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25 Jahre Rückgabe an China : Hongkong ist nur noch ein Schatten seiner selbst

Der Victoria Park in Hongkong, wo jahrelang Mahnwachen für die Opfer des Tiananmen-Massakers stattfanden. Bild: Reuters

China hatte Hongkong für 50 Jahre ein hohes Maß an Autonomie versprochen. Doch davon ist nichts mehr übrig. Wie geht es den Menschen dort zwei Jahre nach der Zerschlagung der Demokratiebewegung?

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          Es gibt in Hongkong nicht mehr viele Leute, die noch so mutig und entschlossen sind wie Kalai Leung. Oft wird sie von Freunden gefragt, warum sie überhaupt noch als Journalistin arbeitet. „Sie halten das für sinnlos und finden, ich sollte lieber Blumen verkaufen“, sagt Leung. Manche haben sich von ihr abgewandt, weil sie Probleme fürchten, wenn sie mit einer Journalistin in Verbindung gebracht werden. Dabei gehörte Leung bis vor einem Jahr noch zum gesellschaftlichen Mainstream. Sie arbeitete als leitende Reporterin bei „Apple Daily“, einer der auflagenstärksten Zeitungen der Stadt. Dann zwang die Polizei den Verlag zur Schließung. Der Gründer Jimmy Lai und seine führenden Mitarbeiter sitzen im Gefängnis. Mehr als tausend Journalisten wurden in Hongkong innerhalb weniger Monate entlassen. Sie arbeiten jetzt als Lieferdienstfahrer, bei McDonald’s oder in der Werbebranche. Andere sind ins Ausland geflohen.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Aber Kalai Leung will nicht aufgeben. Sie sitzt in einer Bar vor einem Glas Weißwein, die tätowierten Oberarme auf den Tisch gestützt, und erklärt warum. Die Journalistin betreibt ihre eigene Website mit 400 zahlenden Abonnenten. „Ich kann das machen, weil ich keine Kinder habe“, sagt sie. Leung versteht sich als Dokumentarin eines Hongkong, das es nicht mehr gibt. Sie berichtet über die Gerichtsverhandlungen der jungen Aktivisten, die während der Massenproteste von 2019 als Helden galten und jetzt im Gefängnis nur noch selten Besuch bekommen. Sie sagt: „Ich will ihre Geschichten aufschreiben, damit sie sich nicht fühlen wie weggeworfene Kondome.“ Sie lebt in dem Bewusstsein, dass irgendwann auch bei ihr die Polizei vor der Tür stehen könnte.

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