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„Hotel Ruanda“-Manager entführt : In der Höhle des Löwen

  • -Aktualisiert am

Paul Rusesabagina vor Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali am 14. September Bild: AFP

Während des Völkermords in Ruanda rettete er Tutsi das Leben. Nun ließ Präsident Kagame den einstigen Helden Paul Rusesabagina entführen. Seinen Prozess will die Juristin Amal Clooney beobachten.

          5 Min.

          Gebeugt durchquert ein älterer Herr in beigefarbenem Sakko den Innenhof eines Gerichts in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Er trägt Handschellen und vor dem Mund eine OP-Schutzmaske. Umringt wird der Mann von einer Gruppe hochgewachsener Sicherheitskräfte mit Plastikschirmen um den Kopf. Alles, was die jungen Männer tragen, ist schwarz: Kampfstiefel, Lederhandschuhe, Westen, Armeehosen, Baseballmützen. Dann verliest ein Richter die Anklage. Er wirft dem Delinquenten Terrorismus und Mordbeteiligung vor, insgesamt geht es um 13 Anklagepunkte. Der Inhaftierte bestreitet sie alle. Ein Antrag seiner Anwälte, der gesundheitlich Angeschlagene möge auf Kaution auf freien Fuß gesetzt werden, wird abgelehnt. Er könnte türmen und das Verfahren sabotieren, erklärte eine Richterin.

          Das war Ende vergangener Woche. Der Mann, der vor Gericht steht, gilt vielen als Held. Paul Rusesabagina heißt er. Er war Manager des „Hôtel des Mille Collines“, als 1994 in Ruanda ein Bürgerkrieg tobte und es zu einem Genozid kam, dem Schätzungen zufolge rund 800.000 Menschen zum Opfer fielen. Mehr als 1200 Menschen, überwiegend Tutsi, soll Rusesabagina das Leben gerettet haben, indem er sie auf dem Gelände des Fünf-Sterne-Hotels kampieren ließ, während draußen die Mordbanden der Hutu-Jugend wüteten. Das „Mille Collines“ galt damals als erste Adresse der Stadt. Rusesabagina ist Hutu, seine Frau Tutsi.

          Bis heute lässt das Kagame-Regime Abtrünnige liquidieren

          1994, kurz vor dem Ende der Gemetzel, gelang es ihm selbst nur mit Glück, nach Tansania zu entkommen. Vier seiner acht Geschwister waren bereits ermordet worden, als er mit Frau und Kindern und dank der Hilfe der Tutsi-Rebellen flüchtete. Als er heimkehrte, hatte Paul Kagames Rebellenarmee die Macht in Ruanda übernommen.

          Kein Wunder, dass die spektakuläre Geschichte Aufsehen erregte. Als „Hotel Ruanda“ wurde Rusesabaginas Geschichte im Jahr 2004 von Hollywood verfilmt; Hauptdarsteller Don Cheadle wurde für einen Oscar nominiert. In etlichen Ländern wurde Rusesabagina für sein Verhalten während des Genozids geehrt. Um Opfern zu helfen und vor Genoziden zu warnen, gründete er seine eigene Stiftung, die Hotel Rwanda Rusesabagina Foundation.

          Bild: Levinger

          Kagame verwandelte den Staat derweil immer mehr in eine Diktatur. Einst war er Anführer einer Rebellenarmee gewesen, die von Uganda nach Ruanda eingedrungen war, um den damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana zu stürzen. Seinen Truppen gelang es, den Völkermord an den Tutsi zu beenden, gleichzeitig trieben sie Hunderttausende von Hutu nach Kongo, wo viele von Seuchen dahingerafft wurden. Danach besetzten ruandische Soldaten jahrelang große Teile Kongos und plünderten die Bodenschätze des Landes.

          In Ruanda selbst erstickte Kagame, der Wahlen regelmäßig mit angeblich mehr als 98 Prozent der abgegebenen Stimmen gewinnt, jede Kritik. Er warf Oppositionelle wie die Politikerinnen Victoire Ingabire oder Diane Rwigara unter dem Vorwand, Völkermörder zu unterstützen, ins Gefängnis. Bis heute werden Abtrünnige liquidiert. Erst vor kurzem fand man die Leiche des Kagame-Kritikers Kizito Mihigo in einer Polizeizelle.

          Rusesabagina hatte Ruanda bereits zwei Jahre nach Kagames Machtergreifung in Richtung Belgien verlassen. Dort baute er ein Taxiunternehmen auf und nahm die belgische Staatsbürgerschaft an. Nachdem er Morddrohungen erhalten hatte, zog er in die Vereinigten Staaten. Einschüchtern ließ sich Rusesabagina nicht. Ruanda sei „heute eine Nation, die von einer kleinen Tutsi-Elite regiert wird“, schrieb er in seinen Memoiren. Den Kagame-Rebellen warf er vor, schwere Verbrechen an den Hutu begangen zu haben. Im Dezember 2018 erklärte Rusesabagina in einem Video, das auf Youtube kursiert, in Ruanda müsse „mit allen Mitteln ein Wandel erreicht werden, nachdem alle politischen Mittel gescheitert“ seien.

