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Historische Schulden? : Die Akte Griechenland

Banknote von 1944: Fünf Millionen Drachmen Bild: Picture-Alliance

Athen sagt, Deutschland habe noch Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg bei Griechenland. Das könnte zutreffen. Zumindest steht es so in Unterlagen des Naziregimes über Kosten und Lasten der Besatzungszeit.

          8 Min.

          Seit in Griechenland die Linkspartei Syriza regiert, vergeht keine Woche und in manchen Wochen kein Tag ohne rhetorische Schusswechsel zwischen Berlin und Athen. In der jüngsten Krisenwoche bekräftigte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, dass seine Regierung, wie alle ihre Vorgängerinnen, die Frage deutscher Reparationen für Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sowie der Rückzahlung einer Besatzungsanleihe für offen hält. Die Folge: kühle Zurückweisung jeglicher Diskussion darüber durch Berlin, wütende Schlagzeilen in Deutschland. Dann empörte sich Athen, weil Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen griechischen Gegenpart Giannis Varoufakis als „dümmlich“ und „naiv“ bezeichnet haben soll. Unsinn, blaffte Schäuble zurück. Die deutsch-griechischen Beziehungen haben, vorsichtig formuliert, schon bessere Zeiten erlebt. Allerdings auch schlechtere.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Am 6. April 1941 überfielen deutsche Truppen Griechenland, um den Italienern zu Hilfe zu kommen, deren Angriff von den Griechen abgewehrt worden war. Hitler wollte nicht nur die Feierabendarmee seines faschistischen Bündnispartners vor einem neuerlichen Debakel bewahren, sondern vor allem verhindern, dass sich die Briten in Griechenland festsetzten. Denn von nordgriechischen Flugplätzen aus hätten britische Bomber Rumäniens Erdölfelder angreifen können, und ohne die rumänischen Lieferungen für Hitlers Kriegsmaschine wäre an einen Krieg gegen die Sowjetunion kaum zu denken gewesen.

          Die Griechen konnten der Wehrmacht nicht lange standhalten. Italiener, Deutsche und die als Juniorpartner engagierten Bulgaren teilten das Land unter sich auf. Athen, Thessaloniki und einige strategisch wichtige Gebiete kamen unter deutsche Kontrolle. Wie in mehr als einem halben Dutzend anderer unterworfener Staaten waren die Deutschen nun auch in Griechenland Besatzungsmacht.

          Besatzungskosten auf fixe Summe in Drachmen festgelegt

          Doch sie stießen auf Schwierigkeiten, mit denen sie nicht gerechnet hatten. Der schlagkräftigste Feind der Wehrmacht waren anfangs nicht die Partisanen – es war die Drachme, Griechenlands Währung. Als besetztes Land hatte Griechenland die Kosten der Okkupation selbst zu tragen, wie es in der Haager Landkriegsordnung von 1907 festgelegt worden war. Die beiden Okkupationsmächte verlangten je 1,5 Milliarden Drachmen – monatlich. Die griechische Regierung ließ das Geld in der Notenpresse drucken. Die Folge: Der Wert der Drachme verfiel immer rascher, die Soldaten konnten sich von ihrem Sold, der in der Landeswährung ausgezahlt wurde, nichts kaufen. Die Moral der Truppe litt.

          Anfang 1943 betrugen die tatsächlichen Besatzungskosten 78 Reichsmark pro Soldat – der höchste Betrag aller Besatzungsgebiete. Der Historiker Götz Aly zitiert ein Telegramm der Luftwaffe aus Griechenland: „Der deutsche Soldat sieht, dass hier mit Lebensmitteln gewuchert wird, die er nicht kaufen kann beziehungsweise für die ihm das Geld zum Einkauf vorenthalten wird... Da er nicht kaufen kann, müssen Schiebungen übelster Art die notwendige Folge sein.“

