https://www.faz.net/-gpf-82kvf

Holocaust-Überlebende Eva Kor : „Ein Opfer hat das Recht, frei zu sein“

Eva Kor vergibt Oskar Gröning. Bild: Privat

Die Geste der Holocaust-Überlebenden Eva Kor, die den Angeklagten Oskar Gröning im Lüneburger Auschwitz-Prozess demonstrativ umarmte, um ihm zu vergeben, bewegt auch Großbritannien. Kritikern antwortet sie im BBC-Interview mit eindrucksvollen Worten.

          Auch in Großbritannien findet der Prozess gegen den Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning Beachtung. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Geste der Holocaust-Überlebenden Eva Kor, die den Angeklagten am Mittwoch im Gerichtssaal umarmte. Die BBC fragte am Donnerstag in ihrer morgendlichen Radiosendung „Today” nach und erhielt bewegende Antworten der Amerikanerin. Sie habe den Nazis „verziehen, nicht weil sie es verdienen, sondern weil ich es verdiene”, sagte sie. Zunächst schilderte sie, wie schon in Lüneburg, ihr Schicksal als Forschungsobjekt des KZ-Arztes Josef Mengele.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Eva Kor und ihre Zwillingsschwester Miriam – damals hießen sie Mozes mit Nachnamen - waren zehn Jahre alt gewesen, als Mengele ihnen ein Gift spritzte. Obwohl ihnen der KZ-Arzt nach der Injektion ein Lebensdauer von nur zwei Wochen voraussagte, überlebten die Schwestern. Eindringlich appellierte Kor an alle, die etwas über die medizinischen Akten wissen, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. „Siebzig Jahre danach weiß ich noch immer nicht, was in meinen Körper injiziert wurde und in den meiner Schwester, die vor zwanzig Jahren gestorben ist”, sagte sie. „Jemand hat diese Akten. Mengele zerstörte sie nicht.”

          Die Umarmung Grönings, sagte Kor, sei nicht geplant gewesen. Sie habe ihm sagen wollen, dass sie gegen ihn aussagen werde und ihm zugleich dafür danken wollen, dass er mit der Übernahme von Verantwortung für seine Taten „ein bisschen menschliche Würde” gezeigt habe. Ihn mit 93 Jahren ins Gefängnis zu stecken wäre „absurd”, sagte Kor. Er könne aber etwas Gutes tun, wenn er Neonazis und Rechtsextremen klarmache, dass ein Regime wie das der Nazis niemandem etwas bringe – „weder den Nazis, noch den Deutschen, und erst recht nicht den Opfern”.

          „Bin keine bemitleidenswerte Person“

          Kor sei für ihre versöhnliche Haltung „stark kritisiert“ worden, stellte die BBC-Interviewerin fest, woraufhin Kor sagte: „Sie haben mich nicht nur kritisiert, sie nannten mich eine Verräterin.“

          Eine Frage, die sie oft an andere KZ-Überlebende stelle, lautet: „Wie kann meine Bereitschaft zu vergeben, dich verletzen?” Sie wisse, was die Nazis ihr angetan hätten, aber sie wolle sich nicht in die typische Opfer-Rolle fügen. „Ich bin keine bemitleidenswerte Person, ich bin ein siegreicher Mensch, dem es gelungen ist, den Schmerz hinter mir zu lassen.“

          „Ein Opfer hat das Recht frei zu sein – und man kann nicht frei sein von dem, was einem angetan wurde, wenn man diese tägliche Last aus Schmerz und Wut nicht abschüttelt.”

          Weitere Themen

          Der unsichtbare Feind

          FAZ Plus Artikel: Kampf gegen Ebola : Der unsichtbare Feind

          Im Nordosten Kongos kämpfen Ärzte gegen einen abermaligen Ebola-Ausbruch. Doch nicht nur das Virus ist eine Gefahr – auch der Bürgerkrieg erschwert die Lage dramatisch. Er ist schlimm, schlimmer ist aber das Misstrauen der Menschen.

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.