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Homosexuellenehe : Obamas Evolutionen und Romneys Wahlarithmetik

  • -Aktualisiert am

Auf dem Times Square: Übertragung des Obama-Interviews Bild: CHANG W. LEE/The New York Times/

Der amerikanische Präsident spricht sich nun für die Homosexuellenehe aus - und geht damit ein Risiko ein: 50 Prozent der Amerikaner sind dafür, 48 Prozent gegen die gesetzliche Zulassung.

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          Evolutionen bilden keinen geraden Entwicklungsvektor ab, sie bestehen aus Stagnation und Sprüngen. Präsident Barack Obama hat soeben einen Evolutionssprung vollzogen. So jedenfalls hat er es selbst dargestellt: Nach einem jahrelangen Reifungsprozess seiner Gedanken und Gefühle, der zuletzt entscheidend von Gesprächen mit seinen Töchtern Sasha und Malia fermentiert worden sei, sei er nun für die Homosexuellenehe. „Ich bin jetzt zu dem Schluss gekommen, dass es für mich persönlich wichtig ist, voranzugehen und zu betonen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können sollten“, sagte Obama in einem am Donnerstag im Frühstücksfernsehen des Senders ABC ausgestrahlten Interview. Auszüge des Gesprächs hatte der Sender schon am Mittwochabend veröffentlicht.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die verklausulierte Formulierung zeigt, dass Obama seine Kehrtwende gleichsam in wahlkampftaktische Watte zu verpacken sucht. Vor den Wahlen von 2008 hatte sich Obama noch gegen die Schwulen- und Lesbenehe ausgesprochen, jedoch zugleich betont, dass er „mit der Frage kämpft“. Nun erwähnte Obama als Grund für seinen Sinneswandel neben seinen Töchtern auch homosexuelle Mitarbeiter seines Stabes, die gemeinsam Kinder großzögen. Und er vergaß die homosexuellen Männer und Frauen in Uniform nicht, die auf seinen Befehl im Kriegseinsatz ihr Leben riskierten, aber daheim nicht heiraten dürften.

          Damit erinnerte Obama nicht zufällig an den bisher größten Erfolg während seiner Amtszeit zur Überwindung der Diskriminierung von Homosexuellen in der amerikanischen Gesellschaft. Im Dezember 2010 stimmte der Kongress - mit den Stimmen der Demokraten und nicht weniger zentristischer Republikaner - für die Abschaffung der seit 1993 geltenden Regel „Don‘t Ask, Don‘t Tell“. Nach dieser Regelung durften Schwule und Lesben nur dann in den Streitkräften dienen, wenn sie ihre sexuelle Orientierung verbargen. Die Regelung „Frage nichts, sage nichts“ war unter Präsident Bill Clinton als Kompromiss mit den Republikanern gefunden worden auf dem Weg zur schrittweisen Überwindung der grundsätzlichen Ächtung von Homosexuellen durch das amerikanische Militär. Zwischen 1993 und Ende 2010 wurden etwa 14.000 Männer und Frauen wegen Homosexualität aus den amerikanischen Streitkräften entlassen.

          „Ignoriert biblische Grundlage der Ehe“

          Interessenvertreter von Schwulen und Lesben sowie Menschenrechtsgruppen hatten sich bitter enttäuscht gezeigt, dass der Präsident über die Abschaffung von „Don’t Ask, Don’t Tell“ hinaus bisher nicht mehr für Homosexuelle getan oder wenigstens gesagt hatte. Für seine Erklärung erhielt Obama erwartungsgemäß Lob von der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Campaign“, von „Amnesty International“ und vom unabhängigen New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Der konservative Kirchenverband „Southern Baptist Convention“ (SBC) geißelte dagegen die „kalkulierte wahltaktische Entscheidung“ des Präsidenten; mit seiner Haltung „ignoriert er vollkommen die biblische Grundlage der Ehe“, sagte SBC-Präsident Bryant Wright. Der katholische Kardinal Timothy Dolan, Vorsitzender der amerikanischen Bischofskonferenz, zeigte sich „sehr traurig“ über die Äußerung Obamas.

          Vereinigte Staaten : Obama spricht sich für die Homo-Ehe aus

          Welches politische Risiko Obama im Wahljahr mit seiner neuen Position im Streit um die Homosexuellenehe eingeht, ist schwer abzusehen. Hinzu kommt, dass es nicht die erste Kehrtwende Obamas ist. Als sich Obama 1996 um einen Sitz im Senat des Bundesstaates Illinois bewarb, gab er in einem Fragebogen für Kandidaten an, er unterstütze die Homosexuellenehe; später ließ er diese Position von seinem Stab widerrufen. Als Obama 2004 den Einzug in den Senat in Washington anstrebte, teilte er mit: „Ich bin Christ. Ich glaube aus Tradition und religiöser Überzeugung, dass die Ehe der heilige Bund zwischen einem Mann und einer Frau ist.“ Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2008 bekräftigte Obama diese Haltung.

          Obamas Sinneswandel dürfte mit wahltaktischem Kalkül ebenso viel zu tun haben wie mit den Tochter-Gesprächen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup hat Anfang dieses Monats ergeben, dass 50 Prozent der Amerikaner für und 48 Prozent gegen die gesetzliche Zulassung der Homosexuellenehe sind. Wähler der Demokraten sind im Verhältnis von etwa zwei zu eins dafür, während bei Anhängern der Republikaner die Ablehnung deutlich überwiegt. Jungwähler im Alter zwischen 18 und 29 Jahren sprechen sich zu 65 Prozent für die Legalisierung der Homosexuellenehe aus. Die Tageszeitung „Washington Post“ hat zudem jüngst ermittelt, dass jeder sechste der größten Spendensammler Obamas homosexuell ist. Wenn Obamas Wahlkampfstab diesen Geldfluss aufrechterhalten will, dann müssen diese Großspender sowie seine Anhänger in der Filmindustrie in Hollywood mobilisiert werden.

          Obamas republikanischer Herausforderer Mitt Romney bekräftigte am Mittwoch und Donnerstag seine Haltung, wonach als Ehe ausschließlich die Lebensgemeinschaft eines Mannes und einer Frau definiert und gesetzlich geschützt werden soll. Romney stellt offenbar eine andere Rechnung an als Obama. Zwar schwindet in der Gesamtbevölkerung der Widerstand gegen die Homosexuellenehe. Aber in besonders umkämpften „Schlachtfeldstaaten“ ist eine deutliche Mehrheit weiter dagegen: In North Carolina etwa stimmten am Dienstag 61 Prozent der Wähler bei einem Referendum für einen Verfassungszusatz, der die Ehe als Lebensgemeinschaft eines Mannes und einer Frau festlegt und damit die Homosexuellenehe als verfassungswidrig verbietet. Vergleichbare Verfassungszusätze oder Gesetze wurden in insgesamt 42 der 50 Bundesstaaten angenommen.

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