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Harald Eia gegen den Gender-Mainstream : „Das wurde hässlicher, als ich gedacht habe“

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Mag gern aufrütteln: Harald Eia, der nichts gegen Feminismus hat, nur etwas gegen schlechte Wissenschaft Bild: NRK

Alles tatsächlich nur Erziehung? Der norwegische Soziologe und Komiker Harald Eia hat das Gender-Mainstreaming in Frage gestellt.

          Herr Eia, im norwegischen Fernsehen wurde 2010 Ihre Programmreihe „Hjernevask“ (Gehirnwäsche) gezeigt. Sie kritisieren darin die Thesen der Gender-Wissenschaftler. Warum?

          Mich irritiert die Arroganz dieser Disziplin. Ein Kollege hat mir dazu mal eine Anekdote erzählt. In der Soziologie gibt es eine anerkannte Studie, die besagt, dass Kinder geschiedener Eltern später ein größeres Risiko haben, sich auch scheiden zu lassen. Auf einem Forschungsseminar präsentierte der Kollege stattdessen seine neuste Theorie dazu. Er sagte, dass auch vererbte Charakterzüge der Eltern ein Grund dafür sein könnten, dass das Risiko bei Scheidungskindern steige. Am Ende seines Vortrags lachte das Publikum über ihn, weil er angenommen hatte, dass dahinter vielleicht mehr als nur Erziehung stecke. Diese Arroganz habe ich schon als Student beobachtet.

          Sie sagen also, in Norwegen werde in der Gender-Forschung oft die biologische Perspektive ausgeblendet. Man geht davon aus, dass das soziale Geschlecht ausschließlich von der Umwelt geprägt wird. Wir kommen sozusagen als „blank slate“, als unbeschriebenes Blatt zur Welt.

          Ich wollte, dass die Menschen in der Sendung auch von anderen Wissenschaftstheorien hören. In den Medien ist die wissenschaftliche Debatte über Gender-Forschung auf einem sehr niedrigen Niveau. Ich dachte mir, da fehlt doch was. Die biologischen und psychologischen Aspekte nämlich. Die wollte ich der „blank slate“- Theorie gegenüberstellen. An den Universitäten wird fast ausschließlich diese Theorie verbreitet. Zu Beginn eines Kurses wird manchmal gesagt: „Na gut, vielleicht gibt es etwas Angeborenes. Aber das wissen wir nicht, also lasst uns zu den wirklich interessanten Themen kommen.“

          Die Sozialwissenschaften in Norwegen schotten sich ab?

          Ich habe das Gefühl, die Universität ist wie die Agora im alten Athen - der Marktplatz, auf dem sich die alten und weisen Männer getroffen haben, um zu diskutieren. Aber sie ist so groß, dass die Leute in ihren Ecken stehen bleiben, sie kommen nicht zusammen. Ich wollte die verschiedenen Traditionen zwingen, miteinander in einen Dialog einzutreten, und das wurde etwas hässlicher, als ich gedacht hatte. Ich wollte, dass es ein Kampf der Ideen wird.

          Die Wissenschaftler waren schockiert, als die Sendung ausgestrahlt wurde. Sie fühlten sich bloßgestellt und verraten.

          Ja. Es gab eine riesige Debatte. Es war komisch. Bevor das Programm anfing, sagten mir die Leute noch: „Wir haben keine Lust auf die Diskussionen darüber, ob etwas angeboren ist oder nicht. Das ist altmodisch.“ Und dann wurde ich sehr kritisiert.

          Unter anderem auch, weil Sie die norwegischen Wissenschaftler großen internationalen Forschern gegenüberstellten, die dann deren Theorie widerlegen oder kritisieren konnten. Warum haben Sie keine Biologen und Neurologen aus den eigenen Reihen befragt?

