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Hafenstreik in Piräus : Kein Schiff wird kommen

Gestrandete Passagiere am Hafen von Piräus Bild: dpa

Am größten Hafen Griechenlands geht nichts mehr: In Piräus blockieren Gewerkschafter den Zugang zu Fähren, um gegen die Sparpläne der Regierung zu protestieren. Dass ein Gericht die Aktion als illegal verurteilt hat, stört dort kaum jemanden.

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          Den Beginn ihres diesjährigen Sommerurlaubs werden die Reisenden, die am Mittwoch im Hafen von Piräus ihre Schiffe besteigen wollten, in bleibender Erinnerung behalten: Mehrere hundert Touristen saßen im größten griechischen Hafen fest, da etwa 200 dem kommunistischen Gewerkschaftsverband „Pame“ angehörenden Hafenarbeiter sie am Betreten ihrer Schiffe hinderten. Augenzeugen berichteten von Handgreiflichkeiten zwischen den Hafenarbeitern und Reisenden, die sich im Wortsinne als Blockadebrecher zu betätigen suchten, um auf ihre Schiffe zu gelangen. Erfolg hatten sie nicht, denn die Streikenden wurden dem Namen ihrer Gewerkschaft gerecht. „Pame“ ist das Kürzel für einen Namen, der sich ungefähr mit „Kämpfende Arbeiterfront“ übersetzen ließe.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Protest richtete sich, wie in diesen Wochen in Griechenland üblich, gegen den mit tiefen Einschnitten und Sparmaßnahmen verbundenen Kurs der Regierung Papandreou. Von einem Gericht war die Arbeitsniederlegung zuvor für illegal erklärt worden, doch das kümmerte die Initiatoren nicht. Pame ist zwar kleiner als die Gewerkschaft der griechischen Staatsbediensteten (Adedy) oder der Dachverband der griechischen Gewerkschaften der Privatwirtschaft, GSEE. Doch anders als Adedy und GSEE, die der Regierungspartei Pasok nahestehen und daher trotz aller Proteste bisher eine grundsätzliche Loyalität zu Papandreou bewahrt haben, ist die von Griechenlands kommunistischer Partei (KKE) dominierte Gewerkschaft Pame von Beginn an kompromisslos aufgetreten. Bei einer Ansprache im Frühjahr gab die KKE-Vorsitzende Aleka Papariga den Kurs vor: Die Regierung lüge, wenn sie den Arbeitern einrede, dass Opfer nötig seien, um Griechenland aus der Krise zu bringen. „Wir werden nicht das kleinste Opfer bringen. Wir müssen zum Gegenangriff übergehen.“

          Rosen als Entschuldigung

          Dass Pame Touristen daran hindert, ihre Schiffe zu besteigen, ist schon häufiger vorgekommen. Inzwischen schlägt der Gewerkschaft jedoch Widerstand entgegen: Beschäftigte der griechischen Tourismusbranche beschweren sich, Pame gefährde Arbeitsplätze in einer der wenigen gut entwickelten Branchen des Landes. Vor einigen Wochen kam es zu einem Zusammenstoß zwischen streikenden Hafenarbeitern und Angestellten der Tourismusindustrie. Fremdenführer, Hotelangestellte und Inhaber von Souvenirgeschäften überreichten gestrandeten Touristen, die nicht auf ihre Schiffe gelangen konnten, als Zeichen der Entschuldigung Rosen.

          Der griechische Hotellerieverband ermahnte die Streikenden, auf die Schwierigkeiten der Tourismusbranche Rücksicht zu nehmen. Ein Regierungssprecher kritisierte, Pame und KKE seien auf dem besten Wege, den Fremdenverkehr im Lande zu ruinieren. Zu dem bisher größten Zwischenfall war es im April gekommen, als fast 1000 Touristen in Athener Hotels übernachten mussten, weil sie nach einem Landausflug daran gehindert wurden, wieder auf ihre Kreuzfahrtschiffe zu gelangen. Die Proteste von Pame richteten sich damals wie heute gegen die von der Regierung geplante Lockerung der sogenannten Kabotage, die den Hafenarbeitern seit Jahren Privilegien und hohe Löhne sichert.

          Aus Furcht vor den Blockaden von Piräus erwägen laut griechischen Presseberichten mehrere Reedereien, Athen künftig nicht mehr anzulaufen. In einem Kommentar der Tageszeitung „Kathimerini“ hieß es zu den Protesten: „Bedauerlicherweise haben sich einige Leute eine Auszeit von der Wirklichkeit genommen und tun alles in ihrer Macht Stehende, um dieses Land tiefer in die Krise zu stürzen. In Anbetracht der derzeitigen wirtschaftlichen Lage kann die Blockade von Pame als kriminelle Handlung gesehen werden.“ Doch mit solchen Argumenten ist den Wortführern von Pame nicht beizukommen. Pame schwört seine Anhänger darauf ein, dass die gefährlichsten Gegner der Arbeiterschaft die sozialdemokratischen Arbeitnehmerverbände seien, denn GSEE und Adedy „unterstützen das Ausbeutungssystem und verteidigen es. Sie unterstützen aktiv die Strategien des Kapitals. Sie können die Arbeiterklasse nicht repräsentieren.“

          Nordkorea als Vorbild

          Doch Pame ist keinesfalls nur destruktiv. Man hat sogar ein großes Vorbild – die Volksrepublik Nordkorea, die es vor den Amerikanern zu beschützen gilt: „Mit hinterhältigen Mitteln versuchen die Vereinigten Staaten, reaktionäre Ideen in das Land zu schmuggeln, um die einmütige Einheit zu untergraben und die Demokratische Volksrepublik Nordkorea von innen zu schwächen ... In dieser harten Lage führen die Arbeiter einen energischen Kampf zur Verteidigung des Sozialismus.

          Mit großer Wachsamkeit gegen die bösartigen und brutalen Versuche der Vereinigten Staaten, den einmütigen Sozialismus zu zerstören, gibt das Volk der weiteren Stärkung der Macht seiner Führung den Vorrang und vereitelt so alle Komplotte der Vereinigten Staaten.“ Vielleicht werden die Reisenden, die am Mittwoch in Piräus festsaßen, sich diese Sätze zu Herzen nehmen und ihren nächsten Urlaub aus Solidarität in Pjöngjang verbringen. Mit Streiks müssen sie in der Hauptstadt Nordkoreas bestimmt nicht rechnen.

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