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Hinrichtung heimlich gefilmt : „Fahr zur Hölle!“

  • Aktualisiert am

Saddam kurz vor der Vollstreckung - aufgezeichnet mit einem Handy Bild: Reuters

Das mit einem Mobiltelefon aufgenommene Video von Saddams Hinrichtung dokumentiert brisante Details: Der frühere Diktator wurde von Anhängern des Schiiten-Führers Sadr verhöhnt und beschimpft.

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          Nach der Hinrichtung Saddam Husseins haben inoffizielle Filmaufnahmen von den letzten Minuten des ehemaligen Diktators die Spannungen im Irak geschürt. Die Regierung leitete Ermittlungen ein, wer das Video mit der Kamera seines Mobiltelefons hergestellt hat. Die inoffiziellen Aufnahmen unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von den Film, der von der Regierung veröffentlicht wurde: Auf dem Band ist zu sehen und zu hören, wie der ehemalige Diktator bis zum letzten Moment beschimpft und verhöhnt wird.

          Die Ermittlungen richteten sich gegen Sicherheitskräfte, die bei der Hinrichtung anwesend gewesen seien, sagte Sami al Askari, ein enger Berater des Ministerpräsidenten Nuri al Maliki. „Bevor wir den Raum betraten, gab es die Absprache, dass niemand ein Mobiltelefon dabei hat“, sagte er. Ansonsten versuchte er die Bedeutung der Aufnahmen herunterzuspielen: „Ein paar Wächter haben Slogans gerufen, die nicht angemessen waren.“

          Die Regierung hatte veranlasst, von der Übergabe an die Iraker durch die Amerikaner bis zu Saddams Ende alles zu filmen. Damit wollte die irakische Führung nicht zuletzt auch dokumentieren, dass Iraker Saddam töteten und nicht die Amerikaner, in deren Gewahrsam der frühere Präsident bis kurz vor seiner Hinrichtung war.

          Falscher Anschein?

          Die Bilder, die das staatliche Fernsehen dann wenige Stunden nach dem Tod des Diktators ausstrahlte, zeigten - ohne Ton - nur, was geschah, bis ihm die Henker eine Schlinge um den Hals legten. So sollte offenbar der Eindruck erweckt werden, dass sich alles korrekt zutrug und der Tod Saddams keine grausame Vergeltung war - im Unterschied zu erniedrigenden Hinrichtungen in seiner Regierungszeit und davor. Später wurden dann noch Fotos der Leiche Saddams gezeigt.

          Die nun im Internet kursierenden Aufnahmen des unbekannten Zeugen dokumentieren aber die wüsten Beschimpfungen in den letzten Minuten der Hinrichtung. Der Sender Al Dschazira sendete sie und sie fanden nach Korrespondentenberichten auch schnell Verbreitung in der irakischen Hauptstadt: Mehrere Anwesende skandierten den Namen des radikalen schiitischen Milizenfühers Muqtada Sadr und riefen Saddam zu: „Fahr zur Hölle!“ Der frühere Präsident fragte sie darauf, ob sie dieses Verhalten für mutig hielten. Dem Sender BBC sagte der Richter Munir Haddad, der ebenfalls während der Exekution anwesend war, Saddam habe gebetet, aber auch Amerika und Iran den Untergang gewünscht. (Siehe auch: Beschimpfungen am Galgen bei Hinrichtung Saddam Husseins)

          Diese Aufnahmen schadeten vor allem dem Sadr-Lager, sagte Regierungsberater Askari: „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Muqtatda Sadr wird von den Vereinigten Staaten für Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten verantwortlich gemacht, gilt aber als eine wichtige Stütze Malikis in der Regierung.

          „Amerikaner wollten die Hinrichtung aufschieben“

          Die Vollstreckung des Todesurteils am Samstag zum Auftakt eines der größten islamischen Feste stärkte Malikis Position innerhalb des schiitischen Lagers, löste aber Wut und Rachegefühle unter den Sunniten aus. Maliki hatte amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gegen deutlichen Widerstand der Vereinigten Staaten auf eine schnelle Hinrichtung des ehemaligen Machthabers gedrungen. „Die Amerikaner wollten die Hinrichtung um 15 Tage aufschieben. Aber der Ministerpräsident war sehr hartnäckig“, sagte ein Regierungsvertreter.

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