          Plötzlich riss die Verbindung ab

          Kagame hingegen wirft seinem prominenten Kritiker vor, hinter einer Oppositionsgruppe zu stehen, die sich „Ruandische Bewegung für Demokratischen Wandel“ nennt und auch über einen bewaffneten Arm namens „Nationale Befreiungsfront“ (FLN) verfügt. „Rusesabagina ist Anführer einer Gruppe von Terroristen, die Ruander ermordet haben“, erklärte Kagame nach der Festnahme Rusesabaginas, „er wird für diese Verbrechen bezahlen müssen, er hat Blut an seinen Händen.“ Rusesabagina hingegen beteuert: „Wir sind keine terroristische Organisation.“ Ihre Mittel bestünden nicht im Kampf, sondern in Diplomatie.

          Die Umstände, unter denen Kagame den heute 66 Jahre alten Rusesabagina in seine Gewalt bringen und am 31. August zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren konnte, lagen lange im Dunkeln. Klar war: Am 26. August war Rusesabagina von Chicago nach Dubai geflogen. Nach der Ankunft hatte er per Whatsapp noch Kontakt zu seiner Frau gehabt, die sich zu jenem Zeitpunkt in Brüssel befand und wegen der Corona-Pandemie bereits lange Zeit von ihrem Mann getrennt war. Er teilte ihr mit, er habe verschiedene Verabredungen. Dann riss die Verbindung ab. Das nächste Mal hörte sie etwas über den Verbleib ihres Mannes, als sie die Bilder aus Ruanda sah.

          Familie und Verteidiger hegten früh den Verdacht, Rusesabagina sei mit Gewalt nach Kigali gebracht worden. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass das Kagame-Regime Kritiker kidnappen lässt. In mindestens sechs Ländern haben ruandische Behörden Exilanten bislang angegriffen oder ermordet oder entführt. So wurde 2010 im südafrikanischen Johannesburg ein Attentat auf Ruandas ehemaligen Generalstabschef Kayumba Nyamwasa verübt. Zwei Jahre später fiel der ehemalige Chef der ruandischen Entwicklungsbank, Théogène Turatsinze, in der moçambiquanischen Hauptstadt Maputo einem Killerkommando zum Opfer. Am 31. Dezember 2013 wurde, wieder in Südafrika, Kagames früherer Geheimdienstchef Patrick Karegeya erdrosselt. Im April 2019 wurde der FLN-Führer Callixte Nsabimana von den Komoren nach Ruanda verschleppt und vor Gericht gestellt. Rusesabagina wäre, wissend, welches Schicksal ihm in Ruanda blüht, niemals freiwillig dorthin zurückgekehrt, sagen seine Verteidiger.

          Noch beim Landeanflug dachte er, auf den Weg nach Burundi zu sein

          Nun hat Rusesabagina in einem Interview mit der „New York Times“ erklärt, was sich in den Tagen zwischen dem Beginn der Reise und seiner Ankunft in Kigali ereignet hat. Schon sechs Stunden nach der Landung auf dem Dubai International Airport habe er auf einem kleineren Flughafen in der Stadt eine Privatmaschine der in Griechenland registrierten Firma GainJet bestiegen, erklärte er. Er sei im Glauben gewesen, er werde auf Einladung eines Pastors namens Constantin Niyomwungere in Ruandas Nachbarland Burundi geflogen, um dort einen Vortrag zu halten. „Wer mich einladen möchte, lädt mich ein, und ich spreche dann über meine Erfahrungen von 1994.“ Noch beim Landeanflug, in den frühen Morgenstunden des 28. Augusts, habe er geglaubt, er werde nach Bujumbura gebracht. Dass das Flugzeug tatsächlich nach Kigali abgebogen war, habe er erst viel später begriffen. Ihm waren nach der Ankunft die Augen verbunden und Arme und Beine gefesselt worden.

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          Das Interview mit der amerikanischen Zeitung fand aus einer Zelle in Anwesenheit zweier ruandischer Offizieller statt. Wie glaubwürdig seine Behauptungen sind, ist deshalb unklar. „Er hat diese Aussagen in der Höhle des Löwen getätigt, umgeben von Waffen“, erklärte sein 28 Jahre alter Sohn Trésor Rusesabagina von den Vereinigten Staaten aus: „Und das Raubtier kann jederzeit zubeißen.“

          Ruandas Geheimdienstchef schwärmt von einer „wunderbaren Operation“

          Kagame hatte zuvor behauptet, bei der Festnahme seines Kritikers sei es „einwandfrei“ zugegangen. Rusesabagina sei „aus eigenen Stücken gekommen – auch wenn das nicht seine Absicht gewesen sein sollte“, erklärte der ruandische Präsident etwas kryptisch im Staatsfernsehen: „Dass er kam, hat mehr mit ihm selbst als mit sonst jemandem zu tun.“ Ruandas Geheimdienstchef Joseph Nzabamwita brüstet sich damit, den Delinquenten persönlich nach Kigali begleitet zu haben, und schwärmt von einer „wunderbaren Operation“.

          Anwälte und Angehörige Rusesabaginas reichten mittlerweile beim Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Folter eine Beschwerde ein. Beobachtet werden soll der Prozess auch von einer Stiftung des Schauspielers George Clooney und seiner Frau, der Juristin Amal. Die beiden erklärten, Mitarbeiter ihrer Clooney Foundation for Justice würden versuchen, sicherzustellen, dass Rusesabagina „ein faires und transparentes Verfahren bekommt“.

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