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Trauung von Harry : Wir Zaungäste

  • -Aktualisiert am

Die Royals sind schon Influencer gewesen, bevor man dieses Berufsbild überhaupt kannte, sie sind berühmt dafür, berühmt zu sein. Bild: dpa

Eine Monarchie in Deutschland? Nur eine Minderheit wünscht sich das zurück. Zum Glück können wir die Royals im Vereinigten Königreich bewundern – und auch bemitleiden. Ein Kommentar.

          Im Jahre 1918 hat sich Deutschland von der Monarchie befreit. Hundert Jahre später nehmen Millionen Deutsche Anteil, wenn an diesem Samstag der britische Prinz Henry Charles Albert David von Wales, besser bekannt als Prinz Harry, die amerikanische Schauspielerin Meghan Markle heiratet. Wer das allein von vier deutschen Fernsehsendern übertragene Ereignis nicht live verfolgt, der wird den Bildern in den Abendnachrichten oder tagsüber in seiner Social-Media-Timeline begegnen. Sogar auf einer populären Nachrichtenseite im Netz trug der meistgelesene Beitrag eines Tages die Überschrift „Die royale Hochzeitstorte zum Nachbacken“. Ein Ausdruck royaler Phantomschmerzen? Sind die Deutschen ein Volk verkappter Monarchisten?

          Fragt man die Bürger selbst, dann will kaum einer den alten Kaiser Wilhelm wiederhaben – und auch nicht irgendeinen anderen Kaiser, König, Großherzog oder Fürsten. In einer Umfrage vor zwei Jahren sprachen sich 72 Prozent der Befragten gegen ein deutsches Königshaus aus, gerade einmal 16 Prozent waren dafür; es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Werte seitdem dramatisch verschoben haben. Im deutschen Parlament sitzt keine Partei, welche die Wiedereinführung der Monarchie forderte, die AfD eingeschlossen – in deren Reihen man freilich auch eher Menschen findet, die sich nicht hundert, sondern allenfalls achtzig Jahre zurückträumen. Royales Gedankengut hat sich in Deutschland vor allem als Travestie erhalten. Wir küren Karnevalsprinzen und Weinköniginnen, und wenn einmal im Jahr das deutsche Volk einen Dschungelkönig ernennt, dann handelt es sich hierbei weniger um einen Ehrentitel als um ein Trostpflaster wegen öffentlich durchlittener Schmach und halbverdauter Kakerlaken. Selbst der letzte lebende deutsche Kaiser, Franz mit Namen, hat inzwischen viel von seinem Glanz verloren.

          Reality-TV-kompatible Royals

          Trotzdem, oder gerade deshalb, sind viele von uns noch immer fasziniert von Königshäusern und dabei – sorry, liebe Belgier und Liechtensteiner – in erster Linie von den Briten. Kein London-Besuch ist komplett ohne die Wachablösung vor dem Buckingham-Palast, kaum ein Trash-Souvenir ist beliebter als die Winke-Queen. Als Weltmarke spielen die Windsors in einer Liga mit Hollywood, der Fußball-Weltmeisterschaft und dem Vatikan. Während letztere Institution nur einen einzigen Star zu bieten hat, umgeben von ergrauten, wenig bekannten und durchweg männlichen Nebenfiguren, ist im Buckingham-Palast ein echtes All-Star-Team versammelt, von der unkaputtbaren Anführerin Elizabeth über Charles, den tragikomischen Thronfolger im Rentneralter, bis zum strebsamen William und seiner Frau Kate, die dem Hof pflichtbewusst ein Königskind nach dem nächsten liefert.

          Einer wie Harry passt da besonders gut rein, gerade weil er es nicht tut. Die bisherige Biographie des jungen Mannes, der als Kind auf so tragische Weise die Mutter verlor, liest sich wie eine Aneinanderreihung vergeblicher Ausbruchsversuche aus dem königlichen Korsett, sei es durch soldatische Einsätze fern der Heimat, flüchtige Romanzen oder exzessive Feiern, bei denen er auch mal die falsche, politisch bedenkliche Uniform trug. Diese Phase einer Mesut-Özil-artigen Orientierungslosigkeit scheint Harry überwunden zu haben, langweilig aber wird es mit ihm gewiss nicht werden – schon gar nicht, wenn er nun die charismatische Meghan an seiner Seite hat und im Schlepptau deren erstaunliche, zu weiten Teilen Reality-TV-kompatible, also irgendwie auch den Royals ähnelnde Sippschaft.

          Leben im goldenen Käfig

          Die modernen Repräsentanten der Königsfamilie wie Harry, Kate und William sind schon Influencer gewesen, bevor man dieses Berufsbild überhaupt kannte, sie sind berühmt dafür, berühmt zu sein, und sie müssen ihre in alle Welt verbreiteten Fotos nicht einmal selbst machen. Sie möchten gut aussehen, sympathisch rüberkommen, ein bisschen was Gutes tun und einigermaßen über die Runden kommen – und wir, die wir ja im Grunde das Gleiche im Sinn haben, schauen ihnen dabei zu, als Zaungäste.

          Wir starren hinein in ihren goldenen Käfig, halb bewundernd, halb mitleidig, während sie tapfer jene Rollen spielen, in die sie hineingeboren wurden. Sicher würde man als Mensch mit profanem roten Blut mal mit ihnen tauschen, aber nur ein paar Tage oder Stunden lang und auf gar keinen Fall für immer. Es ist ein Kostümtheater mit prächtigen, nicht immer geschmackvollen Kleidern und Uniformen, ohne gleich militaristisch zu wirken, eine spektakuläre Endlosserie, die uns anders als Netflix aber nichts kostet.

          Ein deutsches, vom hiesigen Steuerzahler finanziertes Königshaus hingegen wäre undenkbar, allein schon wegen der zu erwartenden erbitterten Neiddebatten. Monarchie ist machbar – aber bitte nur beim Nachbarn.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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