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Nach Auslieferung an USA : Häftlinge mit besonderem Wissen

Free Alex Saab: Venezuelas Regime wollte verhindern, dass der kolumbianische Geschäftsmann an die USA ausgeliefert wird. Bild: AP

Zwei für das Regime von Nicolás Maduro zentrale Figuren sind an die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden. Das wollte Caracas unbedingt verhindern.

          3 Min.

          Wer in Haft sitzt, dem bleibt oft nur noch eine Währung: Informationen. Sie können über die Härte der Strafe entscheiden. Seit Kurzem befinden sich zwei Personen in den Händen der amerikanischen Justiz, auf die das in besonderem Maße zutrifft. Vor wenigen Tagen hatten die spanischen Behörden den früheren venezolanischen Geheimdienstchef Hugo Carvajal an die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Wenige Tage zuvor hatten die Kapverden dasselbe mit dem kolumbianischen Geschäftsmann Alex Saab getan, einem der wichtigsten Strohmänner der venezolanischen Führungsriege um Präsident Nicolás Maduro.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Beide sind im Besitz von Informationen, an denen Washington großes Interesse hat. Carvajal galt bereits unter dem früheren Präsidenten Hugo Chávez als eine zentrale Figur. Als Chef der Gegenspionage bestand seine Aufgabe unter anderem darin, mögliche Verräter im innersten Machtzirkel und insbesondere in der Armee auszumachen.

          Später fiel Carvajal selbst in Ungnade. Als er sich öffentlich von Machthaber Maduro abwandte, musste er das Land verlassen und tauchte in Spanien unter. Er zeigte sich immer verhandlungsbereit, um in den Vereinigten Staaten eine Anklage wegen Drogenhandels und angeblicher Zusammenarbeit mit der kolumbianischen FARC-Guerilla zu verhindern. Nun, da seine Ängste durch die Auslieferung noch konkreter sind, dürfte er mit weiteren Informationen herausrücken.

          Hat Venezuela Podemos und Fünf Sterne finanziert?

          Einen Vorgeschmack darauf gab Carvajal bereits. In einem Dokument, das er der Justiz übergab, beschreibt der einstige Geheimdienstchef, wie die lange Zeit finanziell solvente venezolanische Regierung heimlich politische Verbündete in Lateinamerika und später auch in Europa finanziert haben soll, zum Beispiel die spanische Partei Podemos oder die italienische Fünf-Sterne-Bewegung. Die „Geldboten“ des Außenministeriums, das damals noch von Maduro geleitet wurde, sollen Millionen Dollar Bargeld in Koffern in die jeweiligen Länder transportiert haben.

          Wissen war nie wertvoller

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          Solche Geschichten erwecken Aufsehen, ob sie wahr sind oder nicht. Was Washington jedoch viel mehr interessiert, sind andere Details aus Carvajals Wissensschatz. Der frühere Geheimdienstchef hatte seine Augen überall, besonders auch in der Armee. Er kennt die Offiziere, die innerhalb des Machtapparats aufgestiegen sind, heute die Spitzenpositionen in der Armee besetzen und Maduro an der Macht halten. Und er kennt auch deren dunkelste Geheimnisse, ihre Verstöße und privaten Geschäfte, die in einigen Fällen bis hin zur Beteiligung am Drogenhandel reichen sollen. Will Washington seine Sanktionen gegen Venezuela stärker auf Personen ausrichten, sind entsprechende Informationen von großem Wert.

          Auch der kolumbianische Geschäftsmann Alex Saab treibt schon seit der Ära Chávez Geschäfte mit der venezolanischen Regierung. Er wickelte in dieser Zeit mehrere milliardenschwere Staatsaufträge ab, unter anderem den Import von Lebensmitteln für das größte staatliche Sozialprogramm. Saab hat in dieser Zeit nicht nur gelernt, wie man Sanktionen umgeht, sondern auch, wie man im Graubereich Geld abzweigt, versteckt und wäscht. Er kennt die Namen, die Geschäfte, die Wege und die Bankkonten, die es der venezolanischen Führungsriege trotz Sanktionen ermöglichen, sich über Wasser zu halten.

          Pass auf, wir haben deine Frau

          Die amerikanischen Behörden vermuten, dass er auch weiß, wo Maduro und der innerste Machtzirkel in Caracas ihr Geld verstecken. Zypern, China oder Hongkong sind einige der Vermutungen. Saab ist zudem eine zentrale Figur in den Beziehungen Venezuelas mit Iran und der Türkei und dürfte auch bestens über russische und chinesische Aktivitäten in Venezuela im Bilde sein.

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          Die Reaktion der venezolanischen Regierung auf die Auslieferung von Saab an die Vereinigten Staaten verrät viel über dessen Bedeutung. Postwendend hat Caracas die laufenden Gespräche mit der venezolanischen Opposition unterbrochen, in denen ein Weg aus der politischen Krise gefunden werden soll. Zudem wurden mehrere amerikanische Manager von Citgo, einer amerikanischen Tochterfirma des staatlichen Erdölkonzerns PDVSA, vom Hausarrest wieder zurück ins Gefängnis gebracht, um Washington unter Druck zu setzen.

          Zuvor hatte Caracas alles versucht, um eine Auslieferung zu verhindern. Saab wurde der Diplomatenstatus übertragen. Während er bereits auf den Kapverden inhaftiert war, beförderte die Regierung ihn zum Sondergesandten für Russland und Iran und listete ihn unter den Repräsentanten der Gespräche mit der Opposition auf.

          Ob Saab nach seiner Auslieferung so bald und viel aussagt, wie Washington sich das wünscht, ist fraglich. Er hat nicht nur viel zu gewinnen, wenn er mit den Amerikanern kooperiert, sondern auch einiges zu verlieren. Nach Saabs Auslieferung verlas seine Frau im venezolanischen Staatsfernsehen einen angeblichen Brief ihres Mannes. Ob das Schreiben tatsächlich von Saab stammte, bezweifeln viele. Ebenso gut könnte der Auftritt von Saabs Frau eine Nachricht des Regimes an ihn selbst gewesen sein: Pass auf, was du sagst, wir haben deine Frau. Die Venezolaner wissen, wie Maduro die Opposition unterdrückt. Noch härter geht er allerdings mit denen um, die ihn verraten.

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