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Proteste in Hongkong : Am Siedepunkt der Wut

Ein Demonstrant geht an einer brennenden Barrikade vorbei. Bild: dpa

In Hongkong wollen die Demonstranten der Pekinger Führung die Jubelfeiern zum 70. Jahrestag vermiesen. Manche Teilnehmer stilisieren den Protest zu einer Art „letztem Kampf“. Auch die Moderaten zeigen sich trotzig.

          4 Min.

          Kurz bevor in Hongkongs Innenstadt die Stimmung kippt, brechen die Demonstranten noch einmal in Jubel aus. Ein paar Vermummte haben ein großes Banner von einem Baugerüst geschnitten. Darauf steht ein Slogan, der die Volksrepublik China zum 70. Jahrestag ihrer Gründung am Dienstag beglückwünscht. Aber nach wenigen Minuten liegt die Plane brennend auf der Straße.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Demonstranten wollen Peking die Feier vermiesen und haben den Dienstag zu einem „nationalen Tag der Trauer“ ausgerufen. Sie tragen schwarze Kleidung, schwarze Luftballons und lassen Totengeld von den Fußgängerbrücken herunterflattern. Dieses Papiergeld wird nach chinesischer Tradition normalerweise den Geistern geopfert. „Tod der KP China, das ist die Bedeutung des Geldes“, sagt eine junge Frau, die dicke Bündel davon in die Menge wirft.

          Von der brennenden Plane ziehen die Leute ein paar hundert Meter weiter. Dort befinden sie sich plötzlich direkt in der Kampfzone. Hier liegt das Regierungsviertel der Sonderverwaltungszone Hongkong. Die „Frontliner“, so nennen sich die militanten Demonstranten der vordersten Reihe, haben Pflastersteine auf einer Straßenbegrenzung gestapelt. Auch ein mutmaßlicher Brandsatz in Form einer Bierflasche steht bereit. Auf einem Fußgängerüberweg haben sich die Polizisten in voller Montur verschanzt. Etwas verdeckt hinter einer Hochstraße steht ein Wasserwerfer. Dieser beginnt, blaue Flüssigkeit zu verschießen. Dann fliegen erste Tränengasgranaten zwischen die Demonstranten. Mit Schirmen, Gasmasken und Helmen versuchen sie, sich vor dem giftigen Nebel zu schützen.

          Ein Demonstrant wirft bei Protesten während des chinesischen Nationalfeiertags einen Molotow-Cocktail. Bilderstrecke

          „Fünf Forderungen, nicht eine weniger!“

          Was dann folgt, ist Chaos. An mehreren Stellen der Innenstadt brennen später die Barrikaden. Wie schon bei früheren Protesten liefern sich Polizei und Protestler ein Katz- und Mausspiel zwischen den Hochhausschluchten. Dabei rufen sie Parolen und singen ihre Protesthymne. Sie strecken ihre Hände mit den fünf ausgestreckten Fingern hoch. Das ist das Symbol für die fünf Forderungen der seit 17 Wochen währenden Proteste: freie Wahlen, Amnestie für festgenommene Aktivisten, vollständige Rücknahme des Entwurfs für das Auslieferungsgesetz, Untersuchung der Polizeigewalt, Rücknahme der Einstufung der Demonstranten als „Unruhestifter“. „Fünf Forderungen, nicht eine weniger!“, rufen die Demonstranten im Chor.

          Neu ist, dass es an mehreren Stellen der Stadt gleichzeitig zu Ausschreitungen kommt. An einer von ihnen eskaliert die Lage: Einem Demonstranten wird von einem Polizisten in die Brust geschossen. Die Polizei bestätigt später, dass dabei scharfe Munition benutzt worden sei. Bei dem Angeschossenen soll es sich um einen Schüler handeln. Es kursiert ein Video, das die Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizei zeigt. Eine Person schlägt mit einer Stange auf die Hand eines Polizisten. Dieser zieht eine Pistole und zielt aus nächster Nähe auf die Brust der Person. Der Schüler befindet sich Berichten zufolge in einem kritischen Zustand.

          Die Polizei hatte zuvor ausdrücklich gewarnt, dass es am Dienstag „sehr, sehr gefährlich“ werden könnte. Seit Wochen war das Gründungsjubiläum ein Fixpunkt der Demonstrationen in Hongkong. Lange hieß es, dass Xi Jinping bis zu diesem Zeitpunkt Ruhe in der Sonderverwaltungszone wünsche. Später schien die Führung ihre Taktik zu ändern und die Unruhen einfach aussitzen zu wollen. Kurz vor dem entscheidenden Tag stilisierten manche Teilnehmer den Protest zu einer Art „letztem Kampf“ hoch.

          Für die Demonstranten sind die Feierlichkeiten „Propaganda“

          Viele befürchten, dass die Behörden nach dem Jahrestag jegliche Hemmungen fallen lassen könnten. „Gebt uns Freiheit oder den Tod“, kündigten zwei Vermummte mit viel Pathos in der Stimme am Montag an. Als Ort für ihre Pressekonferenz wählten sie ein Monument im Stadtteil Hongkong Central, mit dem gefallener Soldaten gedacht wird.

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