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Ukraine : Auf der Straße nach Tonenke

Uljana floh mit ihren Mitstreitern in die unbesetzte Ukraine. Ihr Mann blieb in Donezk. Bild: Oleksandr Techynskyy

Ein Lieferwagen bringt Hilfsgüter in die zerschossenen ukrainischen Dörfer hinter dem Donbass. Der Krieg ist vorbei, aber nur die Alten sind zurückgekehrt. Eine Reportage.

          Siebenundvierzig Pakete: je ein Karton mit Decken, ein Plastikeimer mit Seife, Putzmittel, Waschzeug und eine große Kunststoffschüssel, denn was nutzt das Waschzeug, wenn keine Schüssel da ist. Der Weg ist jetzt schlecht geworden. Zuerst war er noch eine richtige Autobahn, wie es sich gehört für die Zufahrt zu einer pulsierenden Millionenstadt, denn das war das besetzte Donezk vor dem Krieg, aber dann lag etwas quer auf der Fahrbahn, Kriegstrümmer, zersprengter Beton, und jetzt geht es quer durchs Feld, mal auf provisorischen Plattenpisten, mal einfach nur durch den Matsch des ostukrainischen Novembers.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Links in der Steppe, von ihrem Rauch gekrönt, die Kokerei von Awdiiwka. Sie ist die größte im Land, und im Kohle- und Stahlrevier Donbass, wo schon seit zweieinhalb Jahren russische Interventionstruppen gegen die ukrainische Armee Krieg führen, geht heute wie früher nichts ohne ihren Koks. So qualmt sie weiter, obwohl sie schon mehr als sechzig Granaten abbekommen hat. Die Produktion ist zwar auf ein Drittel gesunken, weil die Front die Lieferwege zerschneidet, aber auch das ist genug, um die Blocks und Abraumhalden dieser urzeitlichen Industrielandschaft mit Schwefelruß zu bedecken wie eh und je.

          Zwei Jahre sind eine Ewigkeit

          Wir sind früh gestartet. Das Schießen beginnt in den Dörfern an der Front erst nachmittags um vier, Gott weiß, warum, und bis dahin müssen die 47 Pakete geliefert sein. Uljana hat das Radio an: Nachrichten, russischer Diskopop, Jugend und Sehnsucht. Uljana ist 26. Für die Fahrt an die äußeren Linien hat sie das Make-up weggelassen. Wäre einfach nur blöd an den Kontrollpunkten mit den glotzenden Soldaten. Vor dem Krieg hat sie im Kindergarten gearbeitet, drüben in Donezk. Alles war gut. Ihr Mann war Entertainer im Schachtjor Plaza, dem angesagtesten Nachtclub des Donbass, einem Traum aus Plüsch und Purpur. Da waren sie noch halbe Kinder, das Leben war lustig. Zwei Jahre ist das her, eine Ewigkeit.

          Jetzt arbeitet Uljana bei den „Verantwortlichen Bürgern“, einer Initiative, die humanitäre Hilfe in die vergessenen Dörfer bringt - jene Kisten eben, die das Rote Kreuz, die Internationale Organisation für Migration und das Welternährungsprogramm nicht selbst verteilen. Bis zum Beginn dieses Jahres hat Uljana mit ihren Freunden noch drüben im russisch besetzten Gebiet gearbeitet, zu Hause in Donezk. In den zerbombten Vorstädten gleich an der Front, im Kiewskij-Rayon oder im Petrowskij-Rayon, wo die Granaten der ukrainischen Armee einschlagen, verteilten sie Essen und Kleidung an die Frauen und Kinder in den Schutzkellern.

          Rausschmiss aus Donezk

          Als dann im Februar Russlands Helfer in der „Donezker Volksrepublik“ fast alle Bürgerinitiativen gleichschalteten und alles zerschlugen, was noch selbständig war, wurden die „Verantwortlichen Bürger“ rausgeschmissen. Zuerst verschwand eine von Uljanas Mitstreiterinnen für drei Wochen in den Haftzellen der Besatzer, dann erschienen Männer mit steinernen Gesichtern bei einigen der anderen und gaben ihnen eine Viertelstunde zum Packen. Nach deren Ablauf ging es ohne Halt direkt an die Frontlinie, Kontrollpunkt null. „Lasst euch hier nicht wieder erwischen“ - und ab durchs Niemandsland Richtung unbesetzte Ukraine. Uljana, die jetzt neben dem Fahrer sitzt, folgte ihren Freunden wenig später und ließ ihre Mutter zurück.

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