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Afghanistan : Die Schande der Rückkehr

Zurück in Kabul: Ahmed Saki wurde von Deutschland nach Rumänien abgeschoben; von dort kehrte er freiwillig nach Afghanistan zurück. Bild: dpa

Tausende Afghanen sind nach ihrer Flucht nach Europa wieder in die Heimat zurückgekehrt. Dort gelten viele von ihnen nun als Versager.

          7 Min.

          Als Toran Ahmad Haidari nach Afghanistan zurückkam, erwarteten ihn keine offenen Arme. Kein Seufzer der Erleichterung, dass er die Strapazen und die gefährliche Ägäis-Überfahrt auf dem Weg nach Deutschland heil überstanden hatte. „Ich war sehr wütend, als ich hörte, dass er zurückkommt“, sagt Marzia Haidari, Torans Mutter, eine Lehrerin, die nebenher noch schneidert. „Er hätte mehr Geduld haben müssen, dann hätte er uns unterstützen können.“ Sie sitzt im Besucherzimmer ihres Hauses in Kabul zusammen mit ihren beiden Söhnen und ihrer Tochter. Torans Bruder Sulaiman sagt: „Ich hab ihm am Telefon gesagt: Komm nicht zurück.“ Sulaiman hatte sein Taxi verkauft, damit Toran die 6500 Dollar für den Schlepper aufbringen konnte. Nun sind sie beide arbeitslos.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Dabei hatte der 24 Jahre alte Toran Haidari sogar eine feste Stelle bei der Behörde für Korruptionsbekämpfung, als er im Frühjahr vergangenen Jahres aufbrach. Es war die Zeit, als so viele sich aus Afghanistan auf den Weg nach Europa machten. Und die Familie Haidari, zu der auch ein in Deutschland lebender Onkel gehört, beschloss, einen Sohn zu schicken, der die Familie nachholen sollte. Toran oder Sulaiman. Weil Letzterer kurz vor dem Abschluss seines Soziologiestudiums stand, fiel die Wahl auf Toran. Das trägt nun zusätzlich dazu bei, dass der zurückgekehrte Deutschlandreisende sich als Versager fühlt.

          Umgeben von Leuten ohne Perspektive

          „Hinter Migrationsprojekten stehen oft ganze Familien, die das Projekt finanzieren. Mit leeren Händen zurückzukehren kann ein Stigma sein“, sagt Laurence Hart, Sondergesandter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Kabul. Deshalb sei eine Wiedereingliederungsbeihilfe ein wichtiger Anreiz zur freiwilligen Rückkehr nach Afghanistan. Deutschland zahlt dafür einmalig 700 Euro für jeden zurückgekehrten Flüchtling in Afghanistan und liegt damit am unteren Ende der EU-Skala, die von Norwegen angeführt wird. Oslo zahlt 1600 Euro in bar sowie 4000 Euro für die Gründung eines Unternehmens oder eine Ausbildung. Ein europäischer Diplomat nennt das „lächerlich viel“.

          Sechs Monate war Haidari in Berlin. Er lebte in einer Massenunterkunft, war umgeben von Leuten ohne Perspektive. Das Lageso, das Essen und der Lärm zermürbten ihn. Die Dokumente seines Scheiterns hat er fein säuberlich in einem Ordner aufbewahrt. Seinen Rückkehrantrag vom 11. Januar 2016. Die Bahnfahrkarte zum Flughafen. Irgendwann war ein Beamter in die Unterkunft gekommen, um die Bewohner über die Möglichkeiten einer freiwilligen Rückkehr zu informieren – und ihnen eine düstere Zukunft in Deutschland vorherzusagen. „Sie sagten uns, wir würden vier oder fünf Jahre ohne klare Perspektive bleiben. Sie sagten, sie würden mir helfen, in Kabul einen Job zu finden.“

