https://www.faz.net/-gpf-zqaq

Horn von Afrika : Die neue Not

Somalische Hirten, die ihren gesamten Viehbestand wegen anhaltender Trockenheit verloren haben Bild: dpa

Bis zu 15 Millionen Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen von Hunger bedroht. Gründe sind die anhaltende Dürre, gestiegene Treibstoffkosten und hohe Nahrungsmittelpreise. Auch kriegerische Konflikte erschweren die Hilfslieferungen.

          3 Min.

          Gegessen wird mittlerweile in Schichten. „Montags sind die Kleinen an der Reihe, dienstags die Jungen, mittwochs die Mädchen“, berichtet Heribert Scharrenbroich, Vorsitzender von Care International in Deutschland. Vor wenigen Tagen kam er aus Äthiopien zurück. Dort habe er Unterernährte sogar in den Städten gesehen: „Das ist ein neues Phänomen.“ Bei der Deutschen Welthungerhilfe geht man noch weiter. Von einer Hungersnot spricht Bernhard Meier zu Biesen, der für die Region zuständige Direktor der Hilfsorganisation.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Rund sechs Millionen Kinder benötigen Nahrungsmittelhilfe

          Einigkeit besteht unter ausländischen Helfern darüber, dass Äthiopien im Zentrum einer Ernährungskrise steht. Am Horn von Afrika haben nach Angaben der Vereinten Nationen knapp 15 Millionen Menschen unter ihr zu leiden. Neben Äthiopien sind vor allem Somalia, aber auch weite Teile Kenias (860.000), der Norden Ugandas (700.000) und Djibouti (50.000) betroffen.

          Kinder bekommen Essen in einem Hilfscamp nahe Mogadischu, in der Region leben rund 300.000 Flüchtlinge in Notunterkünften

          Im Juni teilte die äthiopische Regierung mit, dass sich 4,6 Millionen Menschen nicht mehr selbst ernähren können. Fast acht Millionen Äthiopier erhalten ohnehin schon seit Jahren Nahrungshilfe. Im Mai schätzte Unicef die Zahl der Kinder, die in Äthiopien Nahrungsmittelhilfe benötigten, auf sechs Millionen. François Dumont, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in der Region Oromia arbeitet, sagt, allein in diesem Gebiet seien elf Prozent der Kinder unterernährt.

          Großhändler spekulieren auf noch höhere Preise

          Die Gründe für die neue Not sehen Fachleute in der anhaltenden Dürre, gestiegenen Treibstoffkosten und hohen Nahrungsmittelpreisen. Das Wirtschaftsmagazin „Economist“ erwartet, dass Äthiopien wegen des steigenden Ölpreises etwa eine Milliarde Dollar mehr für seinen Energiebedarf ausgeben muss: Das ist ungefähr die Summe, die das Land pro Jahr insgesamt an Devisen einnimmt. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) stieg aber auch der Preis für Mais in Äthiopien im vergangenen Jahr um 150 Prozent.

          Selbst in Städten, wo Nahrungsmittel zu kaufen sind, können sie sich viele Menschen nicht leisten. Die Statistikbehörde Äthiopiens bezifferte die Inflationsrate im Juni auf 25,3 Prozent, die für Nahrungsmittel auf 34,9 Prozent. Die Welthungerhilfe berichtet von äthiopischen Großhändlern, die ihre gutgefüllten Lager geschlossen halten, weil sie auf noch höhere Preise spekulieren.

