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Polnische Holocaust-Forscher : Vom Gericht zur Entschuldigung verurteilt

Polnische Juden werden 1943 während der Zerstörung des Warschauer Ghettos zur Deportation durch deutsche SS-Soldaten abgeführt. Bild: dpa

Zwei Historiker schreiben, ein polnischer Ortsvorsteher habe an der Ermordung von Juden unter deutscher Besatzung mitgewirkt. Nun sind sie in Warschau dazu verurteilt worden, für die Aussage um Entschuldigung zu bitten.

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          Das Bezirksgericht in Warschau hat am Dienstag zwei Historiker dazu verurteilt, für die mangelhaft dokumentierte Aussage, ein polnischer Ortsvorsteher habe an der Ermordung von Juden unter deutscher Besatzung mitgewirkt, um Entschuldigung zu bitten. Die bekannten Holocaust-Forscher Barbara Engelking und Jan Grabowski waren von der Nichte des verstorbenen Ortsvorstehers angeklagt worden. Die Zahlung einer Geldstrafe wies das Gericht jedoch zurück. Anlass der Klage war das 2018 erschienene Buch „Dalej jest noc“ („Und immer noch ist Nacht“), eine zwei Bände umfassende Untersuchung darüber, ob und wie Juden in der polnischen Provinz während des Holocausts überleben konnten.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Die Vorgänge in dem Dorf Malinowo nahe der heutigen Grenze zu Belarus hatten die Autoren des Buches folgendermaßen geschildert. Die Jüdin Estera (geborene Siemiatycka) wandte sich demnach 1942 auf der Flucht an den Dorfschulzen von Malinowo, Edward Malinowski: Er möge ihr helfen, mit falschen Papieren zu einem Arbeitseinsatz ins nahegelegene Ostpreußen zu gelangen. Der Mann half ihr bei ihrem Vorhaben, nahm aber einige ihrer Habseligkeiten an sich. Weiter heißt es, später sei Estera zu Malinowski zurückgekehrt, obwohl sie sich „dessen bewusst war, dass er Mitschuld trug am Tod von mehreren Dutzend Juden, die sich im Wald versteckt hatten und an die Deutschen ausgeliefert wurden“.

          Zwei Malinowskis verwechselt?

          Dennoch habe sie in einem Prozess in Polen 1950 über diese Vorgänge zu seinen Gunsten falsche Aussagen gemacht. Malinowski wurde damals freigesprochen. Seine Nichte, die Klägerin im aktuellen Prozess, sagte, im 2018 erschienenen Buch würden zwei Malinowskis aus diesem Ort teilweise verwechselt, der Mitschuldige am Tod der Juden sei außerdem eine dritte Person gewesen.

          Die Historikerin Engelking erläuterte kürzlich auf der Internetseite ihres Instituts, dem Zentrum für Holocaustforschung an der Polnischen Akademie der Wissenschaften, sie habe sich auf Aussagen der Jüdin, die inzwischen als Maria Wiltgren in Amerika lebte, aus dem Jahre 1996 gestützt.

          Wissen war nie wertvoller

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          Die Richterin sagte am Dienstag zur Urteilsbegründung, Nachfahren hätten ein Recht auf einen „Kult des Gedenkens an einen Verstorbenen“. Auch wenn die Freiheit wissenschaftlicher Forschung gelte und das Buch das „ehrenwerte Ziel“ habe, das Verhalten der polnischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung aufzuklären, gelte auch für die Forschung die „Regel der Redlichkeit“. Weitergehende Anliegen der Klägerseite, etwa die Aussage, die Klägerin sei durch das Buch in ihrer „nationalen Identität“ verletzt worden, wies die Richterin als „fragwürdig“ zurück.

          In der Zeitung „Dziennik“ schilderte die 80 Jahre alte Klägerin Filomena Leszczynska, dass sie Schützenhilfe bekommen habe: Es sei ein Vertreter einer nationalkonservativen Gruppe namens „Redoute des guten Namens (Polens)“ zu ihr gekommen und habe gesagt, „sie könnten sich der Sache annehmen“. Die Gruppe hat mehrfach gegen vermeintlich falsche Darstellungen polnischer Geschichte prozessiert. Engelking sagte, Ziel solcher Verfahren sei es, die Glaubwürdigkeit bestimmter Wissenschaftler zu untergraben, und sie finanziell unter Druck zu setzen. Der Zeithistoriker Andrzej Paczkowski sagte, der angestrengte Prozess habe „einen eindeutig politischen Hintergrund“.

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