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Historischer Besuch in der Türkei : Kein Kniefall von Karamanlis

Der griechische Ministerpräsident am Grabe am Grabe Atatürks Bild: AFP

War das jetzt historisch? Wird Karamanlis' Reise künftig als die symbolische Wende in den Beziehungen zwischen Athen und Ankara gelten? Den ersten Besuch eines griechischen Ministerpräsidenten nach beinahe 49 Jahren in der Türkei hat F.A.Z-Korrespondent Michael Martens beobachtet.

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          Manchmal geraten große Augenblicke durch Kleinigkeiten in Gefahr. Ein griechischer Ministerpräsident kommt das erste Mal seit 48 Jahren und acht Monaten zu einem offiziellen Besuch nach Ankara, aber kurz vor seiner Ankunft hat sich das Kabel einer Kamera unter dem roten Teppich verfangen, dessen letzter Meter eben erst ausgerollt wurde - Stolpergefahr. Kurze Unruhe, Anordnungen. Es dauert eine Weile, dann ist das Malheur behoben. Der historische Moment kann kommen. Aber die Beteiligten sind noch nicht zu sehen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es eilt ja auch nicht, schließlich soll der Aufenthalt von Konstantinos Karamanlis in Ankara und Istanbul drei Tage dauern. Erst an diesem Freitag soll der Gast von Istanbul aus die Heimreise antreten. Ginge es nach ihm, dürfte die Reise wohl noch länger währen. Zu Hause erwartet ihn auf absehbare Zeit nichts Gutes. Seit einem Monat spricht das Land über die Affäre, in deren Mittelpunkt sein ehemaliger Vertrauter Christos Zachopoulos steht.

          Eine verfängliche Affäre

          Zachopoulos war bis zum Dezember vergangenen Jahres Staatssekretär im Kulturministerium. Dann musste auf Druck von Karamanlis zurücktreten. Wenige Tage später stürzte er sich vom Balkon seiner Athener Wohnung, seither kämpfen die Ärzte um sein Leben. Zachopoulos soll von einer Mitarbeiterin erpresst worden sein, die auch seine Geliebte war. Später wurde gemeldet, auch der Anwalt der in Untersuchungshaft genommenen Erpresserin habe versucht, sich umzubringen. Es existieren heimlich aufgenommene Videoaufnahmen, auf denen Zachopoulos seiner späteren Erpresserin in den Ruhepausen zwischen Schäferstündchen angeblich politisch verfängliche Geschichten gesteht. Für wen sie verfänglich sind, weiß indes kaum jemand zu sagen, denn nur ganz wenige haben die Aufnahmen gesehen, und die schweigen.

          Erdogan und Karamanlis: Stolpergefahr auf dem roten Teppich

          Auch die Wirtschaftsreformen, eines der großen Themen von Karamanlis im vergangenen Wahlkampf, blieben bisher im allgemeinen Streiksumpf stecken. Die überfällige Rentenreform droht am Widerstand der Gewerkschaften zu scheitern. Bei der Sanierung der defizitären staatlichen Fluglinie „Olympic“ sieht es kaum besser aus.

          Warten auf den ersten offiziellen Händedruck

          Wo bleiben sie denn nun? Die Ehrengarde friert, der Trommler der Militärpelle stampft kurz mit den Füßen auf, was bestimmt verboten ist. Jemand macht Tonproben und zählt auf türkisch bis drei. Soldaten kommen und zupfen den Männern von der Ehrengarde die Uniformen zurecht. Auch an den Helmen machen sie sich zu schaffen, obwohl die perfekt sitzen. Dann wieder kurz Unruhe. Ein schwarzer Mercedes mit der Nummer 0027 fährt vor. Aber er bringt nur einige graue Herren. Sie huschen schnell die Treppen hinauf und verschwinden im Gebäude. Der historische erste offizielle Händedruck zwischen den Ministerpräsidenten der Türkei und Griechenlands lässt auf sich warten.

          Um auch einmal etwas Positives sagen zu können, hat Karamanlis vor seiner Abreise die Entwicklung der griechisch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen gelobt. Das Handelsvolumen zwischen Griechenland und der Türkei habe sich noch 1999 auf nur 200 Millionen Dollar belaufen, doch im vergangenen Jahr seien es schon drei Milliarden Dollar gewesen. Geschäftsleute bestätigen die gute Entwicklung. Auch Tourismus gibt es, vor allem Griechen reisen in die Türkei. Das wäre noch in den achtziger Jahren eine unerhörte Begebenheit gewesen.

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