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Hilfskräfte der Bundeswehr : 182 Afghanen dürfen nach Deutschland

  • Aktualisiert am

Die Bundeswehr zieht aus Afghanistan ab - und was geschieht mit ihren einheimischen Arbeitskräften? Bild: dpa

Deutschland hat bislang 182 afghanischen Hilfskräften eine Aufnahmezusage erteilt. Wegen ihrer Zusammenarbeit mit der Bundeswehr seien sie bedroht. Das teilte das Bundesinnenministerium mit.

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          Das Bundesinnenministerium hat bisher 182 afghanischen Ortskräften eine Aufnahmezusage für Deutschland erteilt. Das teilte ein Sprecher des Ministeriums am Dienstag mit. Alle diese Ortskräfte konnten demnach glaubhaft machen, dass sie wegen ihrer Zusammenarbeit mit der Bundeswehr bedroht sind. Die Aufnahmezusage bedeute, sagte der Sprecher weiter, dass die Betroffenen mit ihren Kernfamilien jederzeit ein Visum beantragen und nach Deutschland einreisen können. „Wir haben vor, diese Menschen nach Deutschland zu holen“, sagte der amtierende Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am Dienstag in Berlin. „Ich glaube, das ist nur fair und das ist nur anständig.“

          Die unter anderem als Übersetzer und Wachleute für die Bundeswehr tätigen Ortskräfte fürchten nach dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes Racheakte der Taliban. Zunächst war nur 23 „unmittelbar bedrohten“ Afghanen die Ausreise nach Deutschland angeboten worden. Die Kriterien wurden Anfang des Monats ausgeweitet, so dass nun auch 159 „latent bedrohte“ Ortskräfte nach Deutschland einreisen dürfen. Weitere Fälle werden noch geprüft. Vier Ortskräfte sind in den vergangenen Tagen wegen akuter Bedrohung spontan ausgereist. Insgesamt haben sich laut Bundesinnenministerium bislang 300 Afghanen mit Sicherheitsbedenken an ihre Dienststellen gewandt. Für die Bundeswehr arbeiten etwa 1200 afghanische Ortskräfte, weitere rund 180 Afghanen arbeiten für das Auswärtige Amt und die Polizei.

          Brigadegeneral: Sind ein fairer Arbeitgeber

          Friedrich sagte, das Verfahren sei „entbürokratisiert“ worden. Es gehe um „diejenigen, die uns geholfen haben in Afghanistan, all diejenigen, die dort an unserer Seite waren in den letzten Jahren“. Die Dolmetscher gelten als besonders gefährdet, weil sie sichtbar für die Bundeswehr oder auch für die Bundespolizei tätig waren. Es wird aber erwartet, dass nicht alle Ortskräfte vom Angebot der Ausreise Gebrauch machen werden. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) befürwortete den Schritt, bedrohte Ortskräfte schneller und unkomplizierter in Deutschland aufzunehmen. Es gebe regelrechte Tötungsprogramme der Taliban gegen Bundeswehr-Ortskräfte, sagte er der Zeitung „Münchner Merkur“ und fügte hinzu: „Da sind wir gefordert.“

          Der deutsche Brigadegeneral Michael Vetter, der für den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan verantwortlich ist, sagte im Lager der Bundeswehr in Mazar-i-Sharif in der Nacht zum Dienstag: „Die Bundeswehr war in Afghanistan ein fairer Arbeitgeber, und wir wollen auch im Abzug unsere einheimischen Mitarbeiter gut behandeln.“ Viele der Ortskräfte sorgten sich auch um ihre berufliche Zukunft, weil ihre oftmals seit Jahren ausgeübte, gut bezahlte Beschäftigung plötzlich wegfalle, sagte Vetter. „Sich darüber Sorgen zu machen, ist legitim.“ Die Arbeitslosigkeit liegt in Afghanistan bei rund fünfzig Prozent, nur etwa jeder zweite Berufstätige verdient genug, um seine Familie zu ernähren.

          Derweil wurde auch die Abfindungsregelung afghanischer Bundeswehrmitarbeiter großzügiger gestaltet als bisher geplant. So erhält nun jeder ehemalige Mitarbeiter zwei Monatsgehälter sowie einen Betrag für jeden Monat, den er im Dienst der deutschen Soldaten stand, jedoch zusammen nicht mehr als ein Jahresgehalt. Das Jahresgehalt für einen afghanischen Dolmetscher bei der Bundeswehr liegt nach Vetters Angaben bei etwa 7000 Euro, für eine Reinigungskraft bei etwa 3500 Euro. Zum Vergleich: Eine Lehrerin in Kabul verdient etwa 3600 Euro im Jahr, der Durchschnittsverdienst liegt bei etwa 1600 Euro.

          Der Nato-Kampfeinsatz läuft Ende 2014 aus. Danach soll es eine kleinere Nachfolgemission zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte geben, an der sich Deutschland mit bis zu 800 Soldaten beteiligen will. Derzeit sind im Rahmen der Nato-geführten Schutztruppe Isaf noch knapp 3700 Bundeswehrsoldaten eingesetzt.

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