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Hollande in Algerien : Gemeinsam gegen die Terroristen

Mit höchsten Ehren empfangen: Präsident Hollande am Flughafen in Algier Bild: AFP

Lange herrschte zwischen Frankreich und Algerien eine diplomatische Eiszeit. Das hat Präsident Hollande nun geändert. Bei seinem Besuch in der ehemaligen Kolonie zieht er alle Register - wobei sich Paris vor allem eines vom neuen Partner erhofft.

          Die Klänge der Marseillaise am Flughafen Houari Boumedienne in Algier kündeten am Montag von einer der spektakulärsten Veränderungen in der französischen Außenpolitik. François Hollande hat nach Jahren diplomatischer Eiszeit das Verhältnis zur früheren Kolonie Algerien normalisiert. Der Empfang, der dem sozialistischen Präsidenten bei seinem eintägigen Arbeitsbesuch in Algier bereitet wurde, zeugt vom neuen, beiderseitigen Verständigungswillen. Paris setzt künftig im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus ganz auf die Kooperation mit der algerischen Staatsführung.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Gerade ist der Vater des aus Algerien stammenden Dschihadisten Mohammed Merah, der im März 2012 in Toulouse und Montauban sieben Menschen erschossen hatte, aus Frankreich ausgewiesen worden. Der Hinweis auf den illegalen Aufenthalt Merahs, der die französische Polizei des Mordes an seinem Sohn bezichtigt, kam aus seinem Heimatland Algerien. Frankreich zählt mehr denn je auf den algerischen Geheimdienst, um potentielle Terroristen aufzuspüren.

          Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit im bewaffneten Kampf gegen die Dschihadisten-Gruppen in Mali. Algerien hat seit Januar 2013 der französischen Luftwaffe seinen Luftraum für Angriffe in den Rückzugsgebieten der islamistischen Terrorgruppen geöffnet – eine Premiere seit der Unabhängigkeit des Landes. Auch beim Nachschub und bei der Aufklärung unterstützt Algerien den französischen Militäreinsatz in Mali. Frankreich wiederum hat Algerien eine führende Rolle bei den Friedensverhandlungen zwischen Bamako und den Touareg-Gruppen im Norden Malis übertragen. „Wir haben inzwischen eine Verteidigungszusammenarbeit, die es unseren Soldaten erlaubt, sich auszutauschen, zusammenzuarbeiten und gemeinsam ausgebildet zu werden“, sagte ein Berater aus dem Elysée-Palast.

          Frankreich und Algerien haben sich zudem in der Libyen-Politik angenähert. Die algerische Staatsführung hatte die französisch-britische Militärintervention in Libyen scharf verurteilt und einen Teil der Familie des gestürzten Diktators Muammar al Gaddafi aufgenommen. Doch Hollande hat sich vom Erbe seines Vorgängers Nicolas Sarkozy distanziert. Er stimmt mit dem algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika darin überein, dass das derzeitige Chaos in Libyen auf die kurzsichtig geplante Militäroperation zurückzuführen ist. Beim Gespräch Hollandes mit dem gesundheitlich schwer angeschlagenen Bouteflika in dessen Residenz in Zeralda im Westen der algerischen Hauptstadt war das weitere Vorgehen in der Libyen-Krise ein wichtiges Thema.

          „Der Islam ist in Frankreich und wird bei uns bleiben“

          Die Begleitmusik zur harmonischen Algerien-Visite ließ Hollandes Premierminister Manuel Valls am Montag in Paris erklingen. „Der Islam ist in Frankreich und wird bei uns bleiben“, sagte Valls vor einem neu gegründeten Gremium mit dem Titel „Dialog mit dem Islam Frankreichs“. „Der Islam ruft noch viel Unverständnis hervor, er weckt Vorurteile bei einem Teil unserer Mitbürger“, sagte der Regierungschef an das muslimische Publikum gerichtet. „Ich will nicht, dass Sie sich wie Komplizen von Terrorakten fühlen müssen, die Sie nicht wollten und die Sie nicht unterstützt haben“, sagte Valls und spielte damit auf die Terroranschläge vom Januar in Paris an. Das Blutbad der aus Algerien stammenden Brüder Said und Cherif Kouachi in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ hatte Befürchtungen vor einer neuen Welle der Islamophobie geweckt.

          In Algier war irritiert zur Kenntnis genommen worden, dass Politiker des Front National an die Vorhersagen des früheren algerischen Staatschefs Houari Boumedienne (1965–1978) erinnerten. Boumedienne hatte 1974 vor den Vereinten Nationen prophezeit: „Eines Tages werden Millionen Männer die südlichen Breitengrade verlassen, um sich in den nördlichen Breitengraden niederzulassen, und sie kommen nicht als Freunde, denn sie ziehen aus, um zu kämpfen und zu siegen, und sie werden durch ihre Söhne siegen. Die Gebärmütter unserer Frauen werden uns den Sieg bringen.“ Die Debatte reicht inzwischen so weit, dass der Vorsitzende der Republikaner, Nicolas Sarkozy, das Einbürgerungsrecht für auf französischem Boden geborene Kinder (ius soli) in Frage stellen will.

          Auch vor diesem Hintergrund war es Hollande wichtig, in Algier eine Gegenposition einzunehmen. Der Sozialist nimmt dabei in Kauf, einen greisen, kranken Präsidenten zu stützen, der für ein erstarrtes, reformunfähiges Regime steht. Hollande war Bouteflika bereits im Dezember 2012 weit entgegengekommen, als er vor dem algerischen Parlament ausdrücklich die Leiden anerkannte, die das Land durch die französische Kolonialherrschaft erlitten hat. Anfang Mai würdigte der französische Veteranenminister in Sétif die algerischen Opfer der von den französischen Kolonialherren verübten Massaker. Diesen staatlichen Reue-Bezeugungen hatte sich Sarkozy stets verweigert. Die politische Annäherung hat auch die wirtschaftliche Kooperation verbessert. Im Mai weihte Außenminister Laurent Fabius in Annaba eine neue Fabrik von Alstom ein. In Oran eröffnete der Automobilhersteller Renault ein großes Werk. Im Elysée-Palast heißt es, Frankreich wolle China den Platz als wichtigster Lieferant Algeriens streitig machen.

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