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Innerhalb weniger Tage : Helfer retten Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer

  • Aktualisiert am

Die Hilfsorganisation Sea-Watch bringt am Freitag bei einem Rettungseinsatz im zentralen Mittelmeer 77 Migranten in Sicherheit. Bild: dpa

Die Hilfsorganisation Sea-Watch nahm nach eigenen Angaben bei mehreren Einsätzen insgesamt 455 Menschen an Bord. SOS Méditerranée brachte 236 Flüchtlinge nach Sizilien. Die Organisation kritisiert das Vorgehen der EU scharf.

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          Private Hilfsschiffe haben binnen weniger Tage Hunderte Menschen von überfüllten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer gerettet. Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch nahm nach eigenen Angaben bis Samstagabend bei mehreren Rettungsaktionen insgesamt 455 Menschen an Bord. Das Schiff „Ocean Viking“ der Organisation SOS Méditerranée brachte am Samstag 236 Flüchtlinge nach Sizilien.

          Die Flüchtlinge an Bord der „Ocean Viking“, die Hälfte von ihnen unbegleitete Minderjährige, gingen im Hafen von Augusta an Land. Sie waren am vergangenen Dienstag aus zwei überfüllten Schlauchbooten im zentralen Mittelmeer gerettet worden.

          „Trauer und Bitterkeit“ bei den Rettern

          Fünf Tage zuvor hatte das Rettungsschiff vor Libyen stundenlang bei schlechtem Wetter nach einem sinkenden Boot mit 130 Flüchtlingen an Bord gesucht, zu dem es einen Notruf gegeben hatte. Schließlich fand die Besatzung nur noch ein zerborstenes Schlauchboot und zahlreiche im Wasser treibende Tote.

          „Die Überlebenden, die wir heute an Land bringen können, sind erleichtert, endlich an einen sicheren Ort zu kommen“, äußerte die Geschäftsführerin von SOS Méditerranée Deutschland, Verena Papke. „Doch bei den Retterinnen und Rettern hinterlässt das dramatische Erlebnis des Schiffbruchs mit 130 Toten in der vergangenen Woche Trauer und Bitterkeit.“

          Die „Ocean Viking“-Besatzungsmitglieder hätten „das dringende Bedürfnis, Europas Öffentlichkeit über die schockierende Realität, die sie im Mittelmeer erlebt haben, aufzuklären“, so Papke. Schuld an der Lage sei die „EU-Abschottungspolitik“.

          Kritik am Vorgehen der EU

          „In Libyen internierte, gefolterte und ausgebeutete Menschen haben keine andere Wahl, als die gefährliche Flucht über das Mittelmeer zu riskieren“, hob Papke hervor. Diese Zustände in Libyen seien „den politisch Verantwortlichen in der EU wohlbekannt“. Dennoch entschieden sie sich bewusst dafür, nicht selbst zu retten, sondern Libyens Küstenwache zu finanzieren. Auf diese Weise halte die EU „den Kreislauf der Gewalt und Menschenrechtsverletzungen aufrecht“.

          Papke kritisierte, dass sich die Seebehörden in Libyen und den EU-Mittelmeerländern Italien und Malta zugleich weigerten, die Einsätze von zivilen Rettungsschiffen wie der „Ocean Viking“ zu koordinieren und sie mit Informationen zu versorgen. Das sei „zutiefst menschenverachtend“.

          Die deutsche Organisation Sea-Watch rettete derweil am Samstag bei der sechsten Rettungsaktion in gut zwei Tagen 51 Menschen von einem Holzboot. Nun werde dringend ein sicherer Hafen für die 455 Menschen der „Sea-Watch 4“ gesucht, schrieb die Organisation auf Twitter.

          Nach offiziellen Zahlen kamen im vergangenen Jahr mehr als 1200 Menschen bei dem Versuch ums Leben, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Fachleute gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus.

          Seenotrettung Thema bei nächstem Frontex-Treffen

          Mit der Frage, welche Rolle die Europäische Grenzschutzagentur Frontex beim Abfangen von Migranten durch die libysche Küstenwache spielt, soll sich nach Ansicht der EU-Kommission der Verwaltungsrat der Agentur befassen. Ein Sprecher der Brüsseler Behörde sagte am Freitag, man werde die Seenotrettung im Mittelmeer und die Kontakte mit der libyschen Küstenwache bei dem Treffen nächste Woche Freitag zur Sprache bringen, um sicherzustellen, dass „bei diesem Thema völlige Klarheit besteht“.

          Der Sprecher stellte zugleich klar, dass es nach internationalem Seerecht Pflicht sei, die maßgebliche Rettungsstelle einer Region über ein Boot in Seenot zu informieren. Daher betrachte man die Übermittlung von Sichtungsinformation von Schiffen in Not „in libyschen Hoheitsgewässern oder in der Such- und Rettungszone in der Verantwortung Libyens“ nicht als Verstoß gegen das Gesetz. Die Zeitschrift „Spiegel“ und andere Medien hatten hingegen berichtet, dass die libysche Küstenwache teils auch „tief in die maltesische Such- und Rettungszone“ hineinfahre.

          Berichten zufolge soll Frontex eine wesentlich aktivere Rolle bei Aktionen gegen Migranten durch die libysche Küstenwache gespielt haben als bekannt. Dies hätten Recherchen mit der Medienorganisation „Lighthouse Reports“, dem ARD-Magazin „Monitor“ und der französischen Zeitung „Libération“ ergeben. Demnach seien Frontex-Flugzeuge seit Januar 2020 in mindestens 20 Fällen über Migrantenboote hinweggeflogen, bevor die libysche Küstenwache diese zurückgeschleppt habe. In den meisten Fällen seien Handelsschiffe oder private Seenotretter in der Nähe gewesen, welche die Schiffbrüchigen schneller hätten erreichen können – diese seien aber offenbar nicht alarmiert worden. Im Bürgerkriegsland Libyen droht Flüchtlingen oft Folter und unmenschliche Behandlung.

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