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Nach Attentat in Kirche : Ein amerikanisches Drama

  • -Aktualisiert am

Gemeindemitglieder errichten am Montag ein Kreuz für jedes Todesopfer nahe der Kirche von Sutherland Springs. Bild: AP

In Texas wird ein häuslicher Konflikt zur nationalen Tragödie. Drei der fünf verheerendsten Schusswaffen-Massaker in Amerikas Geschichte haben sich damit den den vergangenen 1,5 Jahren ereignet. Dem Präsidenten fällt dazu nur Altbekanntes ein.

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          Sutherland Springs ist ein ödes Städtchen in der texanischen Wüste, aber es könnte irgendwo in Amerika sein: ein paar hundert Einwohner rund um eine Highway-Kreuzung mit orange blinkender Ampel, eine Tankstelle, ein winziges Postamt, ein Billigwarenhaus der Kette Dollar General, verstreute Häuser und Ranches, eine Wohnwagensiedlung, ein paar Kirchen in schmucklosen Flachbauten. Ein amerikanischer Ort voller Platz, wie ihn die Welt aus dem Kino kennt.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Und auch das Massaker vom Sonntag wirkt auf bittere Weise amerikanisch-vertraut: Ein ehemaliger Soldat, unehrenhaft aus der Luftwaffe entlassen und wegen der Misshandlung seiner Frau und seines Kindes zu einem Jahr Haft verurteilt, hüllt sich in schwarze Montur, streift sich eine schusssichere Weste über, lädt drei Schusswaffen in seinen Geländewagen, fährt gut fünfzig Kilometer zur First Baptist Church in Sutherland Springs, drückt den Abzug seines halbautomatischen Gewehrs der Marke Ruger schon draußen vor der Kirche herunter, tritt also schießend in das Gotteshaus und ermordet zig Gemeindemitglieder, vom Einjährigen bis zur Großmutter – sechsundzwanzig Tote und zwanzig Verletzte wird die Bilanz später lauten. Ein Nachbar hört und sieht, was passiert, greift nach dem eigenen Sturmgewehr, bringt sich in Position und feuert in Richtung des Amokläufers, als dieser die Kirche verlässt. Zusammen mit einem Fremden, der gerade im Auto vorbeikommt, verfolgt der Mann den Täter elf Meilen weit auf dessen Flucht, bis dieser die Kontrolle über seinen Wagen verliert. Die Polizei findet den Amokläufer tot in seinem Auto. Er habe noch seinen Vater angerufen und gesagt, dass er angeschossen worden sei – offenbar von dem Anwohner, den die Amerikaner jetzt als Helden feiern. Dann habe er die Waffe gegen sich selbst gerichtet. Hintergrund sei offenbar ein „häuslicher Konflikt“, sagen die Ermittler.

          „Wir reichen einander die Hand“

          Der amerikanische Präsident hält sich in Asien auf. Von Japan aus, so versichert Donald Trump am Sonntag, behalte er die Lage im Blick. Auf Twitter begnügt er sich ansonsten mit Mutmachparolen und appelliert an den Gemeinschaftssinn der Amerikaner. „Wir reichen einander die Hand. Wir haken uns unter und zeigen durch unsere Tränen und Traurigkeit unsere Stärke“, schreibt der Präsident. Politische Folgerungen will er zunächst nicht ziehen – ganz anders als vorige Woche nach dem Pritschenwagen-Anschlag eines Islamisten in New York. Diese Tat hatte Trump sofort zum Anlass genommen, Verschärfungen des Einwanderungsrechts zu verlangen.

          Am Montag weist Trump auf einer Pressekonferenz mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe die Annahme zurück, dass nach den Gewalttaten von Las Vegas und Sutherland Springs am Waffenrecht geschraubt werden müsse. Es handle sich in Texas „nicht um eine Waffen-Lage“, sagt Trump. Er kann darauf verweisen, dass der Täter womöglich noch mehr Unheil angerichtet hätte, wenn ihn nicht ein bewaffneter Zivilist gestoppt hätte. Schon im Wahlkampf hatte sich Trump das Argument der amerikanischen Waffenlobby zu eigen gemacht, wonach die einzig wahre Antwort auf die Bedrohung durch bewaffnete „Böse“ darin liege, die friedliebende Mehrheit der „Guten“ umfassend aufzurüsten.

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