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Clintons neues Buch : Bekenntnisse einer Verliererin

Sieht sich als Opfer: Hillary Clinton sucht in ihrem neuen Buch nach Erklärungen für die Wahlniederlage. Bild: AFP

In ihrem neuen Buch präsentiert Hillary Clinton ihre ganz persönliche Analyse zur Präsidentschaftswahl 2016. Auf fast 500 Seiten sucht die gescheiterte Kandidatin nach Erklärungen für die Niederlage. Selbstkritik findet man dabei kaum.

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          „Ich hätte eine verdammt gute Präsidentin abgeben.“ Es sind Sätze wie dieser, mit denen Hillary Clinton in ihrem Buch das Versprechen neuer Ungeschütztheit erfüllt. In der auf fast 500 Seiten mit reichlich privaten und anderen Nichtigkeiten aufgemischten Wahlanalyse bekennt die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin zunächst das Bekannte: „Oft hatte ich das Gefühl, in der Öffentlichkeit vorsichtig sein zu müssen, als liefe ich ohne Netz über ein Drahtseil.“ Endlich lege sie diese Vorsicht ab, gelobt Clinton.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Zu erhellenden Selbstauskünften über Unzulänglichkeiten und taktische Fehler führt das kaum. Vor allem erklärt sich die Demokratin selbst zum Opfer. „Ich trat ja nicht nur gegen Donald Trump an. Ich bekam es mit dem russischen Geheimdienstapparat, einem fehlgeleiteten FBI-Direktor und dann auch noch mit dem gottverlassenen ,Electoral College‘ zu tun.“ Jenseits der russischen Einflusskampagne, James Comey und eines Wahlrechts, das eine satte Stimmenmehrheit in eine klare Niederlage im Wahlmänner-Gremium übersetzte, beschwert sich Clinton über ihren Vorwahlrivalen Bernie Sanders, die Medien, eine sexistische Gesellschaft – und über die 62985106 Amerikaner, die für Donald Trump stimmten. Zwar bedauert Clinton, dass sie dem Republikaner eine Vorlage gab, indem sie die Hälfte seiner Anhänger als „beklagenswert“ abtat. Doch sie hält fest: „Zu viele von Trumps Unterstützern vertreten Ansichten, die ich – es gibt kein besseres Wort – beklagenswert finde.“ Umgekehrt adelt Clinton ihre eigenen 65.844.610 Wähler zum „Beweis dafür, dass die Hässlichkeit von 2016 unser Land nicht definiert.“

          Kommt nicht über die E-Mail-Affäre hinweg

          Clinton kommt nicht über die E-Mail-Affäre hinweg. Als Außenministerin hatte sie elektronisch nur über einen privaten Server kommuniziert. „Das war ein dämlicher Fehler. Aber ein noch dämlicherer ,Skandal‘“, resümiert Clinton. Nicht ohne Anlass beschreibt sie sich als Opfer einer jahrzehntelangen rechten Kampagne sowie eines Kleinkriegs zwischen Bundesbehörden über die Frage, was als vertraulich einzustufen sei. Doch ihr verschwörungstheoretisch angehauchter Vorwurf, dass „sich die Medien entschieden haben, die Kontoverse über meine E-Mails als eine der größten Politik-Storys seit dem Zweiten Weltkrieg darzustellen“, ist überzogen.

          Clinton rührt zwar in einer echten Wunde, wenn sie beklagt, dass keine Trump-Affäre mit der gleichen Ausdauer aufgearbeitet wurde. Die amerikanische Presse wurde von Trump genauso überrollt wie Clintons Kampagne. Kaum hatten sich Reporter etwa in Trumps fragwürdige Stiftung vertieft, machte er neue Negativschlagzeilen. Das Streben nach ausgewogener Berichterstattung schlug merkwürdige Blüten in einem Duell, in dem Trump viel größere Angriffsflächen offenbarte. Doch Clinton übersieht, dass die Medien nicht etwa ihre E-Mails, sondern Trump zum größten Thema des Wahlkampfs machten. Gern nimmt sie das Wort des linken Journalisten Jonathan Chait auf, der den Medien nicht nur eine „Normalisierung von Trump“, sondern eine „Abnormalisierung von Clinton“ vorwarf.

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