https://www.faz.net/-gpf-ry52

Hamas : Überrumpelt vom eigenen Sieg

  • -Aktualisiert am

Hamas-Anhänger in Ramallah Bild: REUTERS

Die Hamas scheint von ihrem eigenen Wahlerfolg überrascht. Die einst scheuen Sprecher der Organisation müssen sich nun einem Sperrfeuer von Fragen stellen. Dabei sind ihre Äußerungen zum Teil äußerst widersprüchlich.

          3 Min.

          Die Hamas scheint von ihrem Wahlsieg in der vergangenen Woche überrumpelt worden zu sein. Mit der absoluten Mehrheit im palästinensischen Autonomierat muß sie nun plötzlich zwischen islamistischer Ideologie und pragmatischer Politik einen Kurs finden, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Diese Suche führt zu Widersprüchen.

          Flehentlich bittet die Hamas vorab die westliche Welt darum, ihre Finanzhilfe für die Autonomieregierung nicht auszusetzen. Der Hamas-Führer Hanija versprach am Montag, kurz bevor sich in Brüssel die EU-Außenminister trafen: „Wir versichern, daß alle Mittel in Gehälter, das tägliche Leben und die Infrastruktur fließen werden.“ Und er bekräftigte: „Das Geld gehört dem Volk und fließt zum Volk.“

          Sperrfeuer von Fragen

          Das kollektiv entscheidende Politbüro besteht aus Anführern im Lande und im Exil; sie schaffen es nicht, stets Einvernehmen herzustellen, bevor sie sich öffentlich äußern. Von Gaza läßt es sich nicht eben leicht nach Damaskus oder Beirut telefonieren, wo viele Politbüro-Mitglieder wohnen. Ein Hamas-Politiker bekommt von den Israelis auch keine Genehmigung, um zwischen dem Gazastreifen und dem Westjordanland hin- und herzureisen.

          Erstmals seit ihrer Gründung vor zwanzig Jahren muß sich die Hamas nun unentwegt den Fragen der Journalisten stellen. Die Hamas-Sprecher, die sich jahrelang scheu zurückhielten und sich dann allenfalls zu zweit einem Gespräch stellten - mit einem Gesprächs- und einem Protokollführer -, sehen sich nun einem Sperrfeuer von Fragen ausgesetzt. Über viele der abgefragten Themen haben sie sich bisher nie öffentlich äußern müssen, weil niemand Interesse an den einschlägigen Ansichten einer Oppositionsgruppe hatte.

          „Die Charta kann angepaßt werden“

          Von der Hamas wird nun allenthalben gefordert, sie müsse ihre Charta von 1988 revidieren, die einen heiligen Krieg zur Zerstörung Israels fordert. Doch hat lediglich ein Hamas-Politiker aus der zweiten Reihe einem Radiosender anvertraut, die Charta „repräsentiert nicht mehr Positionen von heute, sie kann angepaßt werden“. In gewissem Sinne stellt zwar auch das Wahlprogramm eine solche „Anpassung“ dar, in dem nur noch vom „Recht“ die Rede ist, „mit allen Mitteln, auch mit bewaffnetem Widerstand, daran zu arbeiten, die palästinensischen Rechte“ zurückzuerobern, um „die Besatzung zu beenden und einen unabhängigen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt“ zu erhalten. Eine Anerkennung des Rechts Israels auf eine Existenz in Sicherheit ist das freilich nicht.

          Eine Gruppe innerhalb der Hamas will sich derzeit offenbar aus dieser Grundsatzdebatte heraushalten. Der Stellvertreter des in Damaskus lebenden Politbüro-Chefs Meschal, Abu Marsuk, möchte weiterhin der PLO-Führung die diplomatischen Kontakte überlassen: „Die Präsidenten Arafat und Abbas verhandelten mit Israel und die Hamas war dagegen, ohne dabei aber in Konflikt mit ihnen zu kommen. Die Hamas will mit den Ergebnissen der Oslo-Verträge genauso verfahren wie die Araber insgesamt mit den Grenzen“, die der britische und französische Imperialismus zeichnete.

          Weitere Themen

          „Homo-Heilungen“ werden verboten

          Abstimmung im Bundesrat : „Homo-Heilungen“ werden verboten

          Therapien, die eine Änderung oder Unterdrückung der sexuellen Präferenz oder der Geschlechtsidentität zur Folge haben, sind künftig nicht mehr erlaubt. Geschlechtsumwandlungen, die die selbst empfundene Identität unterstreichen, sind davon ausdrücklich ausgenommen.

          Topmeldungen

          Die deutsche Industrie kämpft mit einem Auftragsschwund wegen der Corona-Krise.

          Keine Aufträge, kein Wachstum : Die Industrie liegt am Boden

          Erstmals liegt schwarz auf weiß vor, wie schwer die Ausgangsbeschränkungen die deutsche Industrie treffen. Ökonomen verbreiten Zuversicht, doch die harten Zahlen machen bislang wenig Mut.

          Tierschutz : Wir sind alle Schlächter

          Die Zustände in unseren Fleischfabriken sind skandalös. Aber warum reden jetzt alle von den Menschen und nicht von den Tieren?
          Ein Plakat für die Joyn-Sendung „M.OI.M. – Milf oder Missy“

          Nach öffentlicher Kritik : Pro Sieben zieht „Milf“-Werbung zurück

          Plakate abgehängt, Sendung neu vertont, Name geändert – Pro Sieben reagiert auf die Kritik an der Datingshow „Milf oder Missy“ – und verteidigt sich: Man wolle Rollenklischees aufbrechen. Beim Werberat hatte es 111 Beschwerden gegeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.