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Zwischen Nord- und Südkorea : Die letzte Bruchlinie des Kalten Krieges

Bundesaußenminister Heiko Maas besichtigt eine der blauen Baracken in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea. Bild: dpa

Bundesaußenminister Heiko Maas fühlt sich an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea an die deutsche Teilung erinnert – und bietet deutsche Hilfe bei der Wiedervereinigung an.

          Skurril“ lautet das Adjektiv, das dem deutschen Außenminister einfällt, um die Stimmung des Ortes zu beschreiben – die Atmosphäre in jener Baracke, die exakt auf der Demarkationslinie zwischen dem Norden und dem Süden Koreas steht, in der sich an den Stirnseiten Soldaten aus Südkorea und aus Kim Jong-uns Nordkorea gegenüberstehen und in der die nordkoreanischen Uniformträger, nur durch eine Glasscheibe von den deutschen Besuchern getrennt, Fotos von Maas und seinen Begleitern machen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Später wird der deutsche Außenminister zum „Beobachtungspunkt Dora“ geführt, einer Anhöhe in der entmilitarisierten Zone, von der aus man an klaren Tagen noch viel weiter in nordkoreanisches Gebiet hineinsehen könnte, als es im heißen Dunst dieses Nachmittags der Fall ist. Maas blickt durch seine runde Sonnenbrille über die Grenze hinweg und sagt, ja, er habe in diesem Moment schon das geteilte Deutschland im Sinn, „die Mauern, die Zäune“ und „all die Dinge, die wir jetzt über 28 Jahre lang hinter uns gelassen haben“. Es ist ihm anzumerken, dass es für ihn eine Erinnerung von historischem, nicht von nostalgischem Wert ist. Der im Saarland aufgewachsene Maas erlebte den Fall der Mauer mit Anfang zwanzig, seine politische Karriere hatte mit der Bewältigung der Wiedervereinigung eher wenig zu tun. Die alte Teilung der Welt nahm er aus der Perspektive eines Jurastudenten wahr.

          Als Außenminister hat Maas in den vergangenen fünf Monaten eine ganz andere globale Gegenwart kennengelernt: Trumps Unberechenbarkeit, Putins machtpolitische Dickfelligkeit und Chinas kühl kalkulierte Hegemonialpolitik bestimmen die Nachrichten. Und trotzdem drängt sich an diesem Ort, der letzten Bruchlinie des Kalten Krieges, die Frage auf, ob die disruptive Unkonventionalität Trumps mehr Bewegung in diesen blockierten Konflikt gebracht haben könnte als die diplomatischen Bemühungen vieler Jahrzehnte zuvor. Der deutsche Außenminister hat Trumps Politikstil der elektronischen Blitznachrichten in Großbuchstaben in den vergangenen Wochen zunehmend schärfer kritisiert. Er will dem amerikanischen Präsidenten jedenfalls nicht allein die koreanischen Annäherungserfolge der vergangenen Monate zwischen Nord und Süd zugutehalten.

          Der Konflikt kann jetzt gelöst werden – oder nie

          Maas erinnert an der Demarkationslinie daran, dass der südkoreanische Präsident Moon schon kurz nach seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr eine neue Doktrin zur Annäherung an den Norden verkündet hatte. Das war damals ausgerechnet und gezielt während einer Reise Moons in die deutsche Hauptstadt geschehen – das einst geteilte Berlin schien dem südkoreanischen Staatsoberhaupt die geeignete Kulisse dafür zu sein. Aber trotz aller geschäftsmäßigen Professionalität sendet auch Maas an diesem Ort ein paar superlativische Bemerkungen aus: Wenn es jetzt nicht gelinge, die aktuelle Bewegung, die vereinbarten neuen Begegnungen zu nutzen, um den Konflikt zwischen beiden Koreas zu lösen, dann werde das „vielleicht niemals mehr“ gelingen, prophezeit er. Zuvor schon hatte er davon gesprochen, dies sei womöglich „die letzte Chance dafür“. Dass Deutschland dabei eine helfende Hand reichen könne, versichert Maas der koreanischen Führung während seines Aufenthalts mehrfach; er trifft neben der Außenministerin Kang Kyung-wha auch den Minister für Wiedervereinigung Cho Myung-gyun.

          Aber im Vordergrund stehen gegenwärtig vor allem die außen- und sicherheitspolitischen Fragen der Annäherung von Nord und Süd, vor allem die Umstände, unter denen die Ankündigungen des Nordens, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, zuverlässig international überprüft werden können. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Vereinigung, die in Deutschland damals ein Jahrzehnt lang die Aufmerksamkeit gefangen nahmen, sind in Korea gegenwärtig – noch – kein Thema, das den deutschen Gast in Fragen und Bitten erreicht.

          Manchmal würden Verabredungen unmöglich, weil eine Seite zu emotional reagiere

          Wie ungewiss – und wie dynamisch – die Situation momentan nicht nur auf den politischen und diplomatischen Konsultationswegen zwischen Seoul, Pjöngjang und Washington ist, sondern auch direkt an der Waffenstillstandslinie, das erfährt Maas nahe des 38. Breitengrades an Ort und Stelle von einem Schweizer Brigadegeneral. Er führt ein kleines Kontingent von Beobachtern, das zusammen mit einem halben Dutzend Schweden und einigen Polen als neutrales Team die Geschehnisse in der entmilitarisierten Zone rund um Panmunjom überwacht. Maas’ Visite findet 24 Stunden vor dem 65. Jubiläumstag des Waffenstillstands zwischen Nord und Süd statt. Das amerikanische UN-Kontingent und die Südkoreaner feiern diesen Tag regelmäßig mit einigem Aufwand auf ihrer Seite der Grenzlinie. Dieses Mal aber sind die Nervosität und die Erwartungen besonders groß. Es heißt, womöglich fänden sich die Nordkoreaner an diesem Tag bereit, die sterblichen Überreste einiger amerikanischer Soldaten zurückzugeben, die seit dem Ende des Korea-Krieges als vermisst gelten. Die Vorbereitungen dazu seien in den vergangenen Wochen jedenfalls getroffen worden, sogar Särge habe man eigens dafür in den Norden geschickt.

          Der Schweizer Brigadier berichtet, man dürfe den Verhandlungs- und Annäherungsprozess zwischen beiden Seiten nicht ausschließlich nach westlichen Maßstäben beurteilen. Manchmal würden Verabredungen unmöglich, weil eine Seite zu emotional reagiere. Dann wieder gebe es Treffen, die aus europäischer Sicht gar kein Ergebnis brächten, bei denen es aber kurz zuvor Bewegungen gebe. So sei etwa die nordkoreanische Ankündigung zu verstehen gewesen, die Propaganda-Lautsprecher abzuschalten, die zuvor in Panmunjom unablässig Parolen in den Süden plärrten. Der Schweizer Offizier sagt, das habe immerhin den Effekt gehabt, dass das schwedische Kontingent, das südlich der Linie, direkt nebenan sein Quartier habe, jetzt viel besser schlafen könne.

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