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Harper entschuldigt sich bei Ureinwohnern : Kanada weint nach der historischen Geste

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Der 11. Juni 2008 ist ein historischer Tag in der Geschichte Kanadas. Ministerpräsident Harper hat sich für ein rassistisches Verbrechen entschuldigt. Unter der „aggressiven Assimilierung“ der Indianer leiden ungezählte Familien der 1,3 Millionen Ureinwohner des Landes bis heute.

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          Es war ein Tag, an dem Kanada zusammenstand: im Parlament zu Ottawa, auf dem Rasen davor vor einem riesigen Monitor, vor Fernsehern in Wohnzimmern und Büros, in Schulen und Versammlungsräumen der Reservate. Es war ein Tag, an dem Kanada gemeinsam weinte. Der 11. Juni 2008 war ein historischer Tag in der Geschichte Kanadas.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es war der Tag, an dem sich der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper im Namen der Regierung und aller Kanadier für ein rassistisches Verbrechen entschuldigte, unter dem ungezählte Familien der 1,3 Millionen Ureinwohner des Landes bis heute leiden. Es trägt dazu bei, dass es unter den Angehörigen der „First Nations“ mehr Arme, Alkoholiker, Drogensüchtige, auch mehr Selbstmörder gibt als im Bevölkerungsdurchschnitt.

          Zwei Milliarden Dollar Entschädigung

          Um 1870 beschloss die Regierung ein Programm zur „aggressiven Assimilierung“ der Indianer, der Inuit und der Metis. Ihre Kinder sollten in christlichen Missionsschulen für ein Leben im modernen, weißen Kanada fit gemacht werden. Das hieß, sie wurden ihrer kulturellen, sprachlichen und ethnischen Identität beraubt.

          Das Programm war aus der Sicht der Regierung so erfolgreich, dass von 1920 an der Besuch für alle Kinder der Ureinwohner zwischen sieben und 16 Jahren in den Missionsschulen der Katholiken, Anglikaner, Unierten und Presbyterianer verpflichtend war. Dazu wurden die Kinder ihren Eltern weggenommen, in Internate und Uniformen gesteckt. 150.000 Kinder wurde diese „Erziehung“ zuteil, zu welcher in vielen Fällen unzureichende Ernährung und Unterbringung ebenso gehörte wie die Prügelstrafe und auch der sexuelle Missbrauch. Bis zu 90.000 ehemalige Schüler der christlichen Umerziehungsanstalten leben heute noch.

          Die kanadische Regierung hat bisher knapp zwei Milliarden Dollar Entschädigung für alle zwangseingeschulten ehemaligen Schüler und deren Nachfahren bereitgestellt, an die Opfer physischer und sexueller Gewalt soll eine zusätzliche Entschädigung bezahlt werden.

          Eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ wird in den kommenden Jahren anhand bisher unzugänglicher Dokumente das Ausmaß des kulturellen Genozids an den kanadischen Ureinwohnern untersuchen. 1931 hatte das Programm mit etwa 80 Schulen seinen Höhepunkt erreicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der christlichen Internate ab. Um 1980 tauchten die ersten Berichte über grassierenden sexuellen Missbrauch an den Schulen auf, erst 1996 wurde die letzte Internatsschule geschlossen.

          „Den Indianer in jedem Kind töten“

          Den Text seiner viertelstündigen Rede hatte der konservative Harper mit den anderen Parteien im Parlament sowie mit der „Assembly of First Nations“, dem Dachverband der Ureinwohner Kanadas, formuliert. Harper verlas die Entschuldigungsrede, mit den Tränen kämpfend, überwiegend in englischer Sprache, einige Passagen auf Französisch – und das Wort „Entschuldigung“ sagte er in mehreren Sprachen der Ureinwohner. Auch die anderen Parteiführer baten in tränenreichen Ansprachen um Vergebung.

          An der Seite der 104 Jahre alten Marguerite Wabano, der ältesten Überlebenden des Umerziehungssystems, hatte Harper das Unterhaus betreten. Neben ihr nahmen weitere zehn Vertreter der Ureinwohner an der Sondersitzung teil, viele von ihnen in traditioneller Kleidung. Phil Fontaine, Vorsitzender der „Assembly of First Nations“, trug den Feder-Kopfschmuck der Ojibway-Indianer und sagte, die Erinnerungen „schneiden wie Messer unbarmherzig in unsere Seelen“.

          Er hatte 1990 erstmals von seiner eigenen Leidensgeschichte sexuellen Missbrauchs berichtet. Ziel sei nicht die Erziehung der Kinder gewesen, sondern, „den Indianer in jedem Kind zu töten und die indianische Kultur aus dem Gewebe der kanadischen Gesellschaft auszulöschen“. Wie andere Vertreter der „First Nations“ sprach Fontaine im Parlament einige Worte in jenen Sprachen, die hätten ausgelöscht werden sollen.

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