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Hilfe für Amerika : Corona-Test auf Russisch

Liebesgrüße aus Moskau? Kartons mit medizinischer Ausrüstung an Bord eines russischen Militärtransporters auf dem Wege nach Amerika. Bild: Reuters

Moskau prüft Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit der Nato. Das westliche Bündnis muss in dieser Megakrise besonders auf seine Fähigkeit zu glaubwürdiger Abschreckung achten.

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          Peking schickt Schutzmasken nach Deutschland, Moskau medizinische Ausrüstung nach Amerika. Sind das nicht begrüßenswerte Belege dafür, dass die Pandemie Völker und Regierungen zusammenschweißt? An der einigenden Wirkung der Corona-Krise muss leider schon zweifeln, wer auf die zunehmend gereizter werdenden Auseinandersetzungen innerhalb der Europäischen Union blickt. Die weit größeren Interessengegensätze zwischen den westlichen Demokratien und autoritären Regimen wie in China oder Russland werden von dem Virus erst recht nicht eingeebnet. In Deutschland und seinen Nachbarländern dreht die Politik sich vor allem um die Bekämpfung der Seuche und die Eindämmung ihrer Folgen. Die Dimension dieser Krise drängt fast alles andere in den Hintergrund. Zu glauben, das sei überall auf der Welt so, wäre jedoch ein Fehler.

          Dass der Kreml nun ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Amerika beordert, ist lobenswert. Doch schickt Moskau trotz seines Aufrufs, militärische Aktivitäten zu reduzieren, auch weiterhin Langstreckenbomber in den Luftraum über dem Atlantik. Auch der russische Flottenverband, der ungewöhnlich lange in der Nordsee kreuzte, sollte dort wohl kaum Covid-19-Tests durchführen, sondern eher prüfen, wie es um Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit der Nato in Zeiten der Megakrise steht. Mit einem Manöver im westlichen Militärbezirk vergewisserte Moskau sich, dass seine eigenen Fähigkeiten zu militärischen Operationen nicht vom Virus-Ausbruch beeinträchtigt werden. Die Viren anderer Art, mit denen der Kreml seinen Cyber- und Propagandakrieg gegen den Westen führt, sind so potent wie eh und je.

          Die Streitkräfte der Nato-Mitgliedstaaten sollten die zivilen Strukturen im Kampf gegen die Corona-Seuche unterstützen, wo es nur geht. Doch muss das Bündnis auch darauf achten, dass, wie Generalsekretär Stoltenberg es formulierte, aus der Gesundheitskrise keine Sicherheitskrise wird. Die Pandemie ist auch für die Herrschaft autoritärer Regime eine Bedrohung, wenn sie deren Schwächen aufdeckt. Dann könnten „starke Männer“ meinen, ihre Macht auf anderen Schlachtfeldern beweisen zu müssen. Die Ausbreitung dieses ansteckenden Gedankens verhindert man nur mit glaubwürdiger Abschreckung.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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