          Die Feldpostbriefe sind voll von Beschwerden. Der spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Rudolf Vogel schreibt im Mai 1942 über die „geradezu groteske Inflation“ in seinem Einsatzort Thessaloniki: „Ein Kilo Brot kostet 15 Mk, eine Flasche Wein 18 Mk, eine Tasse Kaffee 3,5 Mk, sodass wir uns nur abendlich einen Platz im ständig überfüllten Soldatenheim erkämpfen können, um für unseren Gefreitensold etwas zu trinken. Da eine weise Dienststelle die griechischen Besatzungskosten auf eine fixe Summe in Drachmen festgelegt hat, entwerten die Griechen mit Behagen ihre Drachme weiter. Der Tag, an dem sie statt aller Besatzungskosten noch ein Guthaben bei uns für ihre Lieferungen zu Fantasiepreisen haben werden, ist bald zu errechnen.“

          Sonderbevollmächtigter Neubacher übernimmt

          Zwar wurden die von Athen zu leistenden Zahlungen Ende 1942 an die Geldentwertung gekoppelt, aber die Inflation war schneller als alle Anpassungen. Einige Landser begannen, im Tausch gegen Nahrungsmittel Militärgut zu verhökern. In dieser Lage ernannte Hitler im Oktober 1942 einen „Sonderbeauftragten für wirtschaftliche und finanzielle Fragen in Griechenland“. Der ehemalige Wiener Bürgermeister Hermann Neubacher, NSDAP-Mitglied und erfahrener Verwaltungsprofi, sollte Griechenlands Staatsfinanzen sanieren und die Drachme stabilisieren. Neubachers Task-Force in Athen bestand aus sieben Abteilungen – „Währung, Geld und Kreditwesen“, „Bankenkommissariat“, „Preise und Löhne“, „gewerbliche Wirtschaft“ und so weiter.

          Am 12. April 1945, vier Tage vor Beginn des sowjetischen Großangriffs auf Berlin, legte Neubachers Dienststelle ihren Abschlussbericht vor. Da waren die Deutschen längst wieder abgezogen aus Griechenland, der letzte offizielle Geschäftstag von Neubachers Behörde war der 6. Oktober 1944 gewesen. Der Abschlussbericht existiert noch unter der Signatur „R27320“ im Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin. Der Ordner „Sonderbevollmächtigter Südost“ umfasst 251 Seiten, verfasst von mehreren ehemals in Athen eingesetzten Beamten.

          Griechische Regierung drohte mit Einstellung der Zahlungen

          Paul Hahn, Direktor bei der Reichsbank und einstiger Chef von Neubachers Wirtschaftsabteilung, schreibt im April 1945 kurz vor dem Ende des „Dritten Reiches“, die Aufgabe in Athen habe darin bestanden, „eine notdürftige wirtschaftliche und finanzielle Ordnung im Operationsgebiet der deutschen Wehrmacht zu erhalten“. Laut einem deutschen „vertraulichen Protokoll“ vom April 1942 hatte die griechische Regierung schon vor Neubachers Ankunft beklagt, sie könne die ihr auferlegten Lasten nicht tragen: „Die griechische Regierung wies seit Ende 1941 wiederholt auf die besorgniserregende Entwicklung ihrer Finanzen hin und bat um Verhandlungen.“

          Tatsächlich ließen Berlin und Rom Anfang 1942 „eine Nachprüfung der Leistungsfähigkeit des griechischen Staates mit dem Ziele einer Herabsetzung der Besatzungskosten“ vornehmen. Doch die Verhandlungen kamen nicht voran. Als sich die Wirtschaftslage weiter zuspitzte, „drohte die griechische Regierung im September 1942 mit Einstellung der Zahlungen“, heißt es in dem deutschen Dokument. Schließlich fand man einen Kompromiss.

