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Attentat in Port-au-Prince : Wer hat Präsident Moïse ermordet?

Journalisten am Mittwoch vor einem Bildnis des ermordeten haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse in Port-au-Prince Bild: EPA

Bislang hat sich niemand zu der Ermordung des haitianischen Präsidenten Moïse bekannt. Fachleute schließen die allgegenwärtigen Banden aus. Derweil hat der Kampf um seine Nachfolge begonnen.

          3 Min.

          Je höher die Menschen auf dem Berg in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince leben, desto besser sind sie gestellt. Unten sind die Slums, in denen die arme Bevölkerung lebt. Knapp zwei Drittel der Haitianer verdient weniger als 1,90 Dollar am Tag. Weiter oben sind die vornehmeren Orte. Dort hat die haitianische Elite ihren Sitz. Der Mittwochnacht getötete Präsident Jovenelle Moïse lebte ebenso oben auf dem Hügel, im Vorort Pèlerin 5. Nur eine Straße führt zur Privatresidenz des Präsidenten. Sie ist durch einen Checkpoint gesichert, doch dessen Personal wurde vor dem Angriff offenbar abgezogen.

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Der Präsident trug zuletzt ein weißes Hemd und eine blaue Hose. Zwölf Kugeln hätten ihn getroffen, sagte ein mit dem Fall befasster Richter. Zwei der drei Kinder sowie die Frau des Präsidenten seien im Haus gewesen. Die Tochter versteckte sich im Zimmer ihres Bruders. Die Première Dame wurde verletzt ins Krankenhaus gebracht und wird nun in Florida behandelt. Auch Leibwächter des Präsidenten wurden verletzt. Ein Dienstmädchen und einen Angestellten in der Residenz fesselten die Angreifer. Wie die haitianische Zeitung Le Nouvelliste schreibt, hätten die Angreifer „DEA-Operation“ gerufen. DEA steht für Drug Enforcement Administration, die Strafverfolgungsbehörde der Vereinigten Staaten, die gegen Rauschgiftkriminalität vorgeht. Sie weist jegliche Verantwortung von sich.

          „Gangs sind eine Form des Überlebens“

          Reginald Boulos, politischer Kontrahent des getöteten Präsidenten, sagte, dass das Töten eines Staatschefs niemals die Agenda der Opposition gewesen wäre. „Ich glaube nicht, dass die Opposition heute die Möglichkeit hätte, eine solche gut organisierten Auftrag auszuführen“, sagte er der Zeitung Haitian Times. Viele andere haitianische Politiker äußerten sich nicht zu der Tat.

          Bislang hat sich noch niemand zu dem Attentat bekannt. Haiti-Beobachter wie Katja Maurer von der Hilfsorganisation Medico International sind sich sicher, dass der Angriff „hochprofessionell“ gewesen sei und lokale kriminelle Banden sehr wahrscheinlich nicht beteiligt waren. Zwar habe deren Bewaffnung deutlich zugenommen, sagt Maurer, die das Land regelmäßig bereist. Eine derart komplexe Operation könnten sie, die bis vor wenigen Jahren noch mit Macheten ihre Taten begangen hätten und noch heute auf Mopeds durch die Vierteln fahren, aber nicht ausführen.

          Die Banden stünden vielmehr für die Entwicklung des Landes. Unter seiner Präsidentschaft habe Moïse systematisch versucht, seine Macht zu festigen. Die Banden dienten dem Präsidenten demnach als para-polizeiliche Einheiten, die den Willen des Präsidenten auf der Straße umsetzten. „Gangs sind eine Form des Überlebens, sie sind ein Produkt der Entwicklung in Haiti“, sagt Maurer. Viele Haitianer hätten immer größere Sorgen gehabt, dass der getötete Präsident eine neue Diktatur errichte, sagt Maurer. „Präsident Moïse ist von Anbeginn eine höchst umstrittene Figur gewesen, weniger in der Elite als in der Bevölkerung.“

          Plädoyer für eine Neugründung Haitis

          Wie der Polizeichef Léon Charles am Mittwochabend mitteilte, seien vier Verdächtige getötet und zwei weitere festgenommen worden. Bei den Toten soll es sich um Weiße handeln. Auf wessen Geheiß die mutmaßlichen Söldner gehandelt hätten, wurde nicht bekannt. Der kommissarische Premierminister Claude Joseph hatte bereits kurz nach der Ermordung des Präsidenten verlautbart, dass die Angreifer auf Spanisch kommuniziert hätten. In manch einem haitianischen Nachrichtenportal wurden Verbindungen zu Venezuela und Kolumbien gezogen.

          Der kommissarische Ministerpräsident Claude Joseph sieht sich in der Verantwortung für das Land.
          Der kommissarische Ministerpräsident Claude Joseph sieht sich in der Verantwortung für das Land. : Bild: EPA

          Nach Angaben der Vereinten Nationen vom Donnerstag sind weitere Verdächtige von Einsatzkräften eingekreist worden. „Mir ist bekannt, dass eine größere Gruppe möglicher Täter in zwei Häuser in der Stadt geflüchtet ist und nun von der Polizei umstellt wurde“, sagte die Sonderbeauftragte Helen La Lime. Zudem gebe es Berichte, wonach sechs Verdächtige festgenommen worden seien. Zunächst war davon die Rede gewesen, dass vier mutmaßliche Täter getötet und zwei festgenommen wurden.

          Wer das Land nun politisch führt, ist offen. Der kommissarische Premierminister Claude Joseph sagte am Mittwoch, dass er die Aufgabe übernommen habe. Der von Moïse am Montag berufene Ariel Henry, der am Mittwoch sein Amt als Premierminister hätte antreten sollen, kritisierte das Vorgehen von Joseph. Der Ausnahmezustand für das ganze Land sei „voreilig“ gewesen. Für den Neurochirurgen Henry, der schon als Gesundheitsminister während der Cholera-Krise gedient hatte, ist Joseph nicht der legitime Regierungschef, sagte er in einem Interview am Mittwoch. Joseph ist auch kein unbeschriebenes Blatt. Er soll 2004 wesentlich an der Absetzung von Präsident Jean-Bertrand Aristide beteiligt gewesen sein.

          Katja Maurer sagt, dass Massaker und Tötungen zuletzt immer wieder das Land erschüttert hätten, doch erst die Ermordung des Präsidenten auch die internationale Gemeinschaft auf den Plan rufe. „Was man bräuchte, wäre eine Neugründung Haitis“, sagt Maurer. Dazu zählten junge haitianische Intellektuelle, die nicht zur Elite gehören und nicht in Korruptionsskandale verwickelt sind.

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