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Hizbullah gegen Israel : Die Angst vor dem ungewollten Krieg

Palästinensische Flüchtlinge am Samstag im libanesischen Grenzfdorf Maroun al-Ras: Sie bezeichnen die Gründung Israels als „Nakba“, als „Katastrophe“ Bild: AFP

Die Hizbullah beteuert, dass sie von ihren Stützpunkten im Süden Libanons aus keinen Krieg mit Israel beabsichtigt. Doch die schiitische Miliz provoziert und beobachtet, wie sich Israel unter Raketenbeschuss verhält.

          3 Min.

          Für das Ehepaar, das vor dem „Iranischen Garten“ in Maroun al-Ras steht, ist Israel erst einmal nur die Kulisse für ein Selfie. Von hier fällt der Blick nicht nur auf die nahen Grenzbefestigungen am Fuße des Berges; man kann kilometerweit ins südliche Nachbarland blicken. Mehrere Besucher des Ausflugsortes im Süden Libanons posieren vor der Hügellandschaft Galiläas, als wäre sie eine irgendwie schaurige Attraktion, ein verbotenes Land. Die militärische Kraftprobe, die jenseits der Grenze ausgetragen wird, scheint in weiter Ferne. Und doch ruft der Waffengang im Gazastreifen Befürchtungen hervor, die Gewalt könne auf Libanon übergreifen, das sich noch immer im Kriegszustand mit Israel befindet.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Als der Raketenbeschuss militanter Palästinenser auf israelische Städte ebenso eskalierte wie die Vergeltungsschläge der israelischen Luftwaffe, stand schnell die Frage im Raum, ob im Süden Libanons womöglich eine weitere Front eröffnet wird. Die Hizbullah, ein enger Alliierter des iranischen Regimes, das in weitaus geringerem Ausmaß auch die Hamas in Gaza fördert, kontrolliert die Gegend. Die schiitische Organisation und die israelische Armee wandeln seit Jahren am Rande eines neuen Krieges, obwohl diesen – zumindest derzeit – eigentlich keine der beiden Seiten will.

          In Libanon abgefeuerte Raketen landen im Meer

          Immer wieder erinnern Jagdbomber die Libanesen im Tiefflug an die militärische Übermacht Israels. Immer wieder kreisen Drohnen über dem Grenzgebiet oder den südlichen Vorstädten Beiruts, die wie der Süden Libanons von der Hizbullah beherrscht werden. Die Schiitenorganisation schickt ihrerseits Drohnen über die Grenze und wird nicht müde, sich in Vernichtungsfantasien zu ergehen und auf die zerstörerische Kraft der eigenen Raketen hinzuweisen, die im Falle eines Krieges auf israelische Städte niedergehen werden.

          Libanesische Soldaten nehmen am Samstag einen palästinensischen Jugendlichen fest, der versucht, sich in Richtung einer israelischen Siedlung zu schleichen.
          Libanesische Soldaten nehmen am Samstag einen palästinensischen Jugendlichen fest, der versucht, sich in Richtung einer israelischen Siedlung zu schleichen. : Bild: dpa

          Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, die stets das Risiko einer ungewollten Eskalation bergen. Die militärische Konfrontation zwischen Israel und der Hamas ist auch nicht ganz ohne Wirkung auf Libanon. Am Donnerstag feuerten palästinensische Extremisten aus dem Süden Libanons mehrere Raketen in Richtung Israel ab, die allerdings im Mittelmeer einschlugen, ohne Schaden anzurichten. Die Hizbullah bestritt, etwas damit zu tun zu haben – auch wenn in der Region so etwas kaum ohne ihre Billigung geschehen könnte.

          Am Freitag wurde an der Grenze ein 21 Jahre altes Mitglied der Hizbullah getötet, als israelische Militärs mit schweren Waffen Warnschüsse auf eine Gruppe von Personen abgaben, die gegen den Militäreinsatz im Gazastreifen protestiert und dabei nach Angaben der amtlichen libanesischen Nachrichtenagentur versucht hatten, einen Sicherheitszaun zu überwinden. Am Samstag gab es wieder Zusammenstöße zwischen Israels Armee und Demonstranten. Doch in die Konfrontation in Gaza scheint die Hizbullah nicht eingreifen zu wollen.

          UN-Friedenstruppen werden sabotiert

          „Wir haben kein Interesse an einem Krieg“, sagt ein Mann im Grenzgebiet, der sich Abu Hussein nennt und sich als ranghoher Hizbullah-Funktionär vorstellt. „Wir werden uns natürlich verteidigen. Sollte der Feind auf libanesisches Territorium vordringen, dann wird es ein Massaker geben“, fügt er an. „Aber wir haben gerade andere Sorgen.“ Er meint den Zusammenbruch der libanesischen Wirtschaft, den fortschreitenden Zerfall des Staats. Diese Krise prägt das Straßenbild im Grenzgebiet. Gerade ist das Benzin knapp, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen, die Lebensmittelpreise setzen der Bevölkerung zu. „Die Leute sind wütend“, sagt Abu Hussein, der zugleich hervorhebt, dass Hizbullah-Führer Hassan Nasrallah keine Schuld an der Misere treffe.

          Palästinensische Flüchtlinge am Samstag im libanesischen Grenzfdorf Maroun al-Ras: Sie bezeichnen die Gründung Israels als „Nakba“, als „Katastrophe“
          Palästinensische Flüchtlinge am Samstag im libanesischen Grenzfdorf Maroun al-Ras: Sie bezeichnen die Gründung Israels als „Nakba“, als „Katastrophe“ : Bild: AFP

          Anfang des Monats hatte Nasrallah seine Truppen im Grenzgebiet verstärkt und in Alarmbereitschaft versetzt. Die israelischen Streitkräfte hatten ein großes Manöver geplant – für einen Mehrfrontenkrieg. Israel mache besser keinen Fehler, drohte der Hizbullah-Anführer. Jetzt ist die Militärübung ausgesetzt worden. Stattdessen laufe vor den Augen der Hizbullah „so etwas wie eine Echtzeitsimulation ab“, sagt ein Sicherheitsexperte in Beirut. „Sie können jetzt beobachten, wie die israelische Raketenabwehr reagiert und wie sich das Land unter Raketenbeschuss verhält.“ Abu Hussein gibt dazu keine Details preis. Er spricht nur von „enormen Informationen“, und er setzt eine vielsagende Miene auf, aus der vor allem Selbstbewusstsein sprechen soll.

          Dieses bekommt auch die UN-Friedenstruppe UNIFIL zu spüren, die im Zuge der jüngsten Zwischenfälle an der Grenze beide Seiten zur Zurückhaltung aufrief. Die UN-Soldaten sind immer wieder mit Versuchen der Hizbullah konfrontiert, ihre Arbeit zu hintertreiben. Zuletzt hat sich die Schiitenorganisation gegen die UN-Truppe durchgesetzt, wie Beobachter und Militärs in Beirut bestätigen. Die UNIFIL hatte Kameras installiert, um die Demarkationslinie besser überwachen zu können – sehr zum Missfallen der Hizbullah, die vor einigen Wochen in zumindest einem Fall erzwang, dass die Kameras wieder abmontiert wurden. „Wir mögen sie eben nicht“, sagt Abu Hussein mit einem Schulterzucken.

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