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Sarkastischer Kommentar : Indien inhaftiert Militärexperten für Tempel-Tweet

Abijit Iyer-Mitra an Bord des amerikanischen Flugzeugträgers USS Theodore Roosevelt Bild: Facebook

Wer böse Scherze macht, wird eingesperrt. Solche Folgen sind typisch für Diktaturen. Nun drohen einem Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz in Indien mehrere Jahre Haft. Menschenrechtler schlagen Alarm.

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          Im ostindischen Bundesstaat Odisha ist ein in deutschen Fachkreisen bekannter Militärexperte inhaftiert worden, nachdem er sich in einem Video über hinduistische Skulpturen lustig gemacht hatte. In dem offenkundig sarkastischen Beitrag, den der 42 Jahre alte Inder Abhijit Iyer-Mitra im September auf Twitter teilte, hatte er die Kunstwerke an der Außenfassade eines Tempels als erotisch bezeichnet, kurz darauf jedoch klargestellt, dass seine Äußerung ein „Witz“ gewesen und die Skulpturen „vorzüglich“ seien. Einige von ihnen werden tatsächlich in erotischen Szenen gezeigt.

          Zwei Einheimische beschwerten sich daraufhin bei der örtlichen Polizei, Iyer-Mitra habe die Gefühle der 40 Millionen Bewohner des Bundesstaates verletzt. Die Inhaftierung folgte Mitte Oktober, nachdem Iyer-Mitra sich bei den Behörden in Odishas Hauptstadt Bhubaneswar vorbehaltlos wegen seiner „Dummheit“ entschuldigt hatte.

          Inzwischen wird ihm von der Polizei nicht mehr nur vorgeworfen, eine „obszöne Handlung an einem öffentlichen Ort“ vollzogen und religiöse Gefühle verletzt zu haben. Die Anklage umfasst auch das Schüren von Feindschaft zwischen religiösen und ethnischen Gruppen. Geltend machten die Behörden dafür unter anderem ein Gesetz zum Schutz antiker Tempel. Das Informations- und Technologiegesetz wurde verschärft, wodurch Iyer-Mitra inzwischen auch für das Versenden von beleidigenden Botschaften beschuldigt werden kann. Angeführt wird zudem ein umstrittenes Gesetz, das noch aus der Kolonialzeit stammt und mit dessen Hilfe ihm Diffamierung vorgeworfen wird.

          Einen Antrag auf Kaution lehnte ein Gericht mit dem Hinweis ab, Iyer-Mitra könne Zeugen einschüchtern oder Beweise manipulieren. Zudem hieß es, das Gefängnis sei der sicherste Ort für ihn, wenn er um sein Leben fürchte. Ein auf 78 Tage angesetzter Streik der Anwälte in Odisha hat zudem dazu geführt, dass sich der Wissenschaftler des indischen Instituts für Friedens- und Konfliktforschung selbst vor Gericht verantworten muss. Ihm droht im Falle einer Verurteilung eine mehrjährige Haftstrafe.

          Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilte vergangenen Woche die Inhaftierung Iyver-Mitras und forderte seine Freilassung. Es sei „absurd“, dass die Regierung von Odisha jemanden dafür ins Gefängnis stecke, einen sarkastischen Kommentar zu veröffentlichen. Der indische Kolumnist Kanchan Gupta warnte auf Twitter davor, dass Indien in eine Zone zu gleiten drohe, in der die Freiheit in Gefahr sei.

          Auf seinen Social-Media-Profilen hatte sich Yver-Mitra in den vergangenen Jahren immer wieder sarkastisch, zynisch und widersprüchlich zu allen möglichen Themen geäußert. So deklarierte er sich zu einem Fan des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un und Unterstützer des amerikanischen Präsidenten Donald Trump – eine Kombination, die zum damaligen Zeitpunkt offenkundig widersprüchlich war. Hinzu kommen zahlreiche Videos, in denen Iyer-Mitra zum Beispiel Machos, Balletttänzerinnen oder Politiker verulkt. 

          In den vergangenen Jahren war Iyer-Mitra häufiger Gast auf den wichtigsten deutschen Veranstaltungen zur Außen- und Sicherheitspolitik wie der Münchner Sicherheitskonferenz und dem Berliner Forum Außenpolitik. Als Mitglied der „Munich Young Leaders“ war er zudem Gast auf Auslandsveranstaltungen dieses Nachwuchsnetzwerks der Körber-Stiftung und der Münchner Sicherheitskonferenz, zudem auch der Autor dieses Textes zählt. Zur Inhaftierung Iyer-Mitras äußerten sich beide Organisationen bislang nicht. Andere Netzwerkmitglieder wie die Inderin Ambika Vishwanath verurteilten ebenfalls die Inhaftierung. Sie sprach von einem „Polizeistaat“, der in Odisha betrieben werde.

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