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Haiti : Wählerlisten mit lauter Toten

  • -Aktualisiert am

Haiti wählt: Vom Plakat lacht Mirlande Manigat einer Frau hinterher, die womöglich größere Sorgen hat als die Politik Bild: Reuters

Schon vor Ausbruch der Cholera, die unzählige Opfer forderte, hatte man in Haiti diskutiert, ob die Zeit in dem erdbebenverwüsteten Land wirklich reif ist für eine Wahl. Aber die Haitianer haben seit jeher dem Chaos getrotzt.

          Seine Hosen lässt Sweet Mickey in der Öffentlichkeit nicht mehr herunter. Denn der Haitianer, der eigentlich Michel Martelly heißt, will am Sonntag zum neuen Präsidenten des Landes gewählt werden. Er ist 49 Jahre alt und hat schon manche Karriere absolviert - als Bauarbeiter, Nachtclub-Betreiber und vor allem als König des „Kompa“, jener haitianischen Mischung aus amerikanischem Jazzrock, afrikanischen Rythmen und karibischen Klängen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Martelly ist einer von 19 Präsidentschaftskandidaten, die zur Wahl am 28. November zugelassen wurden. Andere, wie der in New York lebende Hip-Hop-Star Wyclef Jean oder dessen Onkel Raymond Joseph, Haitis Botschafter in Washington, durften nicht antreten, weil sich ihr Wohnsitz im Ausland befindet. Als Martelly noch „Kompa“ sang, trug er bevorzugt Feinripp-Unterhemden und weite Jeanshosen, die er auf der Bühne gern herunterließ. Wenn er nun auftritt, spielt zwar im Hintergrund seine Musik und er bewegt die Hüften, aber Oberhemd und Anzughose bleiben zugeknöpft.

          Unerfahrenheit als Vorteil

          Dass er keine Erfahrung hat als Politiker, rechnet sich Martelly als Vorteil an, denn deshalb habe er auch nichts mit der in Regierung und Verwaltung grassierenden Korruption zu tun. Er verspricht Neuanfang und Wiederaufbau. Zudem kann Martelly mit vielen Stimmen von Jungwählern rechnen, die für „Sweet Mickeys“ Freund Wyclef Jean gestimmt hätten, dessen Stiftung „Yéle Haiti“ weithin bekannt ist. Wenn Martelly mit seinem mit Lautsprechern vollgepackten Lastwagen durchs Land fährt, zieht er mehr Menschen an als alle anderen Präsidentschaftskandidaten.

          Ob in Zeiten der Cholera mit inzwischen mehr als 1.400 Toten und elf Monate nach einem Erdbeben, dessen Verheerungen noch allenthalben noch zu sehen sind, überhaupt gewählt werden soll, ist in Haiti zwar kurz debattiert worden. Die meisten haitianischen Politiker aber sprachen sich ebenso wie der amerikanische Botschafter, die UN-Mission und die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) für die Präsidenten- und Parlamentswahlen am Sonntag aus. Etwa 4,7 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, den Nachfolger von Präsident René Préval zu bestimmen, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten darf, sowie die 99 Mitglieder des Abgeordnetenhauses und elf der 33 Senatoren.

          Ob die OAS, die gemeinsam mit der haitianischen Wahlbehörde für die Vorbereitung und Überwachung der Wahlen verantwortlich ist, in ausreichender Zahl fälschungssichere Wählerausweise hat drucken lassen und ihre 24.000 Urnen und Wahlkabinen rechtzeitig in die knapp 12.000 Wahllokale im ganzen Land würde transportieren können, war am Donnerstag noch nicht zweifelsfrei klar. Viele Namen der mindestens 230.000 Erdbebentoten vom 12. Januar dürften noch immer auf den Wählerlisten stehen.

          Gerüchte über Wahlbetrug und gelegentliche Gewaltausbrüche

          Bei Demonstrationen gegen die Minustah, die von vielen Haitianern für den Ausbruch der Cholera-Epidemie verantwortlich gemacht wird, sowie bei Auseinandersetzungen zwischen Anhängern verschiedener Kandidaten, kamen in den vergangenen Tagen mindestens sieben Menschen ums leben. Gerüchte über Wahlbetrug sowie gelegentliche Gewaltausbrüche gehörten aber auch früher zu Wahlen in Haiti.

          Am Zaun vor dem Präsidentenpalast, der ebenso noch immer in Trümmern liegt wie 15 von 17 Ministeriumsgebäuden, hängen Hunderte gelbe Wahlplakate von Jude Célestin. Der 48 Jahre alte Chef eines staatlichen Bauunternehmens ist der Präsidentschaftskandidat der Liste „Inite“ (Einheit), die vom scheidenden Präsidenten Préval unterstützt wird und über schier unbegrenzte Finanzmittel zu verfügen scheint. Nach jüngsten Umfragen dürfte dennoch die linkszentristische Oppositionskandidatin Mirlande Manigat, die 70 Jahre alte Ehefrau des früheren Präsidenten Leslie Manigat, die meisten Stimmen erhalten und somit die wahrscheinliche Stichwahl am 16. Januar erreichen. Eine Außenseiterchance hat aber auch der Textilunternehmer Charles Baker - und natürlich „Sweet Mickey“.

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