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Debatte um Hagia Sophia : Erdogan, der „zweite Eroberer Istanbuls“?

Die Hagia Sophia in Istanbul Bild: Reuters

Die Hagia Sophia in Istanbul kann wieder eine Moschee werden. In der Türkei gibt es keinen Zweifel, dass Präsident Erdogan bald ein entsprechendes Dekret unterzeichnet. Seine Kritiker sehen die Debatte als nationalistische Selbstinszenierung – und als Ablenkungsmanöver.

          2 Min.

          Der Ball liegt nun beim türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan. Denn der Danistay, das höchste Verwaltungsgericht der Türkei, hat entschieden, dass die türkische Regierung den Kabinettsbeschluss vom November 1934, mit dem der Republikgründer Atatürk die Hagia Sophia in ein Museum umwandeln ließ, mit einem neuen Dekret rückgängig machen kann. Niemand zweifelt, dass dies in den kommenden Tagen geschehen wird. Schon am Freitagnachmittag, kurz nach Bekanntwerden des Gerichtsurteils, kündigte Erdogan die Öffnung der Hagia Sophia für muslimische Gebete an.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Justizminister Abdulhamit Gül hatte vor der Bekanntgabe der Entscheidung im Staatsfernsehen TRT gesagt, er sehe eine rechtliche Notwendigkeit, die Hagia Sophia wieder für das Gebet zu öffnen. Denn sie sei nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 in eine Stiftung umgewandelt worden. Als Stiftungszweck sei festgelegt worden, dass sie als Moschee ein Ort für das Gebet zu sein habe. Beendet würden damit „die Schande und das Unrecht“ jener Zeit, in der das nicht der Fall gewesen sei.

          Hohe Symbolkraft

          In der Türkei selbst gibt es kaum Widerstand gegen dieses Vorhaben. Auch die größte Oppositionspartei CHP, die sich als Erbin Atatürks sieht, kämpft nicht dagegen an. Erdogan spiele mit dem Thema Hagia Sophia zwar ein sehr gefährliches Spiel, sagt der stellvertretende CHP-Vorsitzende Ünal Ceviköz. Jedoch wolle die CHP nicht in die Falle tappen und in eine Konfrontation hineingezogen werden, die lediglich dem Zweck diene, die Polarisierung in der Türkei, in diesem Falle zwischen säkularen und islamischen Kreisen, zu verschärfen. Die Folgen dieser Entscheidung werde jedoch Erdogan allein zu tragen haben, denn es werde Reaktionen der Staatengemeinschaft geben.  

          Der türkische Präsident Erdogan mit seiner Frau Emine Ende März 2018 in der Hagia Sophia

          Der Abgeordnete Mustafa Yeneroglu, der im vergangenen Jahr aus der AKP ausgetreten ist und zu den Gründungsmitgliedern der neuen Partei Deva gehört, wertet die Debatte über den Status der Hagia Sophia als Ablenkung von der Wirtschaftskrise. Laut einer Umfrage von Metropoll sehe es jeder zweite Türke so. Diese Krise dürfte sich weiter verschärfen. Denn die Covid-19-Pandemie trifft die Tourismusindustrie, die zu den wichtigsten Branchen des Landes zählt, hart. Die Hotels an der türkischen Mittelmeerküste sind nicht wie sonst im Juli voll belegt, sondern zu einem großen Teil geschlossen.

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          Bei dem Thema Hagia Sophia habe Erdogan die Türken im Blick, die ihn mehr als religiös-nationalistischen denn als einen politischen Führer betrachteten, sagt Yeneroglu. Mit der Unterzeichnung eines Dekrets, die Hagia Sophia als Moschee zu nutzen, mache er zum einen deutlich, dass er derjenige sei, der entscheidet. Zum anderen könne er sich in der Tradition von Fatih Mehmet, des Eroberers von Konstantinopel im Jahr 1453, als der „zweite Eroberer Istanbuls“ inszenieren.

          Wie schnell ein Dekret Erdogans umgesetzt würde, ist nicht abzusehen. Der Danistay hatte im vergangenen November ermöglicht, das Museum der Istanbuler Chora-Kirche, die ins fünfte Jahrhundert zurückdatiert, in eine Moschee zurückzuversetzen. Geschehen ist bislang jedoch nichts, es liegen auch keine Durchführungsbestimmungen vor. Aufgrund der hohen Symbolkraft der Hagia Sophia könnte es nun jedoch schneller geschehen. Viele Türken rechnen damit, dass Erdogan um den Jahrestag des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016 in der Hagia Sophia ein Gebet verrichten könne. Für den Tourismus wird dann wichtig sein, welcher Teil dem islamischen Gebet vorbehalten sein wird und welcher Teil weiter für Touristen offen ist.

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