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Hansa Stavanger : Politiker kritisieren Zahlung von Lösegeld

  • Aktualisiert am

Nach der Freilassung wird die „Hansa Stavanger” von der Fregatte „Brandenburg” begleitet Bild: dpa

Nach der Freilassung des deutschen Containerschiffs „Hansa Stavanger“ steht die Lösegeld-Zahlung als Aufforderung zu weiteren Überfällen in der Kritik. Zudem erhebt der Vater eines Besatzungsmitglieds Vorwürfe gegen die Bundesregierung.

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          Nach der Freilassung des deutschen Containerschiffes „Hansa Stavanger“vor der Küste Somalias haben Politiker die Lösegeldzahlung scharf kritisiert. Der CSU-Sicherheitspolitiker Hans-Peter Uhl forderte ein Ende der „Scheckbuch-Diplomatie mit somalischen Piraten“. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Uhl, für die Piraten am Horn von Afrika sei das eine Aufforderung zu weiteren Überfällen. „Die Gefahr für deutsche Handelsschiffe wird dadurch größer statt kleiner.“ Uhl forderte eine deutlich härteres Vorgehen gegen die Seeräuber. Gekaperte Schiffe sollten noch auf hoher See notfalls mit Waffengewalt zurückerobert werden.

          Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sagte der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, der Westen finanziere mit Lösegeldzahlungen eine Entführungsindustrie in Somalia durch „hoch professionelle Banden“. Organisierte Kriminalität habe aus der Piraterie ein „einträgliches Geschäft“ gemacht.

          Martyrium an Bord

          Piraten hatten die „Hansa Stavanger“ am 4. April rund 650 Kilometer vor der somalischen Küste in ihre Gewalt gebracht. An Bord befanden sich fünf Deutsche, unter ihnen der Kapitän. Nach viermonatigem Martyrium hatten die Piraten das Schiff am Montagabend verlassen. Zuvor hatten sie nach eigenen Angaben umgerechnet 2,1 Millionen Euro Lösegeld vom Eigentümer, der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg, erhalten.

          Für das deutsche Containerschiff soll die Reederei 2,1 Millionen Euro Lösegeld gezahlt haben

          Die „Deutsche Schifffahrts-Zeitung“ berichtete, die somalischen Piraten hätten Besatzungsmitglieder mit Scheinhinrichtungen terrorisiert. Frederik Euskirchen aus Brake, 2. Offizier auf dem Schiff, habe seinem Vater berichtet, dass sich Besatzungsmitglieder mit verbundenen Augen hinknien mussten und anschließend Gewehrsalven über ihre Köpfe hinweg abgefeuert wurden.

          Der Vater machte der Bundesregierung Vorwürfe: „Wir fühlten uns als Angehörige von der Regierung und dem Krisenstab am Ende nur noch im Stich gelassen“, sagte er der „Nordwest Zeitung“. Er habe an Bundeskanzlerin, Bundespräsident und weitere führende Politiker aller Parteien geschrieben und keine Antwort erhalten. „Aus dem Kanzleramt habe ich immerhin eine Eingangsbestätigung bekommen, aber mehr auch nicht“, sagte er.

          Reederei rechtfertigt lange Verhandlungen

          Nach dem Stopp der geplanten Befreiungsaktion durch Spezialeinheiten der GSG9 sei auch der Krisenstab seiner Meinung nach nicht mehr nennenswert tätig gewesen. „In meiner Not bin ich so weit gegangen, die Bundesregierung wegen unterlassener Hilfeleistung zu verklagen“, sagte Euskirchen. Das Verwaltungsgericht Berlin habe seinen Eilantrag im Juli aber abgewiesen, berichtete die Zeitung.

          Nach Kritik des Verbands deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere sowie der Ehefrau des Kapitäns rechtfertigte die Reederei die monatelangen Verhandlungen mit den Geiselnehmern. Reederei-Geschäftsführer Frank Leonhardt sagte „Spiegel Online“, dass es unter den „skrupellosen Kriminellen“ keine zuverlässigen Gesprächspartner gegeben habe. „Viele Aussagen der Gegenseite waren wenige Stunden später schon nichts mehr wert“, sagte Leonhardt.

          Das deutsche Containerschiff mit seinen 24 Crewmitgliedern wird am Donnerstagabend oder Freitag in der kenianischen Hafenstadt Mombasa erwartet. An Bord ist auch ein Marinearzt. Ein Sprecher der EU-Operation Atalanta sagte am Dienstag, es bestehe zwar keine akute Gefahr für Leib und Leben der Besatzung, die psychische Belastung habe jedoch Spuren hinterlassen. Den Besatzungsmitgliedern gehe es den Umständen entsprechend gut. Das Schiff wird von der deutschen Fregatte „Brandenburg“ begleitet. Nach Angaben von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier werden die Besatzungsmitglieder nach der Ankunft in Mombasa in ihre Heimatländer ausgeflogen.

          Sieben Beamte des Bundeskriminalamts werden voraussichtlich am Freitag in Mombasa eintreffen. Sie sollen die Besatzungsmitglieder vernehmen, den Tatort untersuchen und Spuren sichern. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt seit April gegen Unbekannt wegen des Verdachts eines gemeinschaftlichen Angriffs auf den Seeverkehr und der schweren räuberischen Erpressung.

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