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Salman und der Fall Khashoggi : Das Spiel des Prinzen mit dem Feuer

Die Transformation Saudi-Arabiens

Muhammad Bin Salman würde sein Amt nicht kampflos preisgeben. Er war in der Erwartung aufgewachsen, dass sein Vater nie König werden würde. Denn in der Liste der Thronfolger standen vor seinem Vater dessen nur unwesentlich ältere Brüder Sultan und Nayef. Als einer der „Sudairi-Brüder“ gehörte Salman zwar zum inneren Kreis der Macht, jedoch ohne Aussicht, eines Tages den Thron zu besteigen. Erst als Sultan und Nayef rasch hintereinander starben, war der Weg für Salman frei. Sein Sohn Muhammad wird dafür kämpfen, dass diese Gunst des Schicksals nicht verspielt wird und er die Dynastie künftig führen wird.

Nachdem Salman im Januar 2015 den Thron bestiegen hatte, war er mit mehr Macht ausgestattet als seine Vorgänger. Er profitierte vom Werk seiner Vorgänger. Die Könige Fahd und Abdallah hatten einen Reformprozess eingeleitet, die Innenminister Nayef und sein Sohn Muhammad Bin Nayef hatten die Terrorgefahr weitgehend gebannt, Salman selbst besetzte rasch die Schaltstellen der Macht mit eigenen Leuten, Saudi-Arabiens Unterstützung für die Konterrevolution gegen die Aufstände des Jahres 2011 vor allem in Ägypten und Bahrein war erfolgreich, und mit Präsident Trump steht nun auch das Weiße Haus wieder fest an der Seite des Königreichs.

Kurz nach seiner Thronbesteigung hatte Salman seinen Sohn beauftragt, die Transformation Saudi-Arabiens, die bereits eingesetzt hatte, zu beschleunigen und in sichere Bahnen zu lenken. Denn ein sozialer Wandel hatte eingesetzt, er lockert die enge Bindung der Saudis an den Staat. Damit einher gehen eine größere Eigenverantwortung und eine wachsende Sympathie für das politische Modell der Muslimbrüder, das eine größere politische Partizipation fordert, wie es zuletzt auch Khashoggi propagiert hat. Das ist für das Haus Saud gefährlich, weil es das Gegenmodell zum traditionellen wahhabitischen Islam Saudi-Arabiens ist, der zum Gehorsam gegenüber der herrschenden oder königlichen Familie aufruft.

Der Kronprinz beschleunigt die Transformation, indem er die tragenden Säulen austauscht, auf denen das Königreich ruht. So hatten die vielen tausend Prinzen des Hauses Saud zuletzt ein landesweites Netzwerk gebildet, das die Herrschaft der Saud abgesichert hat. Die Prinzen schufen ihre eigenen kleine Reiche, der Staat verlor die Kontrolle über Institutionen, und die Korruption breitete sich aus. Daher hat der Kronprinz die Prinzen entmachtet und die Macht auf sich zugeschnitten. Das könnte sich nun rächen. Auch verhöhnt er die wahhabitischen Religionsgelehrten, die am Alten festhalten wollen. Die Religion war bislang ein Teil des Staates. Der Gesellschaft will er sie nicht überlassen, da er dann die Kontrolle über sie verlieren würde. Einen „gemäßigten Islam“, den der Kronprinz versprochen hat, hat er bislang aber nicht vorgelegt.

König Salman und sein Sohn Muhammad markieren eine Zäsur für Saudi-Arabien. Anstatt sich auf die Verstetigung der gewaltigen Transformation des Königreichs zu konzentrieren, hat Muhammad Bin Salman das Land aber in eine tiefe Krise gestürzt.

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