          Die Besatzer verpflichteten sich, einen Teil der Besatzungskosten selbst zu tragen. Zum Ausgleich sollte Neubachers Kommission dem griechischen Staat auf die Finger schauen. In dem Abschnitt „Reformvorschläge der Achsenmächte und ihre Verwirklichung“ heißt es dazu: „Die griechische Regierung brachte schon seit September 1941 vor, dass sie... alles getan habe, um eine Leistungssteigerung zu erreichen... Ein griechisches Memorandum schlug die absolute Begrenzung der griechischen Besatzungskosten entsprechend der Leistungsfähigkeit des Landes vor.“

          Behörden waren personell stark überbesetzt

          Berlin entsandte eine Finanzkommission nach Athen, „die nach eingehender Prüfung der Wirtschafts- und Finanzlage ein umfassendes Programm zur Reform der Steuer- und der Finanzverwaltung aufstellte“. So sollten die Finanzbeamten sich „gründlicher mit den großen Steuerpflichtigen befassen“, deren Zahlungsmoral zu wünschen übrigließ. Ein „Steuerfahndungsdienst nach deutschem Vorbild“ sollte Abhilfe schaffen. Die Finanzkommission versprach sich von den Reformen schon im ersten Jahr Mehreinnahmen von 3,8 Milliarden Drachmen und einen ausgeglichenen Haushalt, abzüglich der Besatzungskosten. Doch bald zeigte sich, dass die Hoffnungen viel zu optimistisch waren. Die Wirkung der Reformen blieb gering.

          Daran seien die Griechen schuld, schreiben die Deutschen 1945. Die Athener Regierung habe sich „für die Durchführung der Reformvorschläge trotz Drängens der Bevollmächtigten“ nicht in einer Weise starkgemacht, „wie es die allgemeine Lage und eine vorausschauende Politik erfordert hätten. Es fehlte ihr an der notwendigen Entschlusskraft, Maßnahmen zu ergreifen, die über den gewohnten Rahmen hinausgingen.“

          Es habe auch an Maßnahmen gefehlt, um die sinkende Steuermoral wirksam zu bekämpfen. Außerdem seien die Reformversuche schon deshalb wirkungslos geblieben, weil die Registrierung der Steuerpflichtigen „in zunehmendem Maße unter dem unzulänglich arbeitenden Beamtenkörper litt“. Die griechischen Behörden seien teilweise „personell stark überbesetzt“ und letztlich nur „verschleierte Zuschusskassen für notleidende Personen“.

          Die wichtigsten Einnahmequellen des Landes vor dem Krieg

          Der Versuch, Athen über die Ausgabe von Staatsanleihen zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, erwies sich ebenfalls als Fehlschlag. „Über den Geld- und Kapitalmarkt boten sich dem Staate keine Finanzierungsmöglichkeiten“, denn die Kreditwürdigkeit Griechenlands „war unter den obwaltenden Verhältnissen gering“. Zwar hatte man dem griechischen Finanzminister schon im April 1942 gestattet, Anleihen mit drei Jahren Laufzeit auszugeben, aber es fanden sich kaum Käufer – man traute dem Staat nicht.

          Im Jahr 1945 fanden die Deutschen rückblickend allerlei weitere Rechtfertigungen für das Scheitern ihrer Reformversuche – und einige waren durchaus zutreffend. Im letzten Vorkriegsjahr war die Schifffahrt die wichtigste Einnahmequelle der griechischen Wirtschaft gewesen, gefolgt von Überweisungen der Auslandsgriechen und dem Tourismus.

          Alle drei Quellen waren durch den Krieg weitgehend versiegt. Zudem seien die griechischen Staatsfinanzen schon vor dem deutschen Einmarsch in beklagenswertem Zustand gewesen. „Griechenland zählte zu denjenigen Ländern Südosteuropas, die im Vergleich zu ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit am stärksten an das Ausland verschuldet waren“, heißt es in der Akte Griechenland. Selbst ohne die Besatzung hätten die Einnahmen nicht gereicht, um die Ausgaben zu decken.

