https://www.faz.net/-gpf-ag2mi

Nach Krieg im Stich gelassen : Frankreich entschädigt algerische Hilfssoldaten

Späte Anerkennung: Emmanuel Macron (Mitte) zeichnet an diesem Montag in Paris algerische „Harkis“ mit dem Orden der Ehrenlegion aus (links Salah Abdelkrim, rechts der französische General Francois Meyer, der für eine Befehlsverweigerung als junger Soldat in Algerien ebenfalls ausgezeichnet wurde). Bild: AP

Algerier, die sich im Algerienkrieg auf die Seite Frankreichs geschlagen hatten, sollen späte Genugtuung erhalten. Frankreich habe gegenüber den „Harkis“ eine Schuld, sagt Macron.

          2 Min.

          Fast 60 Jahre nach Ende des Algerien-Kriegs hat Emmanuel Macron als erster französischer Präsident um Verzeihung für das Leid der algerischen Hilfssoldaten gebeten. Er kündigte ein Gesetz über finanzielle Wiedergutmachung an. „Die zurückgelassenen Kämpfer, ihre Familien, die Lager, Gefängnis und Verleugnung erlebten, bitte ich um Verzeihung“, sagte Macron bei einer Gedenkzeremonie am Montag im Elysée-Palast. Frankreich hatte im Algerien-Krieg die eigenen Truppen mit 150.000 sogenannten Harkis verstärkt. Nach der Unabhängigkeit und dem Abzug der Franzosen wurden Zehntausende von ihnen als Verräter massakriert.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Harkis und ihre Familien, die sich nach Frankreich retten konnten, wurden in Lagern interniert. Im Lager in Rivesaltes in der Nähe von Perpignan ist eine Gedenkstätte entstanden, die an ihr Schicksal erinnert. Im April 2012, mitten im Wahlkampf, reiste mit Nicolas Sarkozy zum ersten Mal ein französischer Präsident nach Rivesaltes und legte einen Kranz nieder. „Frankreich hätte die Harkis beschützen müssen. Es hat es nicht vermocht“, sagte Sarkozy damals.

          Für ihre Leiden und Diskriminierung sollen sie nun entschädigt werden. Macron kündigte ein entsprechendes Gesetz an. Im Elysée-Palast hieß es, es gebe keinen Präzedenzfall. Es handele sich um einen singulären Aussöhnungsprozess. Mehrere Hunderttausend Harkis und ihre Angehörigen und Nachfahren leben noch in Frankreich. Algerien tut sich bis heute schwer mit ihnen. Zuletzt bezeichnete der damalige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika sie im Jahr 2000 als „Kollaborateure“ und sprach ihnen ein Rückkehrrecht ab.

          „Ich möchte den Kämpfern unsere Dankbarkeit aussprechen, wir werden sie nicht vergessen“, sagte Macron am Montag. Der sozialistische Präsident François Hollande hatte sich 2016 zur Verantwortung Frankreichs für das Unrecht bekannt, das den Harkis widerfahren sei. Hollande prangerte „die inhumanen Aufnahmebedingungen“ für jene Harkis an, die nach Frankreich flüchten konnten. Er bat jedoch nicht um Verzeihung, weil er die finanziellen Folgen der Entschädigungszahlungen nicht tragen wollte. Die Modalitäten der finanziellen Entschädigung sind noch nicht bekannt. Im Elysée-Palast hieß es, man wolle errechnen, welcher Schaden etwa Kindern aufgrund mangelnder Lernchancen entstanden sei.

          Bis in die Siebzigerjahre wurde den Kindern der Besuch staatlicher Schulen verweigert. Damit sollten soziale Kontakte vermieden werden. Direkt nach der Ankündigung Macrons brach im Saal, in dem Harkis, deren Nachkommen und Vertreter ihrer Verbände versammelt waren, Unruhe aus. Eine Frau unterbrach Macron. „Ich mache keine luftigen Versprechungen“, sagte der Präsident. Er sagte, die Rentenzahlungen für die früheren Kämpfer oder ihre Witwen sollten erhöht werden. Für die zweite Generation müsse ein Verfahren gefunden werden, um das in den Lagern erlittene Leid angemessen wieder gutzumachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Grund zur Freude: Franziska Giffey, Olaf Scholz und Manuela Schwesig am Morgen nach dem Wahlsonntag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Regierungsbildung : Deutschland rückt nach links

          In Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin ist die Linke der bevorzugte Koalitionspartner, im Bundestag sitzen jetzt lauter Jusos. Auch die Grünen-Fraktion ist jünger und linker geworden. Was folgt daraus?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.