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Historische Schulden? : Die Akte Griechenland

Banknote von 1944: Fünf Millionen Drachmen Bild: Picture-Alliance

Athen sagt, Deutschland habe noch Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg bei Griechenland. Das könnte zutreffen. Zumindest steht es so in Unterlagen des Naziregimes über Kosten und Lasten der Besatzungszeit.

          Seit in Griechenland die Linkspartei Syriza regiert, vergeht keine Woche und in manchen Wochen kein Tag ohne rhetorische Schusswechsel zwischen Berlin und Athen. In der jüngsten Krisenwoche bekräftigte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, dass seine Regierung, wie alle ihre Vorgängerinnen, die Frage deutscher Reparationen für Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sowie der Rückzahlung einer Besatzungsanleihe für offen hält. Die Folge: kühle Zurückweisung jeglicher Diskussion darüber durch Berlin, wütende Schlagzeilen in Deutschland. Dann empörte sich Athen, weil Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen griechischen Gegenpart Giannis Varoufakis als „dümmlich“ und „naiv“ bezeichnet haben soll. Unsinn, blaffte Schäuble zurück. Die deutsch-griechischen Beziehungen haben, vorsichtig formuliert, schon bessere Zeiten erlebt. Allerdings auch schlechtere.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Am 6. April 1941 überfielen deutsche Truppen Griechenland, um den Italienern zu Hilfe zu kommen, deren Angriff von den Griechen abgewehrt worden war. Hitler wollte nicht nur die Feierabendarmee seines faschistischen Bündnispartners vor einem neuerlichen Debakel bewahren, sondern vor allem verhindern, dass sich die Briten in Griechenland festsetzten. Denn von nordgriechischen Flugplätzen aus hätten britische Bomber Rumäniens Erdölfelder angreifen können, und ohne die rumänischen Lieferungen für Hitlers Kriegsmaschine wäre an einen Krieg gegen die Sowjetunion kaum zu denken gewesen.

          Die Griechen konnten der Wehrmacht nicht lange standhalten. Italiener, Deutsche und die als Juniorpartner engagierten Bulgaren teilten das Land unter sich auf. Athen, Thessaloniki und einige strategisch wichtige Gebiete kamen unter deutsche Kontrolle. Wie in mehr als einem halben Dutzend anderer unterworfener Staaten waren die Deutschen nun auch in Griechenland Besatzungsmacht.

          Besatzungskosten auf fixe Summe in Drachmen festgelegt

          Doch sie stießen auf Schwierigkeiten, mit denen sie nicht gerechnet hatten. Der schlagkräftigste Feind der Wehrmacht waren anfangs nicht die Partisanen – es war die Drachme, Griechenlands Währung. Als besetztes Land hatte Griechenland die Kosten der Okkupation selbst zu tragen, wie es in der Haager Landkriegsordnung von 1907 festgelegt worden war. Die beiden Okkupationsmächte verlangten je 1,5 Milliarden Drachmen – monatlich. Die griechische Regierung ließ das Geld in der Notenpresse drucken. Die Folge: Der Wert der Drachme verfiel immer rascher, die Soldaten konnten sich von ihrem Sold, der in der Landeswährung ausgezahlt wurde, nichts kaufen. Die Moral der Truppe litt.

          Anfang 1943 betrugen die tatsächlichen Besatzungskosten 78 Reichsmark pro Soldat – der höchste Betrag aller Besatzungsgebiete. Der Historiker Götz Aly zitiert ein Telegramm der Luftwaffe aus Griechenland: „Der deutsche Soldat sieht, dass hier mit Lebensmitteln gewuchert wird, die er nicht kaufen kann beziehungsweise für die ihm das Geld zum Einkauf vorenthalten wird... Da er nicht kaufen kann, müssen Schiebungen übelster Art die notwendige Folge sein.“

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