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Attentat in Haiti : Mehrere Verdächtige in Taiwans Botschaft festgenommen

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Waffen, Telefone und Pässe sichergestellt – Tatverdächtige festgenommen: Aufnahme vom Donnerstag in Port-au-Prince Bild: Reuters

Nach der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse hat die haitianische Polizei elf Tatverdächtige in der Botschaft Taiwans festgenommen. Die Behörden machen ein ausländisches Killerkommando für die Tat verantwortlich.

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          Nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse machen Haitis Behörden mehr als zwei Dutzend Ausländer für die Tat verantwortlich. Nach Angaben Taiwans wurden elf Verdächtige im Zusammenhang mit dem Mord auf dem taiwanischen Botschaftsgelände in Port-au-Prince festgenommen. „Eine Gruppe bewaffneter Männer“ sei am Donnerstagmorgen in die diplomatische Vertretung Taiwans eingedrungen, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in Taipeh am Freitag der Nachrichtenagentur AFP.

          Ohne jegliches Zögern habe Taiwans Botschaft der haitianischen Polizei grünes Licht für die Aktion gegeben, hieß es in einer Mitteilung der taiwanischen Botschaft. Die Verdächtigen seien von der Polizei zum Verhör zurückgebracht worden. Taiwan sei ein „langjähriger Freund und glaubwürdiger Partner Haitis“.

          Anders als die meisten anderen Staaten unterhält Haiti seit 65 Jahren volle offizielle Beziehungen zu Taiwan. Der krisengebeutelte Karibikstaat ist damit einer von 15 diplomatischen Verbündeten Taiwans. China sieht Taiwan als Teil der Volksrepublik an und versucht, die Insel diplomatisch zu isolieren.

          Angehörige der kolumbianischen Armee

          Ein Killerkommando aus „26 Kolumbianern und zwei US-Bürgern haitianischer Herkunft“ sei an dem Attentat beteiligt gewesen, hatte der Chef der Nationalpolizei, Léon Charles, am Donnerstag mitgeteilt. Bislang seien 17 Verdächtige festgenommen worden. 15 der kolumbianischen Staatsbürger sowie die zwei US-Bürger wurden demnach festgenommen, drei Kolumbianer getötet. Acht Angreifer befänden sich noch auf der Flucht. Die Polizei hatte am Mittwoch zunächst von vier erschossenen „Söldnern“ gesprochen.

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          Die Hintergründe des Mordes sind derweil völlig unklar. Die Vereinigten Staaten und Kolumbien boten ihre Hilfe bei den Ermittlungen an. Aus Bogotá hieß es, dass offenbar mindestens sechs der kolumbianischen Beteiligten „ehemalige Mitglieder der nationalen Streitkräfte“ seien. Er habe Polizei und Armee angewiesen, mit den haitianischen Behörden zusammenzuarbeiten, sagte Kolumbiens Verteidigungsminister Diego Molano. Die haitianische Zeitung Le Nouvelliste zitierte die Tatverdächtigen, die sich demnach teilweise schon mehrere Monate im Land befinden sollen.

          Ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums bestätigte, dass Haiti Unterstützung bei den Ermittlungen angefragt habe. „Die USA werden drauf eingehen“, sagte er. Das Ministerium äußerte sich jedoch nicht zu Festnahmen von US-Bürgern.

          Als Agenten der US-Drogenbehörde ausgegeben

          Die Festgenommenen waren bei der haitianischen Polizei mit angelegten Handfesseln auf dem Boden sitzend zu sehen. Manche von ihnen waren sichtbar verletzt. Auf einem Tisch lagen Gegenstände, die beschlagnahmt worden seien: mehrere automatische Waffen, Macheten, Vorschlaghammer, kolumbianische Reisepässe, Smartphones und etliche Dollarnoten. Mindestens zwei der Festgenommenen waren anscheinend von aufgebrachten Menschenmengen gefangengenommen worden, wie auf Videos in sozialen Medien zu sehen war. Zivilisten hatten laut Charles auch Fahrzeuge angezündet, die mutmaßlich bei dem Attentat zum Einsatz kamen.

          Der 53 Jahre alte Staatschef Moïse war in der Nacht zum Mittwoch in seiner Residenz erschossen worden. Seine Ehefrau Martine wurde schwer verletzt und zur Behandlung in die gut 1000 Kilometer entfernte US-Stadt Miami gebracht. Die Zeitung Le Nouvelliste berichtete, Moïses Leichnam habe zwölf Einschusslöcher, zum Teil von großkalibrigen Waffen. Haitis Botschafter in den USA, Bocchit Edmond, hatte die Attentäter vor den Festnahmen als gut ausgebildete und schwer bewaffnete ausländische Söldner bezeichnet. Sie hätten sich als Agenten der US-Drogenbehörde DEA ausgegeben.

          Die UN-Sonderbeauftragte für Haiti, Helen La Lime, sagte am Donnerstag in einer Online-Pressekonferenz, dass Haiti den UN-Sicherheitsrat um zusätzliche Sicherheitsunterstützung gebeten habe. Es war zunächst unklar, um was genau es sich dabei handeln soll. Auch habe Haitis UN-Botschafter internationale Unterstützung bei den Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat angefragt. La Lime betonte, dass die Vereinten Nationen zu Hilfe bereit seien. Auch die USA sind nach Angaben der Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, dazu bereit. Voraussetzung sei, dass es eine formelle Bitte gebe.

          Streit um politische Macht

          Das Attentat hinterlässt ein Machtvakuum. Da eine für Oktober 2019 vorgesehene Parlamentswahl unter anderem wegen heftiger Proteste gegen Moïse ausgefallen war, gibt es dort seit Januar 2020 kein handlungsfähiges Parlament mehr. Moïse regierte seither per Dekret.

          Erst am Montag hatte Moïse den Neurochirurgen Ariel Henry zum Interims-Premierminister ernannt. Den Titel hatte seit April Joseph inne, der allerdings mangels Parlament nie verfassungsmäßig in dem Amt des Regierungschefs bestätigt wurde. Weil Henry bisher nicht vereidigt wurde, erklärte sich Joseph zum amtierenden Interims-Premierminister. Er unterzeichnete einen Erlass, mit dem 15 Tage Belagerungszustand ausgerufen wurden. Damit können unter anderem die Befugnisse des Militärs erweitert und Rechte der Bürger beschnitten werden. In einem Interview von Le Nouvelliste sagte Henry, aus seiner Sicht sei Joseph nicht mehr Premierminister.

          Moïse, der seit 2017 regierte, war äußerst unbeliebt. Ihm wurden Korruption, Verbindungen zu brutalen Banden und autokratische Tendenzen vorgeworfen. Proteste legten Haiti in den vergangenen drei Jahren immer wieder lahm. Zuletzt trieben blutige Kämpfe zwischen Banden um die Kontrolle über Teile der Hauptstadt Tausende Menschen in die Flucht. Am 26. September sind Präsidenten- und Parlamentswahlen sowie ein Verfassungsreferendum geplant. Joseph hat erklärt, an dem Datum festhalten zu wollen.

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