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Horst Köhler : Jenseits von Limousinen

  • -Aktualisiert am

Auf der UN-Bühne in New York: Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler bei den Vereinten Nationen vor der Milleniums-Sitzung neben Königin Rania von Jordanien Bild: dpa

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler meldet sich bei den Vereinten Nationen zurück. Als Berater hilft er auf Vorschlag des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon, neue Ziele der Entwicklungspolitik zu formulieren.

          Auf der First Avenue Ecke 46. Straße in Manhattan, schräg gegenüber des Gebäudes der Vereinten Nationen, drängeln sich die Massen. Die Kreuzung, an der die türkische UN-Vertretung liegt, bietet in diesen Septembertagen den einzigen Durchgang zum Hauptquartier der Welt-Organisation, alle anderen Straßen sind abgesperrt. Wer in der Eröffnungswoche der UN-Vollversammlung nicht mit der Limousine vorfährt, was in der Regel den Staatschefs vorbehalten ist, muss sich durch das Nadelöhr am East River kämpfen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          In der Vollversammlung sind alle Mitgliedstaaten gleich, wenn man einmal davon absieht, dass einige ein wenig gleicher sind: Der amerikanische Präsident, selbstredend. Bei jenen, bei denen dem Etwas-gleicher-Sein ein wenig nachgeholfen werden muss, gibt es protokollarische Tricks. So gehen der deutsche, aber auch der türkische Außenminister stets mit großem Gefolge zu ihren Terminen: Beraterstab, Kofferträger und Sicherheitsbeamte. Andere verzichten auf großes Brimborium. Der dänische Außenminister etwa hat seine in die Jahre gekommene Ledertasche über den Rücken geworfen und läuft weitgehend unerkannt mit einem Gefährten durch das Getümmel - wie ein Seniorenstudent nebst Kommilitonen zur nächsten Vorlesung.

          Er hat es eilig

          Nicht nur in protokollarischen Fragen herrscht an diesem spätsommerlichen Nachmittag ein Karneval der Kulturen: Da schreitet die Delegation aus dem Senegal (große Frauen in bunten Gewändern) die Straße entlang, es folgen die Vertreter der Mongolei (kleine Männer in bunten Röcken) und so weiter. Inmitten dieser farbenfrohen Menge eilt ein Mann schnellen Schrittes zum North Lawn Building, einem provisorischen Gebäude, das den Diplomaten während der Renovierungsarbeiten im UN-Hauptquartier Platz bot. An seiner Seite laufen ein jüngerer Mann und eine Frau, er ist Beamter des Bundespräsidialamtes, sie arbeitet im deutschen Entwicklungsministerium. Der Mann, der es so eilig hat, ist Horst Köhler, der ehemalige Bundespräsident.

          Im Auftrag der Vollversammlung hatte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon 2010 den Prozess zur Erarbeitung einer „Post-2015-Agenda“ begonnen. Das ist Diplomatensprache und heißt: Die sogenannten Millenniumsziele in der Entwicklungspolitik werden bis 2015 aus vielerlei Gründen verfehlt. Nun setzt man sich neue Ziele. Und dafür braucht man Berater. Auf Vorschlag der Bundesregierung hat Ban Ki-moon Köhler in das Gremium berufen, das sich am Dienstagnachmittag konstituierte.

          Begleitet wird er von seinem Mitarbeiter aus dem Schloss Bellevue und einer Beamtin aus dem Ministerium Dirk Niebels, die ihm als Sherpa dient. Das nächste Treffen ist in London geplant, dann soll ein Zeitplan für die Arbeit vorliegen.

          Köhler, im Mai 2010 aus noch immer nicht überzeugend dargelegten Gründen als Bundespräsident zurückgetreten, wirkt guter Dinge ob der neuen Aufgabe. Er trifft alte Bekannte, wie die liberianische Staatspräsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, die er vertraut mit Küsschen begrüßt.

          Viel zu tun: Köhler neben der früheren liberianischen Staatspräsidentin Ellen Johnson-Sirleaf bei der Milleniums-Sitzung

          Als Bundespräsident hatte Köhler mit den UN wenig zu tun, umso mehr freilich als Direktor des Internationalen Währungsfonds, der zu seiner Zeit noch nicht mit der Rettung des Euros befasst war, sondern sich vor allem dem afrikanischen Kontinent widmete. Köhler herzt also Frau Johnson-Sirleaf, er plaudert längere Zeit sichtlich angeregt mit Königin Rania von Jordanien und treibt ein wenig Smalltalk mit David Cameron, dem britischen Premierminister und Vorsitzenden des Beratergremiums, der allerdings den Eindruck erweckt, als wisse er nicht so recht, woher er den Deutschen kennen sollte.

          Doch ist es eben Cameron und nicht Köhler, der auf diesem Felde wie ein Fremder wirkt. Das Engagement des Deutschen für Afrika, dem seit der Finanzkrise noch vergesseneren Kontinent, hat nichts aufgesetztes. Spekulationen, Köhler wolle das Amt für eine Art Comeback auf internationalem Parkett nutzen, will er gar nicht erst aufkommen lassen: „Die Schlagzeile ,Köhler will wieder was werden’ spart ihr euch bitte!“, sagt er den Journalisten.

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