Landen und wurden konzipiert für den raschen Transport von bis zu 24 Soldaten. Ihre Reichweite von circa 900 Kilometern kann die Luftwaffe mit Tankflugzeugen erweitern. Statt schwerer Kampfpanzer hat die neue Truppe schnelle Schützenpanzer und amphibische Transporter, um von See aus an Küsten anzulanden.

          Stationiert ist die amphibische Brigade im Marinestützpunkt Sasebo auf der südlichsten Hauptinsel Kyushu, dem Sprungbrett für die neue Vorwärtsverteidigung. Melden Radar und Aufklärungsflugzeuge, dass sich verdächtige Flieger oder Schiffsverbände den südlichen Inseln nähren, sollen erste Einheiten mit Ospreys die Inseln in wenigen Stunden erreichen. Größere Truppenteile würden mit Landungs-Transportschiffe der Osumi-Klasse folgen. Begleitet von Zerstörern und Hubschrauber-Trägern wie der Izumo und der Kaga. Ein solcher Verband bräuchte rund 28 Stunden bis zu den Senkaku-Inseln.

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