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Zehn Jahre nach dem Beben : Von Rettern ist Haiti nicht zu retten

Demonstranten tragen einen Getöteten aus ihren Reihen im Sarg zum Friedhof von Port-au-Prince. (Archivbild von November 2019) Bild: AP

Vor zehn Jahren verwüstete ein Erdbeben Haiti. Es war nicht die erste Katastrophe, die das Land heimsuchte. Und nicht die letzte. Droht nun ein Bürgerkrieg?

          3 Min.

          Haiti war einmal Weltmarktführer für Kaffee, Baumwolle und Rohrzucker. Heute ist es das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und gilt als gescheiterter Staat. Zwar ging es Haiti schon vor dem schweren Erdbeben vom 12. Januar 2010 schlecht. Die Naturkatastrophe, die sich nun zum zehnten Mal jährt, brachte den Karibikstaat aber noch weiter an den Abgrund: Mehr als 200.000 Menschen kamen ums Leben, mindestens 300.000 wurden verletzt.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Das gesamte öffentliche Leben brach innerhalb weniger Sekunden zusammen; 1,3 Million Haitianer wurden obdachlos. Zwar rollte die internationale Hilfe am Tag des Unglücks an. Doch selbst das größte Spendenprogramm in der Geschichte der Vereinten Nationen – elf Milliarden Dollar wurden Haiti von ausländischen Gebern versprochen – konnte keinen Aufschwung herbeiführen.

          Im Gegenteil: Kritiker wie der Filmemacher Raoul Peck beklagen, dass die ausländische Hilfe „tödlich“ gewesen sei. Sie habe die Korruption beflügelt und die grundsätzlichen Probleme ignoriert. So hatten Hilfsorganisationen zwar in großem Stil zweckgebundene Spenden gesammelt, die für den Wiederaufbau bestimmt waren. Doch für die Beseitigung des Schutts hatten sie nichts eingeplant. Haiti blieb über Jahre auf seinen Trümmern sitzen, obwohl es zeitweise die höchste Dichte an Hilfsorganisationen aufwies. Heute weiß man auch: Achtzig Prozent der Spenden sind zunächst in die Geberländer zurückgeflossen. Deutschland beispielsweise hat vor allem deutsche Nichtregierungsorganisationen gefördert.

          Gangs haben das Sagen

          Bald nach dem Erdbeben brach die Cholera aus. UN-Soldaten hatten den bakteriellen Erreger ins Land gebracht. 2016 suchte Hurrikan „Matthew“ das Land heim. Seit mehr als einem Jahr ist auch die politische Unruhe wieder groß. Proteste, bei denen der Sturz des Präsidenten und Gerichtsverfahren für korrupte Politiker gefordert werden, münden regelmäßig in Gewalt.

          Die meisten Geschäfte in Port-au-Prince sind derzeit geschlossen. Bilderstrecke

          Katja Maurer von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico international hat Haiti vor kurzem besucht. Sie berichtet, dass die sichtbaren Schäden des Erdbebens beseitigt seien. „Wenn nicht gerade Barrikaden brennen, sind die Märkte geöffnet und die Plätze wieder für Verliebte da.“ Einerseits. Andererseits strömen bisweilen Hunderttausende wütende Haitianer auf die Straßen. Maurer sagt: „Der Anschein von Normalität ist weg, und der wird nicht wiederkommen.“

          Seit Jahrzehnten unter korruptesten Staaten der Welt

          Zu den Protesten ruft unter anderen die katholische Kirche im Land auf. Die Diaspora in den Vereinigten Staaten, in Kanada, Frankreich und Lateinamerika, die sich vor allem aus der in Haiti fehlenden Mittelschicht zusammensetzt, steht hinter den Demonstranten. Angefacht wurden die Unruhen zuletzt durch einen Senator, der vor dem Parlament in der Hauptstadt Port-au-Prince zwei Menschen angeschossen hat. Oder durch einen Bericht des haitianischen Rechnungshofs über den Umgang mit Geldern aus dem venezolanischen Hilfsfonds Petrocaribe. Darin werden zahlreiche Fälle von Korruption angeprangert.

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