          „Dürre nicht überbewerten“

          Die Ernährungskrise am Horn von Afrika ist wohl zum Teil selbst verschuldet. Im April 2008 fanden Kommunalwahlen statt, „da passte eine Hungersnot nicht in den Wahlkampf der Regierungspartei“, sagt Meier zu Biesen. Die äthiopische Regierung schätzt die Lage ganz anders ein. Eigene Zahlen zu Unterernährten oder den Menschen, die an den Folgen von Hunger gestorben sind, veröffentlicht sie jedoch nicht. „Wir müssen die Hungertrommel nicht jedes Jahr schlagen“, beschwichtigt der äthiopische Gesundheitsminister Kebede Worku: „Klar, es gibt Dürre in einigen Gegenden, aber wir sollten das nicht überbewerten.“

          Eigene Nahrungsreserven hat Äthiopien nach Angaben des Welternährungsprogramms WFP aufgebraucht und vorrangig an die städtische Bevölkerung verteilt. Die nächste Ernte wird im November erwartet, wenn alles gutgeht: Ob es überhaupt noch Saatgut gebe, wisse er nicht, sagt John Hoddington vom Forschungsinstitut für Ernährungspolitik IFPR in Washington.

          Somalia hat seit 18 Jahren keine handlungsfähige Regierung

          Knappheit ist ein Problem. Das andere sind die vielen Konflikte am Horn von Afrika. Zwischen Äthiopien und Eritrea, die lange Krieg gegeneinander geführt hatten, gibt es zwar einen Waffenstillstand, aber die Beziehungen sind äußerst angespannt. Äthiopien ist zudem für Importe auf den Hafen von Djibouti angewiesen. Einen eigenen Meereszugang hat das Land nicht. „Die Kapazitäten dieses Hafens sind zu klein für die Menge an Nahrungsmitteln, die in Äthiopien benötigt werden“, sagt der Care-Vorsitzende Scharrenbroich. Im Juni kam es dann auch noch zu Schießereien mit mehreren Toten zwischen Soldaten aus Eritrea und Djibouti. Ein Konflikt zwischen diesen beiden Staaten würde das Tor für Importe auf dem Seeweg nach Äthiopien vollends schließen.

          Am stärksten unter Krieg und Gewalt hat jedoch Äthiopiens Nachbarland Somalia zu leiden. Seit 18 Jahren gibt es dort keine handlungsfähige Regierung: „Wenn das so weitergeht, dann haben wir am Ende des Jahres Zustände wie in den Jahren 1992 und 1993“, sagt ein WFP-Sprecher. Damals waren mehrere hunderttausend Somalier verhungert. Heute leben alleine entlang der Straße von Mogadischu ins 30 Kilometer entfernte Afgoje mehr als 300.000 Flüchtlinge in Notunterkünften.

          Kriminalität und Kriege bedrohen die Versorgungswege

          Insgesamt sind nach Angaben der UN 3,5 Millionen Menschen in Somalia auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, das ist fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Der für Somalia zuständige WFP-Landesdirektor Peter Goosens befürchtet, der Nachschub könnte bald ganz zusammenbrechen, wenn Piraten die Versorgung über den Seeweg weiter behindern. Fast alle Hilfsgüter gelangen über den Seeweg nach Somalia.

          Doch nicht nur Kriminalität und Kriege sind Gründe für die Knappheit. Somalia hat eine der längsten Küsten Afrikas, aber dort ist es verpönt, Fisch zu essen. Und im Nachbarland Äthiopien essen die meisten am liebsten ein Fladenbrot aus Teff. Das ist eine Hirseart, die auf der Hälfte aller Felder angebaut wird. Ihr Ertrag ist viermal geringer als der anderen Getreides.

          Weitere Themen

          Jusos wählen neuen Chef im Herbst Video-Seite öffnen

          Kühnert gibt Vorsitz ab : Jusos wählen neuen Chef im Herbst

          Juso-Chef Kevin Kühnert will sein Amt an der Spitze der SPD-Jugendorganisation im November vorzeitig aufgeben: Der Vizeparteichef will bei der Wahl im kommenden Jahr für den Bundestag kandidieren.

          Topmeldungen

          Identitätspolitik : Junge Linke gegen alte Linke

          Was alte Linke über Minderheiten sagen, finden junge Linke rassistisch. Und was die Jungen sagen, galt bei den Alten früher als Vorstufe des Faschismus. Es geht ein tiefer Riss durch das linke Lager.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.