https://www.faz.net/-gpf-ox80

Hamas-Bewegung : Geschwächt, aber tief verwurzelt in den Massen

  • -Aktualisiert am

Gezielt getötet: Abdel Asis Rantisi Bild: dpa/dpaweb

Der Hamas fehlt es nach der Tötung ihrer Führer an einigenden Autoritäten, Geld und Sprengstoff - aber der Haß ihrer Anhänger wächst.

          5 Min.

          Viele zehntausend Sympathisanten und Aktivisten der islamistischen Hamas-Bewegung marschieren an diesem Sonntag durch die Straßen von Gaza. Sie haben den erst am 22. März zu ihrem Anführer bestimmten Abdel Aziz Rantisi beerdigt, der am späten Samstag von einer gezielten israelischen Rakete gemeinsam mit seinem Sohn und einem Leibwächter in einem Wagen getötet worden war. Unter den Rache schwörenden Marschierern müssen auch Spione sein, sogar ziemlich weit vorne im Zug. Stets waren die israelischen Sicherheitsleute den Hamas-Führern auf der Spur, auch Rantisi, obwohl der in den Untergrund ausgewichen war. Nur noch selten und im Schutz der Massen hatte er sich gezeigt. Stunden nach dem Tod Rantisis wurde schon ein Nachfolger bestimmt. Doch auf Geheiß von Hamas-Generalsekretär Chaled Meschal in Damaskus, dem starken Mann der Zukunft, bleibt dieser Anführer namenlos. Die Israelis freilich machen schon Jagd auf ihn.

          Derweilen wird nicht mehr gefragt, ob es einer Demokratie überhaupt erlaubt sein kann, Terroristen nicht vor Gericht zu bringen, sondern aus der Ferne zu erschießen. In Israel ist das seit der Verfolgung und Ermordung der Attentäter von den Olympischen Spielen 1972 in München "als letztes Mittel" üblich. Doch es wurde dabei selten klar, ob diese Tötungen einen politischen oder von Sicherheitsinteressen her vertretbaren Sinn haben. So sollte 1997 der israelische Geheimdienst Mossad im jordanischen Amman Hamas-Generalsekretär Meschal mit einer Giftspritze töten. Doch nach der gescheiterten Operation mußte der damalige israelische Premier Netanjahu sofort das Gegengift liefern und den zu lebenslanger Haft verurteilten Hamas-Gründer Scheich Jassin - der vor drei Wochen getötet worden ist - nach Gaza ausreisen lassen. Meschal, den bis dahin kaum jemand kannte, ist seither ein Held.

          Erster Anschlag auf Rantisi 2003

          Im Juli 2002 erschoß die israelische Luftwaffe den Chef-Organisator der Hamas im Gaza-Streifen, Salach Schehade. Der war ein Bindeglied zwischen der politischen Hamas-Führung und den bewaffneten Kassem-Gruppen gewesen. Mit dieser Aktion begann in einer zweiten Phase der "zweiten Intifada" die Jagd auf Hamas-Führer, nachdem die Israelis zunächst die in den Terror verstrickten Polizeistrukturen der Fatah von PLO-Führer Arafat weitgehend zerstört hatten. Die Hamas hatte zwar von Anfang an mit Selbstmordanschlägen israelisches Blut vergossen, doch zunächst schien es so, als sei sie dennoch vor Israels Gegenschlägen sicher. Erst als die Strukturen der Autonomieverwaltung weitgehend zerstört waren, gerieten die Islamisten ins Schußfeld der Israelis, so, als seien der israelischen Armee andere Ziele ausgegangen. Seither wurde die Schlagkraft der Hamas durch die Tötungen eindeutig geschwächt, während ihr Rückhalt in der Bevölkerung immer stärker wurde.

          Rantisi sollte erstmals im Juni 2003 umgebracht werden. Doch die Rakete verletzte nur den Hamas-Führer wenige Tage nach dem Friedensgipfel von Ministerpräsident Scharon mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Mazen, mit Präsident Bush und dem jordanischen König in Akaba am Roten Meer. Das war wohl der erste Schlag, mit dem Scharon den palästinensischen Ministerpräsidenten schwächte, der doch darauf aus war, die Hamas zu zähmen. Statt dessen peitschte Scharon die Wut der Straße auf und lähmte Mazen.

          Ein bedingungsloser Befürworter von Krieg und Terror

          Rantisi überlebte und wurde schon aus dieser Fast-Märtyrer-Rolle heraus zum natürlichen Nachfolger Scheich Jassins. Auch der Scheich befürwortete den Terror und schickte zum Schluß selbst Frauen in den Tod. Doch er stand auch für die "Hudna", die zeitweilige Waffenruhe, die der damalige palästinensische Ministerpräsident Mazen dann dennoch im Sommer 2003 mit den Islamisten und mit ägyptischer Hilfe aushandeln konnte. Die Israelis töteten den "politisch flexiblen" und für pragmatisches Denken offenen Scheich nach einem ersten erfolglosen Versuch am 22. März mit acht weiteren Menschen. Jassin hatte sich nicht in den Untergrund zurückgezogen und war weiter zum Morgengebet in der Moschee erschienen. Der "Märtyrer" ging dem Tod nicht aus dem Weg.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Polizisten am Frankfurter Mainufer.

          Was zu tun ist : Den Bürger nicht allein lassen

          Der Rechtsstaat sollte konsequent sein: ohne Sicherheit keine Freiheit. Das gilt auch bei der Einwanderungspolitik – die lange von naiven Vorstellungen geleitet wurde.

          Zukunft der Schule : „Wir sind total festgefahren“

          Dario Schramm ist die Stimme der Schüler in Deutschland. Ein Gespräch darüber, wo es an deutschen Schulen hakt und warum soziale Kompetenzen im Unterricht wieder mehr im Vordergrund stehen sollten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.