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Streit um Statuen und Flaggen : Amerikanische Helden oder Rassisten?

  • Aktualisiert am

Eine Statue von Christopher Columbus liegt auf dem Boden vor dem Kapitol in St. Paul, Minnesota. Bild: AP

Im Zuge der Proteste gegen Rassismus ist in den Vereinigten Staaten eine Diskussion um Erinnerungskultur entbrannt. Die Demokraten wollen Statuen demontieren, Sportverbände Flaggen wechseln – doch Präsident Trump schwärmt vom „großartigen amerikanischen Erbe“.

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          Die Vorsitzende des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, hat die Entfernung von Denkmälern von Führungsfiguren der amerikanischen Südstaaten aus dem Sitz des Kongresses gefordert. Mit diesen elf Statuen werde „dem Hass gehuldigt“, schrieb die Anführerin der oppositionellen Demokraten am Mittwoch an einen parteiübergreifenden Ausschuss. Die mit diesen Denkmälern geehrten Männer seien für „Grausamkeit und Barbarei“ eingetreten.

          Im Washingtoner Kapitol stehen Denkmäler von Persönlichkeiten, die im 19. Jahrhundert für den Erhalt der Sklaverei eingetreten waren und deswegen die Südstaaten vom Norden der Vereinigten Staaten abspalten wollten. Diese Bestrebungen führten zum Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, in dem die Südstaaten unterlagen. In den Hallen des Kongresses stehen unter anderem Statuen von Jefferson Davis, dem Präsidenten der abtrünnigen Konförderierten Staaten von Amerika und seines Stellvertreters Alexander Stephens. Auch ein Denkmal des Generals Robert E. Lee, der die Südstaaten-Truppen angeführt hatte, steht dort.

          Das Thema des Umgangs mit dem Erbe von Sklaverei und Bürgerkrieg hat durch die Anti-Rassismus-Proteste der vergangenen Wochen verschärfte Brisanz gewonnen. Die Proteste waren durch den Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz entfacht worden.

          „Wunderbare und legendäre Einrichtungen“

          Präsident Donald Trump erteilte am Mittwoch einer möglichen Umbenennung von nach Südstaaten-Generälen benannten Militärbasen eine kategorische Absage. Die Stützpunkte seien Teil des „großartigen amerikanischen Erbes“, schrieb er im Kurzbotschaftendienst Twitter. „Deswegen wird meine Regierung eine Umbenennung dieser wunderbaren und legendären militärischen Einrichtungen nicht einmal in Erwägung ziehen.“

          Zehn Stützpunkte der amerikanischen Armee sind nach Generälen der Südstaaten benannt. Der pensionierte General David Petraeus hatte diese Woche gefordert, sie umzubenennen. Die Südstaaten-Generäle könnten in der heutigen Zeit nicht mehr als „Quelle der Inspiration“ dienen. Das Verteidigungsministerium zeigte sich grundsätzlich offen für die Diskussion.

          Kolumbus ohne Kopf

          Derweil köpften Unbekannte nach lokalen Medienberichten eine Statue von Christopher Kolumbus in einem Park der amerikanischen Ostküstenstadt Boston. Nach dem Vorfall in der Nacht zum Mittwoch kündigte Bürgermeister Marty Walsh an, auch den Rest des Denkmals abzubauen. Auch in Richmond (Virginia) wurde laut dem TV-Sender NBC 12 ein Kolumbus-Denkmal gestürzt, in Brand gesteckt und in einen See geworfen.

          Kolumbus war einer der ersten Europäer in der sogenannten Neuen Welt und wird häufig als Entdecker Amerikas bezeichnet. Historiker und Bürgerrechtler kritisieren ihn aber für sein gewalttätiges Verhalten gegenüber den Ureinwohnern Amerikas und dafür entscheidend, zum transatlantischen Sklavenhandel beigetragen zu haben.