          Haidari fühlt sich betrogen. „Sie haben uns reingelegt.“ Es gebe keine Hilfe bei der Arbeitssuche. Und seine Mutter, die wegen einer Erkrankung des Vaters, eines Beamten, derzeit als Einzige in der Familie Geld verdient, sagt: „Wir erwarten, dass er seinem Bruder das Geld ersetzt, was er ihm genommen hat.“ Die Schuldgefühle sind so groß, dass Toran Haidari auf eine unfassbare Idee gekommen ist: Er will sich noch einmal auf den Weg nach Europa machen, obwohl die Kosten wegen der geschlossenen Balkanroute stark gestiegen sind. „Meine Familie könnte ihr Haus verkaufen“, sagt er allen Ernstes. Sein Bruder ist anderer Meinung: „Diesmal gehe ich, ich werde es schaffen.“

          Die Zahl der Rückkehrer drastisch erhöhen

          In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden nach Angaben des Bundesinnenministeriums Finanzhilfen für 2305 freiwillige Rückkehrer bewilligt. Aus allen EU-Staaten zusammen kehrten im gleichen Zeitraum nach IOM-Angaben 4000 Afghanen freiwillig zurück – ein deutlicher Anstieg nach 1400 im gesamten Jahr 2015. Abgeschoben wurden nach Informationen des Flüchtlingsministeriums in Kabul bis Ende Juni nur eine Person aus Deutschland und 141 aus allen EU-Staaten.

          Die Europäische Union plant jedoch, die Zahl der Rückkehrer, auch der unfreiwilligen, in nächster Zeit noch drastischer zu erhöhen. Von 80.000 bis 100.000 Personen ist in Kabul die Rede, ohne dass ein Zeitrahmen dafür genannt wird. Flüchtlingsminister Hossain Alemi Balkhi lehnt Abschiebungen weiter ab. Flugzeugen mit unfreiwilligen Rückkehrern wurde in der Vergangenheit die Landeerlaubnis verweigert. Wegen seiner strikten Haltung ist der Minister in der afghanischen Bevölkerung überaus beliebt.

          Der Druck der EU auf die Regierung wächst jedoch, da Anfang Oktober eine wichtige Geberkonferenz für Afghanistan in Brüssel ansteht. Die Regierung von Präsident Ashraf Ghani will das Thema Abschiebungen noch vor der Konferenz aus der Welt schaffen, um den Eindruck zu vermeiden, das Schicksal der Flüchtlinge und Migranten werde als Verhandlungsmasse gegen Hilfsgelder eingesetzt. Mit ähnlichen Vorwürfen sieht sich die EU konfrontiert, seit im März ein internes Papier publik wurde, in dem empfohlen wird, die Brüsseler Konferenz als Hebel zu nutzen, um Fortschritte in der Flüchtlingsfrage zu erzielen.

          Flüchtlinge als politisches Druckmittel

          Die EU sucht deshalb nach einer gesichtswahrenden Lösung für beide Seiten. „Wir arbeiten an einer positiven Narrative“, sagt der Sonderbeauftragte der Europäischen Union in Afghanistan, Franz-Michael Skjold Mellbin. Darin sollen Rückkehrer aus Europa mit jenen aus den Nachbarländern Iran und Pakistan zusammengefasst werden. Das Argument des Flüchtlingsministers Balkhi, der afghanische Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme könnten eine hohe Zahl von EU-Rückkehrern nicht verkraften, erscheint so in einem anderen Licht: Im vergangenen Jahr verzeichnete die IOM 650.000 Rückkehrer aus Iran und Pakistan – die 1400 aus der EU wirken dagegen äußerst gering.

