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Heinz-Christian Strache : Der Unterschätzte

  • -Aktualisiert am

Bild: David Smith

Rechtspopulist Heinz-Christian Strache wildert. Er hat fast 26 Prozent der Wiener Wählerstimmen. Die FPÖ ist die zweitstärkste Partei in der Hauptstadt, fast doppelt so stark wie die Volkspartei. Jetzt wartet er auf das Jahr 2013.

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          Heinz-Christian Strache ist von einem anderen Schlag als sein Vorgänger Jörg Haider. „HC“ ist nicht nur eine Kopie. Das begreifen Österreichs Politiker und Medien jetzt langsam. Nach der Wiener Gemeinderatswahl kann der freiheitliche Parteichef nicht mehr in der Routine der Kommentare als Haiders „Billigausgabe“ oder „Klon“ abgetan werden, als leider, leider nicht so intelligent und brillant wie Dr. Jörg Haider selig, als ein Leichtgewicht oder auch immer wieder als bloßer Zahntechniker ohne Matura, wie zuletzt in einer beschämend arroganten Szene einer Fernsehdiskussion. Auch das steckte Strache diszipliniert ein.

          Nun hat er fast 26 Prozent der Wiener Wählerstimmen. Die FPÖ ist in Wien zweitstärkste Partei, fast doppelt so stark wie die Volkspartei. Für die Rathaus-Koalition mit den führenden Sozialdemokraten kommen die Freiheitlichen dennoch nie und nimmer in Betracht. (Zwar hat sich schon Kanzler Kreisky von der FPÖ stützen lassen, und damals saßen darin noch echte, historische Nazis, aber je länger der Nationalsozialismus zurückliegt, desto empfindsamer wird Österreich.) Strache wettert, dass er mit seiner FPÖ „ausgegrenzt“ werde, doch insgeheim dürfte ihm das recht sein, denn eine Protestpartei wächst draußen vor der Tür besser als in den Mühen der Regierung. Bei den nächsten Nationalratswahlen im Jahr 2013 werden der FPÖ auch dreißig und noch mehr Prozent zugetraut – wenn die große Koalition so weitermacht. Die FPÖ, das dritte Lager, ist schon seit Jahrzehnten der Ausweg gegen „die da oben“, die Roten und die Schwarzen. Und mit dem Thema Ausländer bringt der Oppositionspolitiker Strache die Regierenden auch schon jetzt in Zugzwänge: kommunal die Wiener SPÖ und auf Bundesebene eine um brutalstmögliche Ausländerabschiebungen bemühte ÖVP-Innenministerin. Über nötige Einwanderungsregeln und Integrationsmaßnahmen wird jetzt auch diskutiert.

          Als Ausländerfeind sieht er sich selbstredend nicht

          Ob Strache die braven Österreicher gegen Einwanderer aufhetzt oder ob er nur lautstark oder halbstark ihre Ängste und Alltagsnöte aufnimmt – wie Schulklassen mit achtzig Prozent nicht Deutsch sprechenden Kindern –, ihnen also aufs Maul schaut und ihre Sorgen zuspitzt auf Sprüche wie „Daham statt Islam!“ oder „Wien darf nicht Istanbul werden!“, darüber sind die Meinungen geteilt. Aber Befunde, die eine ebenso ängstliche politische Klasse kaum anzusprechen wagte, werden jetzt doch formuliert, etwa von einem angesehenen liberalen Kolumnisten, mit verschämtem Einschub: „In Wirklichkeit haben wir – das hat zwar auch Strache gesagt, aber es hat sogar einen Hauch von Wahrheit –, in Wirklichkeit haben wir ein Türkenproblem.“ Anders als südosteuropäische Migranten stehen türkische Männer in Wien nur zu dreißig Prozent in Arbeit.

          Auch Strache hat sich insoweit europäisiert, als er inzwischen „anständige, integrationswillige und arbeitende“ Einwanderer aus dem christlichen Südosteuropa in sein österreichisches Heimat-Konzept einbezieht, aber Kopftücher, türkisch predigende Imame und Islamzentren strikt ablehnt. Für ein EU-weites Bürgerbegehren gegen einen Türkei-Beitritt holte er jetzt Rechtsparteien aus ganz Europa zu einer Konferenz nach Wien.

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