          Ich muss mich immer schämen, wenn ich Leuten aus anderen Ländern etwas zeige, was meine Landsleute gesagt haben. Es ist so, als würden wir auf unserem kleinen Schulhof irgendwelche Sachen diskutieren, und dann geht ein Schüler zum Lehrer und sagt: „Hey, die Kinder auf dem Schulhof reden über dieses und jenes“, und dann sagt der Lehrer: „Das ist total falsch.“ Also bin ich zu den Erwachsenen gegangen und habe gesagt: „Ich erzähl euch mal, was wir in Norwegen so denken, und dann sagt ihr mir, wie ihr das findet.“ Ich habe die Tendenz beobachtet, dass man nicht über Gene sprechen konnte, ohne als konservativ, altmodisch oder gar politisch rechts stigmatisiert zu werden. Die Leute verbinden Gene mit Rassismus.

          Dort, wo das Gender-Mainstreaming am weitesten fortgeschritten ist, in den skandinavischen Ländern, muss man sich plötzlich fragen: Sind Männer und Frauen vielleicht doch nicht so gleich?

          Genau. Interessant ist, dass man meinen sollte, in einer gleichberechtigten Gesellschaft gebe es keine Unterschiede mehr. Aber das Paradoxe ist, dass in einer sehr freien Gesellschaft neue Unterschiede auftauchen. Und zwar angeborene Unterschiede. Wir müssen die biologischen und genetischen Fakten beachten, denn sie sind heute von größerer Bedeutung als früher.

          Woher kommt die Angst vor dem Unterschied?

          Das hat historische Gründe. Die Leute hören sofort die reaktionären, politisch rechten Stimmen von vor 50 Jahren. Die befragten Wissenschaftler haben mein Projekt mit diesen Stimmen in Verbindung gebracht.

          Haben Sie noch Kontakt zu den Wissenschaftlern?

          Grundsätzlich war es so: Je stärker ihre Forschung politisch motiviert war, desto verärgerter waren sie. Sie hatten das Gefühl, dass ich die Sozialwissenschaften betrogen hatte. Ein paar von ihnen wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. Aber Norwegen ist ein kleines Land. Früher oder später trifft man sich auf der Straße. Das kann auch ein Problem sein, denn man traut sich nicht, hart zueinander zu sein. Jeder könnte die Cousine des Nachbarn sein. Also ist man freundlich.

          Fühlen Sie sich schuldig?

          Als die Debatte hier losbrach, sagten manche, ich sei in der Midlife-Crisis. Für die Gender-Wissenschaftler war es schlimmer. Einem wurde von politisch auf der Rechten stehenden Männern gedroht: „Wenn ich dich auf der Straße sehen, schlag ich dich zusammen.“ Und: „Du bist ein Verräter des männlichen Geschlechts.“ Er hatte Angst. Ich sagte ihm, dass diese Leute bellen, aber nicht beißen. Das war vor Anders Bering Breivik. Jetzt wissen wir, sie beißen auch. Manche Wissenschaftler sagten: „Du hast dunkle Mächte heraufbeschworen. Du hast ungesunde Ideen bei den Leuten geweckt.“ Aber „Gehirnwäsche“ ist kein rechtspolitisches Projekt. Ich bin nicht gegen Feminismus. Ich bin gegen schlechte Forschung. Ich wollte der Öffentlichkeit zeigen, wie dogmatisch manche Wissenschaftler in diesem Feld sind.

          Wenn sich die Gender-Forschung dagegen wehrt, auch den biologischen Aspekt in Betracht zu ziehen, wohin führt das?

          Es werden falsche Herangehensweisen gewählt. Es gibt in Norwegen und der EU eine Kampagne, die Mädchen für technische Berufe und Naturwissenschaften begeistern soll. Es ist lustig. Man sieht Mädchen mit Lippenstift, die Experimente machen. Aber Mädchen finden technische Berufe nicht unweiblich. Sie haben auch keine Angst davor, als Mann zu gelten. Sie finden es einfach langweilig.

          Glauben Sie, dass auch in Deutschland eine solche Debatte möglich ist?

          Absolut. Gerade planen wir „Gehirnwäsche“ in Schweden. Dort gibt es ein großes Einwandererproblem. Aber die Politiker trauen sich nicht, es anzusprechen, denn sie haben Angst, dann als rechts und rassistisch zu gelten. Es ist nicht gut, wenn man Angst hat, gewisse Probleme anzusprechen.

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