          Fußballer dürfen wieder knien

          Unterdessen verbot die beliebte Motorsport-Serie Nascar am Mittwoch den künftigen Einsatz der Kriegsflagge der Konföderierten bei ihren Rennen. „Die Anwesenheit der Konföderierten-Flagge bei Nascar-Veranstaltungen widerspricht unserer Verpflichtung, ein inklusives Umfeld für alle unsere Fans, Teilnehmer und unsere Industrie zu bieten“, hieß es in einer Stellungnahme. Der einzige afroamerikanische Nascar-Fahrer, Bubba Wallace, hatte sich erst vor wenigen Tagen für ein solches Verbot ausgesprochen.

          Dagegen dürfen die Mitglieder der amerikanischen Fußball-Nationalmannschaften während der Hymne wieder friedlich protestieren und sich beispielsweise hinknien. Der Fußballverband der Vereinigten Staaten kippte ein entsprechendes Verbot und entschuldigte sich insbesondere bei seinen schwarzen Spielerinnen und Spielern. „Es ist klar geworden, dass diese Regel falsch war und von der wichtigen Botschaft, dass schwarze Leben wichtig sind, abgelenkt hat“, heißt es in einer am Mittwoch (Ortszeit) verbreiteten Stellungnahme. „Der Sport hat eine starke Plattform für das Gute und wir haben diese Plattform nicht so effektiv genutzt, wie wir das hätten tun sollen. Wir können bei diesen speziellen Themen mehr tun, und das werden wir.“

          Eingeführt worden war die Regel 604-1 im Februar 2017, nachdem Spielführerin Megan Rapinoe sich aus Solidarität mit Footballspieler Colin Kaepernick ebenfalls bei der Hymne hingekniet hatte. Damit wollten beide gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze demonstrieren. Seit der Afroamerikaner George Floyd am 25. Mai bei einem Polizeieinsatz ums Leben kam ist das Thema in den Vereinigten Staaten so groß wie wohl noch nie und führte landesweit zu massiven Protesten und Demonstrationen gegen Rassismus. Zukünftig liege es an den Spielerinnen und Spielern zu entscheiden, wie sie ihre Bühnen nutzen wollen um alle Arten von Rassismus, Diskriminierung und Ungleichbehandlung zu bekämpfen, teilte der amerikanische Verband mit.

          „Vom Winde verweht“ aus dem Programm genommen

          Derweil sorgt der amerikanische Streaminganbieter HBO max für Aufsehen mit der Ankündigung, den Filmklassiker „Vom Winde verweht“ vorerst aus dem Programm zu nehmen. Das zu Warner Media gehörende Unternehmen wolle dem Film Erklärungen zu dessen rassistischen Vorurteilen und der problematischen Darstellung von Sklaverei zur Seite stellen, erklärte ein Sprecher. „Er wird mit einer Erläuterung seines historischen Kontexts und einer Distanzierung von den rassistischen Darstellungen ins Programm wiederaufgenommen werden“, hieß es laut „Hollywood Reporter“ in einem Statement des Unternehmens.

          „Vom Winde verweht“ ist 1939 erschienen und erzählt die Geschichte der Gutsherrin Scarlett O'Hara in den US-Südstaaten zu Zeiten des Bürgerkrieges. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei stehen mehrere afroamerikanische Charaktere freiwillig und loyal zu Scarletts Familie, Probleme durch Sklaverei werden in dem Klassiker nicht thematisiert.

          Auslöser der neu entbrannten Diskussionen über rassistische Symbole und Erinnerungsverhalten in den Vereinigten Staaten war der  Tod des Afroamerikaners Floyd bei einem Polizeieinsatz vor mehr als zwei Wochen. Ein weißer Polizeibeamter hatte sein Knie fast neun Minuten lang in den Nacken des am Boden liegenden Mannes gedrückt - trotz seiner wiederholten Bitten, ihn atmen zu lassen. Der Polizist und drei an dem Einsatz beteiligte Kollegen wurden entlassen, festgenommen und angeklagt. Floyd war wegen des Verdachts, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben, festgenommen worden. Er war am Dienstag beisetzt worden. Die durch Floyds gewaltsamen Tod ausgelösten Massenproteste gegen systematischen Rassismus und Polizeigewalt im ganzen Land und auch weltweit dauern an.

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