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Haiti nach dem Beben : Die Stadt, die einmal Port-au-Prince war

  • -Aktualisiert am

Wie viele Menschen in der Hauptstadt Port-au-Prince ums Leben kamen, ist noch lange nicht abzusehen Bild: dpa

Noch helfen sie sich gegenseitig, die Haitianer in Port au Prince, die das verheerende Beben überlebt haben. Aber die Solidarität inmitten des Elends ist brüchig, und die Wut inmitten der Trümmer wächst.

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          Patrick Figaro wusste, was zu tun ist: Er hat seine Arbeiter gerufen und sie geheißen, zu graben – mit bloßen Händen, mit ein paar Schaufeln und Eisenstangen. Der 45 Jahre alte Ingenieur und seine verzweigte Familie gehören zur schmalen Bürgerschicht Haitis. Patrick Figaro ist Mulatte, wie die meisten Angehörigen der kleinen Wirtschaftselite Haitis. Mulatten stellen knapp fünf Prozent der etwa zehn Millionen Einwohner des Landes. 95 Prozent sind Schwarze, die einst als Sklaven aus Westafrika auf die Karibik-Insel Hispaniola – im Westen der Insel liegt das heutige Haiti, im Osten die Dominikanische Republik – verschleppt worden waren.

          Zuständig wäre Patrick Figaro nicht gewesen, denn mit den Trümmern, die sich vor ihm aufhäufen, hat er recht besehen nichts zu tun. Sein Unternehmen errichtet auf dem Nachbargrundstück ein weiteres Gebäude des Clubs „Oasis“, zu dem ein Hotel, Restaurants und Bars gehören. Die mächtigen Betonsäulen des Rohbaus, aus dem dicker Armierstahl herausragt, seien bei dem Beben meterweise hin und her geschwankt, berichtet er; auch der schon mit Zwischendecken und einem Betondach weitgehend fertige Teil des Gebäudes sei in starke Schwingung geraten. Doch Risse im Beton hätten er und seine Leute bisher nirgendwo gefunden.

          Das benachbarte zweistöckige Haus aber, das von der amerikanisch-italienischen Hilfsorganisation „Nos Petits Frères et Sœurs“ („Unsere kleinen Brüder und Schwestern“) genutzt wurde, ist in sich zusammengesackt wie eine Faltschachtel. Das Haus war in den fünfziger Jahren gebaut worden, an erdbebensicheres Bauen hat damals kaum jemand gedacht – so wenig wie auch heute noch nicht bei den meisten zusammengezimmerten Neubauten in Port-au-Prince oder anderswo in Haiti.

          Weite Teile der Stadt sind völlig zerstört

          Sekundenschnell eingestürzte Gebäude

          „Nos Petits Frères et Sœurs“ nimmt sich der Ärmsten der Armen in Haiti an – von behinderten Kindern bis zu Aids-Waisen. Das beim Beben in Sekundenschnelle eingestürzte Gebäude an einer belebten Kreuzung im Stadtteil Pétionville wurde seit längerer Zeit nicht mehr als Heim für die Kinder genutzt; die sind in einem anderen, neueren Haus untergebracht, das bei dem Beben vom Dienstag nur wenig beschädigt wurde. Unter den Trümmern des eingestürzten Hauses aber waren vier Mitarbeiterinnen begraben, die zuletzt in dem Haus gewohnt hatten.

          Deshalb rief Patrick Figaro seine Bauarbeiter zusammen und ließ sie graben. Sie gruben drei Tage lang. Zwei Frauen konnten sie bis Freitag lebend bergen, für zwei kam jede Hilfe zu spät; aber ihre Leichname wurden geborgen. Am Samstag kletterte niemand mehr über den Haufen Schutt und Staub und Holz neben dem Betonrohbau des Clubs „Oasis“.

          Doch anderswo, auf ungezählten Ruinen der Stadt, die einmal Port-au-Prince war, wurde auch am Samstag weiter geklettert und gegraben. Oder es wurde aus den Ruinen herausgeholt, was brauchbar war, noch gegessen und getrunken werden konnte. Meist sind es die Jugendlichen und die jungen Männer, die sich in die zu Teilen eingestürzten oder bizarr schief stehenden Häuser wagen, mit Kisten von Erfrischungsgetränken oder auch Bier wieder hervorkommen und das Erbeutete an Ort und Stelle verzehren oder an jene verteilen, die gerade vorbeilaufen. Es ist gefährlich, sich in die Ruinen zu wagen, denn jeden Tag gibt es kleinere Nachbeben: Dann wackelt und rollt es unter den Füßen, als stünde man auf einer Hängebrücke, über die ein schwerer Lastwagen rumpelt.

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