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Proteste in Hongkong : Polizei beendet Belagerung von Universität

Polizisten am Universitätscampus in Hongkong am Freitag Bild: dpa

Nachdem die Polizei auf dem Universitätsgelände in Hongkong Beweise gesichert hat, hat sie den Belagerungsring aufgehoben. Die Sicherheitskräfte kündigten an, Gesetzesverstöße weiter zu verfolgen.

          3 Min.

          Niemand weiß genau, ob sich am Ende noch einzelne Aktivisten auf dem Campus der Polytechnischen Universität in Hongkong versteckt hielten, um einer Festnahme zu entgehen. Die Polizei traf jedenfalls niemanden mehr an, als sie am Donnerstag erstmals seit dem Beginn der Belagerung das Gelände betrat. Rund 400 Beamte waren einen Tag lang damit beschäftigt, Brandbomben, Chemikalien und Beweise für spätere Gerichtsverfahren sicherzustellen. Am Freitag zog die Stadt dann einen Schlussstrich unter eines der dramatischsten Kapitel der jüngeren Hongkonger Protestgeschichte.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Gegen Mittag löste die Polizei ihren Belagerungsring rund um das Hochschulgelände auf. Zwölf Tage lang hatte sie die Universitätsbesetzer dort eingekesselt, nachdem es am 17. November vor dem Campus zu schweren Ausschreitungen gekommen war. Mehr als 1100 Personen waren eingeschlossen worden. Zwischenzeitlich sah es gar danach aus, dass die Polizei das Gelände stürmen würde. Doch letztendlich konnte eine gewaltsame Eskalation vermieden werden. Mithilfe von Vermittlern wie Sozialarbeitern, Lehrern, Abgeordneten und Kirchenleuten gelang es, die meisten der Eingeschlossenen zur Aufgabe zu bewegen. Selbst jene, die zuvor einen Endkampf ausgerufen und gelobt hatten, eher zu sterben als sich zu stellen. Hunger, Durst, die Angst vor einer Stürmung und die ausweglose Situation trieben sie schließlich vom Campus. Um nicht von der Polizei abgeführt zu werden, begaben viele sich zunächst in die Obhut von Medizinern. 318 von ihnen waren Minderjährige, die nach der Aufnahme ihrer Personalien nach Hause gehen durften.

          Alle übrigen wurden festgenommen. Doch Juristen gehen davon, dass die allermeisten nicht angeklagt werden, weil ihnen keine Gewalttaten nachgewiesen werden können. Nur einigen wenigen gelang in den zwölf Tagen die Flucht aus dem Polizeikessel. Sie konnten sich mit einem Schlauch auf eine Brücke abseilen. Andere Fliehende liefen der Polizei direkt in die Arme oder krochen aus dem Abwassersystem wieder hervor, in dem sie vergeblich nach einem Fluchtweg gesucht hatten.

          Ein Polizeisprecher sagte am Freitag, man sei „froh, dass der Prozess friedlich beendet werden konnte. Ich will klarstellen, dass wir immer zwei Prinzipien gefolgt sind: ‚Friedliche Lösung‘ und ‚Flexibilität‘. Zugleich betonte er: „Die Polizei hat null Toleranz für Gewalt oder Gesetzesverstöße und wird die Ermittlungen in diesem Fall fortsetzen.“ Prodemokratische Abgeordnete hatten der Polizei vorgeworfen, dass die Belagerungstaktik „unmenschlich“ und willkürlich gewesen sei.

          Schon in den ersten Tagen der Besetzung hatten die Aktivisten sich an den Chemielaboren der Universität zu schaffen gemacht und den backsteinroten Innenhof in eine Bombenbauwerkstatt verwandelt. Am Freitag zog die Polizei Bilanz: Insgesamt seien mehr als 4000 Molotowcocktails sichergestellt worden. Dazu noch mehr als tausend Benzinkanister und hunderte Gefäße mit Chemikalien. Ein Teil des Benzins stammte offenbar von Fahrzeugen, die auf dem Parkplatz der Universität abgestellt waren. 44 Autos wurden nach Polizeiangaben beschädigt. Unter den sichergestellten Waffen waren außerdem zwölf Bogen mit 200 Pfeilen und ein Luftgewehr.

          Der Campus glich ansonsten einer Müllhalde. Auf Fotos war zu sehen, dass verrottete Essensreste, Mobiliar, Wasserflaschen und Kampfausrüstung wie Regenschirme und Kleidung überall auf dem Boden verstreut lagen. An den Wänden haben die Aktivisten Parolen wie „Gib mir Freiheit oder gib mir den Tod“ hinterlassen.

          Die Leitung der Poly-Universität teilte mit, dass nur 46 der 1100 festgenommenen oder registrierten Besetzer Studenten der Hochschule gewesen seien. Sie übernahm am Freitag wieder die Aufsicht über den Campus, der weiterhin für die Öffentlichkeit geschlossen bleiben soll, bis die unhygienischen Bedingungen und Sicherheitsrisiken beseitigt worden seien.

          Die Hochschulen waren zu einem Fokus der Protestbewegung geworden, nachdem die Polizei immer häufiger Festnahmen auf dem Campus vorgenommen hatte oder in unmittelbarer Umgebung der Universitäten Stellung bezogen hatte. Zugleich waren die Hochschulen zu einem Ziel von Vandalismus geworden, nachdem ein Student in einem Parkhaus tödlich verunglückt war und die Leitung seiner Universität nicht der Forderung der Aktivisten entsprochen hatte, die Polizei für dessen Tod verantwortlich zu machen. Mit der Besetzung der Polytechnischen Universität wich die Bewegung von ihrer bisherigen Strategie ab, die mit dem Bruce-Lee-Slogan „Sei Wasser“ umschrieben wird.

          Die Aktivisten wollen an diesem Wochenende zu bewährteren Formen des Protestes zurückkehren. Mit einem „Dankbarkeitsmarsch“ zum amerikanischen Konsulat soll das amerikanische Demokratie-Gesetz gefeiert werden, das Sanktionen gegen Personen ermöglicht, die für Menschenrechtsverletzungen in Hongkong verantwortlich gemacht werden. Am Freitagabend versammelten sich viele Demonstranten vor dem britischen Konsulat. Ziel ist es, andere Länder dazu zu bewegen, den Vorbild der Vereinigten Staaten zu folgen.

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