          „Vergasung der griechischen Währung“

          Neubachers Leute hatten zwischenzeitlich aber doch eine Möglichkeit gefunden, den Wertverfall der Drachme wenigstens für eine Weile zu bremsen: „Dass das im Oktober 1943 mit allen Anzeichen einer Katastrophe einsetzende rapide Abgleiten der Drachme noch einmal abgefangen und bedeutend verlangsamt wurde, ist im Wesentlichen dem Einsatz von deutschem Gold zu verdanken, mit dem die Besatzungskosten finanziert wurden“, halten sie fest. In Berlin sei Anfang November 1943 beschlossen worden, Gold aus Beständen der Reichsbank zur Stützung der Drachme einzusetzen. Penibel werden mehr als ein Dutzend Goldlieferungen aufgezählt, die per Flieger in Athen ankamen – allerdings schon zwischen Februar und September 1943. Wie passt das zusammen?

          Die Antwort ist so einfach wie grauenhaft. Im Frühjahr 1943 begann die Deportation von mehr als 46.000 Juden aus Thessaloniki und Umgebung nach Auschwitz. Das Gold der Juden Salonikis war das erste, mit dem die Deutschen über griechische Makler an der Athener Börse Stützungskäufe für die Drachme tätigen ließen. In dem Bericht von 1945 heißt es dazu nur: „Es kann behauptet werden, dass ohne die einschneidenden Manipulationen der Goldaktion die ,Vergasung‘ der griechischen Währung schon zu einem früheren, für uns nicht tragbaren Zeitpunkt eingetreten wäre. Wenn im September und Oktober 1944 das Inflationstempo gewaltig beschleunigt und schließlich die Trillionengrenze überschritten wurde, so war dieser Tatbestand neben der zunehmend ungünstig zu beurteilenden Kriegslage auf dem Balkan auch dem nur in geringem Umfange noch verfügbaren Goldbestand zuzuschreiben, der Verkäufe von marktbeeinflussender Wirkung nicht mehr in früherem Ausmaß zuließ.“

          Deutsche Schulden, deutsche Leistungen

          Kurz vor Kriegsende wollten die Deutschen in Sachen Griechenland nun einen Schlussstrich ziehen. Seitenlang geht es in der Akte um die Frage, wie viel das Deutsche Reich Athen noch schulde. Schon im Januar 1943 hatten die Deutschen in Athen ein „Tilgungskonto“ zur Rückzahlung ihrer Schulden eingerichtet. Hitlers Sanierer stellen fest: „Berichtigt man die Schlussaufstellung dementsprechend..., würde sich die Restschuld, die das Reich gegenüber Griechenland hat, noch auf 476 Millionen Reichsmark belaufen.“ Athen hat schon komplizierte Berechnungen anstellen lassen, wie viel das in heutiger Währung wäre – es könnten bis zu elf Milliarden Euro sein.

          Die Autoren der Akte weisen allerdings darauf hin, dass ihre Angaben vorläufig und gegebenenfalls mit deutschen Forderungen zu verrechnen seien. Die Zahl von 476 Millionen Reichsmark ist also eine Schätzung. Dennoch wurde sie mit den Jahren zum Faktum geadelt. So schrieb der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages 2014 in einem Gutachten: „Die Höhe der Zwangsanleihe betrug ursprünglich 476 Mio. Reichsmark.“

          In den „Schlussbetrachtungen“ der Akte heißt es jedoch im Gegenteil: „Bedauerlicherweise muss es diesen Ausführungen versagt bleiben, die deutschen Passiva zahlenmäßig durch die entsprechenden Aktiva zu ergänzen, weil hierfür die Unterlagen noch ausstehen.“ Deutsche Gründlichkeit. Es stehe aber außer Zweifel, behaupten die Autoren von einst, dass den Schulden auch deutsche Leistungen gegenüberstünden. Schließlich habe das Reich „durch die Lebensmittellieferungen aus seinem eigenen Versorgungsraum, durch den Export von deutschen Waren, die zum Teil im Reich Mangelgüter waren, und durch Zurverfügungstellung von Gold aus den beschränkten Eigenbeständen sein Möglichstes getan hat, die Lage in Griechenland zu erleichtern“.

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