          Der IOM-Gesandte Hart teilt dennoch die Befürchtungen der Afghanen: „Wenn man 80.000 Afghanen innerhalb eines Jahres zurückführt, schafft man hier ein größeres Problem. Das Land hat nur eine gewisse Absorptionsfähigkeit. Man kann nicht 80.000 Jobs über Nacht schaffen.“

          Iran und Pakistan missbrauchen die Flüchtlinge zudem als politisches Druckmittel. Die eisigen Beziehungen zwischen Kabul und Islamabad lassen sich am Grenzübergang Torkham in Zahlen messen. In den ersten zwei Wochen des Julis kamen dort im Durchschnitt laut IOM 4,8 Familien pro Tag an. Derzeit aber liegt die Zahl bei 168 Familien pro Tag. Wie Pakistan verweist auch Iran darauf, dass es seit dem Beginn der sowjetischen Besatzung im Jahr 1979 Millionen Afghanen Schutz gewährt hat. Die Großzügigkeit könne nicht ewig walten, heißt es in Teheran und Islamabad.

          „Das ist eine andere Art zu sagen: ,Gebt uns mehr Geld‘“, sagt Laurence Hart vom IOM. „Sie sagen, wenn die Türkei so viel Geld bekommt, warum sollten wir nichts vom Kuchen abbekommen? Europa hat mehrdeutige Botschaften ausgesandt.“ Allerdings plädiert auch Hart dafür, die beiden Länder mit einzubeziehen. „Wenn Iran, Pakistan, Afghanistan, UNHCR und IOM nicht an einen Tisch gebracht werden, betrachten wir das Phänomen als Ausnahmesituation, wie es im Moment die dominante Haltung in Europa ist, und wir erkennen nicht, dass es sich um ein strukturelles Phänomen handelt.“

          Zwei Milliarden Dollar für die Reintegration

          In der EU wird nun erwogen, mit Iran im Bereich der Sicherheit zusammenzuarbeiten; etwa bei der elektronischen Registrierung der Flüchtlinge. Denn in Teheran gibt es Befürchtungen, dass Terroristen als Flüchtlinge getarnt eingeschleust werden könnten. Zudem soll die IOM mit EU-Geldern arbeitsbeschaffende Maßnahmen in jenen Städten durchführen, in die die meisten Rückkehrer ziehen: Herat nahe der Grenze zu Iran und Jalalabad nahe der Grenze zu Pakistan. Für Irritationen sorgte eine Kalkulation des Flüchtlingsministers, zwei Milliarden Dollar seien nötig für die Reintegration von Rückkehrern. Sein Ministerium träumt von Wohnungsbauprojekten und Ausbildungsprogrammen.

          Doch in der EU, und insbesondere in der Bundesregierung, blickt man skeptisch auf Programme, die explizit den Rückkehrern zugutekommen. „Das würde falsche Anreize schaffen“, sagt EU-Botschafter Mellbin. Stattdessen gebe es Überlegungen, in das Programm „Jobs for Peace“ zu investieren, das der afghanische Präsident ins Leben gerufen hat. Es richtet sich aber vornehmlich an Tagelöhner und gering Qualifizierte. Das könnte Rückkehrern aus Iran und Pakistan helfen; nicht aber Leuten wie Toran Haidari, der Psychologie studiert hat.

          Und auch nicht Leuten wie Ahmad Zaki. Er hatte Afghanistan schon mit acht Jahren verlassen und war in den neunziger Jahren mit seiner Familie nach Iran geflohen – wie so viele Afghanen, die jetzt in Deutschland sind. Weil er in Iran nicht studieren durfte, machte er sich vor zwei Jahren auf den Weg nach Europa. Vor deutschen Verwaltungsgerichten wird es als besondere Härte berücksichtigt, wenn afghanische Asylbewerber ihr Heimatland kaum noch kennen und dort keine Unterstützungsnetzwerke haben.

          Doch Zaki hatte Pech. Er lebte ein paar Monate in Gießen, ein paar Monate in Gustavsburg und wurde dann nach Rumänien abgeschoben, weil er dort zuerst registriert worden war. Einen Monat verbrachte er in einem Deportationszentrum am Bukarester Flughafen. