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Französische Polizisten : Stress und Suizid

Die „Gelbwesten“-Proteste sind nur ein Beispiel für den Hass, den französische Polizisten aktuell erfahren. Bild: AFP

Schlechte Ausrüstung, eine nachlässige Justiz und Anfeindungen aus dem eigenen Volk: Auf französischen Polizisten lastet momentan mehr Druck denn je. Für manche gibt es nur einen Ausweg.

          Noch nie war der Hass auf die Polizei in Frankreich so groß. Das hat die größte französische Polizeigewerkschaft Alliance am Montag beklagt. Bei den „Gelbwesten“-Protesten in Paris am Osterwochenende hatten Demonstranten die Sicherheitskräfte in Sprechchören zum Suizid aufgefordert. „Bringt euch um“, riefen sie den Polizisten zu. Frankreichs Polizei ist im Dauerstress.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Überbelastung hat nach Auffassung der Gewerkschaften zu einer ungewöhnlich hohen Selbstmordrate unter den Beamten geführt. Im vergangenen Jahr nahmen sich 35 Polizisten sowie 33 Gendarmen das Leben, oft mit ihrer Dienstwaffe. Seit Jahresbeginn sind bereits 28 Suizidtote unter den Sicherheitskräften zu beklagen. Auch deshalb riefen die Sprechchöre der „Gelbwesten“-Demonstranten öffentliche Empörung hervor. Innenminister Christophe Castaner schrieb auf Twitter, die Demonstranten sollten sich schämen.

          Am Karfreitag hatten sich überall in Frankreich Polizisten schweigend vor den Kommissariaten versammelt, um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen. Wenige Stunden zuvor hatte sich ein 25 Jahre alter Polizeibeamter, der im 13. Arrondissement in Paris eingesetzt war, mit seiner Dienstwaffe getötet. Eine 48 Jahre alte Polizeibeamtin, Mutter von zwei Kindern, hatte sich am Vortag in Montpellier in ihrem Dienstbüro eine Kugel direkt ins Herz geschossen.

          Die Sündenböcke politischer Fehlentscheidungen

          Die Polizeigewerkschaften führen die Selbstmordwelle darauf zurück, dass viele Kollegen in ihrem beruflichen Alltag verzweifelten. Die „schnelle und präzedenzlose Aufeinanderfolge“ dramatischer Einsätze sei „unerträglich“, heißt es in einem Schreiben der Polizeigewerkschaften an den Innenminister. Es sei höchste Zeit, dass „starke und sofort wirksame Maßnahmen“ ergriffen würden.

          Auch wenn die „Gelbwesten“-Proteste abgeflaut sind, haben die Polizisten zum 23. Samstag in Folge Überstunden leisten müssen. Aber nicht nur der Mangel an Ruhezeiten stresst die Polizisten. Sie haben immer stärker das Gefühl, dass sie für politische Fehlentscheidungen oder Versäumnisse den Kopf hinhalten müssen. In den Vorstädten der großen Metropolen sei die Entwicklung besorgniserregend.

          Mit dieser Warnung hatte Innenminister Gérard Collomb im vergangenen Oktober das Ministerium verlassen. Der Sprecher der Polizeigewerkschaft Alliance, Frédéric Lagache, spricht von rechtlosen Zonen in der Banlieue, in denen kriminelle Banden das Sagen hätten. Die Polizei fühle sich schlecht gewappnet, um dort für Recht und Ordnung zu sorgen.

          Polizisten setzen sich öffentlich zur Wehr

          In traumatischer Erinnerung ist vielen Sicherheitskräften noch der Brandanschlag im Oktober 2016 auf zwei Polizeifahrzeuge, die in der Nähe der Vorstadt La Grand Borne in einen Hinterhalt gelockt worden waren. Vier Polizisten, darunter zwei Frauen, erlitten schwere Brandverletzungen. Nach dem Anschlag gründeten die Beamten eine Vereinigung „Policiers en colère“ („Polizisten in Wut“).

          Sie verlangen eine bessere Ausrüstung, Neueinstellungen und ein härteres Durchgreifen der Justiz. Auch die Arbeitszeiten wurden kritisiert. Der Überstunden-Überhang in der Polizei ist überdurchschnittlich hoch. Doch im vergangenen November nahm sich die Vorsitzende der Vereinigung, Maggy Biskupski, selbst mit ihrer Dienstwaffe das Leben.

          Die 36 Jahre alte Frau hatte dem Leiden der Beamten in der Öffentlichkeit ein Gesicht gegeben. Im Fernsehen berichtete sie von den Mausefallen in ihrem Dienstbüro, von ihrem Spind, der bei starken Regenfällen jedes Mal unter Wasser stehe, und von dem „Kloakengeruch“ in den seit Jahren nicht renovierten Umkleideräumen. Noch schlimmer aber sei der Mangel an Personal und Fahrzeugen und die Passivität der Justiz.

          „Wir nehmen immer die gleichen Straftäter fest. Oftmals treffen wir sie am Tag nach der Festnahme wieder“, sagte sie in einer Fernsehsendung. Nach ihrem Selbstmord gab es Gerüchte, Biskupski habe Geld ihrer Vereinigung veruntreut. Doch die Malaise in der Polizei bleibt bestehen.

          Verantwortliche reden die Situation schön

          Schon 2016 nach dem Mord an einem Polizisten und seiner Frau durch einen islamistischen Terroristen war es zu Protesten der Polizei gekommen. Nach der Anschlagswelle, monatelangem Notstand, Massendemonstrationen gegen die Arbeitsrechtsreform, Euro 2016, und jetzt den „Gelbwesten“-Protesten seien die meisten Beamten ausgebrannt und erschöpft, sagte Lagache. Mehr als 1500 Beamte sind seit Beginn der „Gelbwesten“-Proteste verletzt worden.

          Innenminister Castaner hat angekündigt, eine eigene Präventionsstelle für suizidgefährdete Beamte einrichten zu wollen. So soll eine Telefonnummer rund um die Uhr erreichbar sein, um Polizisten Hilfe leisten zu können. „Aber noch gibt es keinerlei psychologische Hilfe für Polizisten, die einen Kollegen durch Selbstmord verloren haben“, kritisierte Guillaume Lebeau vom Verein „Policiers en colère“. Viel zu häufig begnügten sich die Verantwortlichen damit, den Suizid auf „persönliche Probleme“ zurückzuführen.

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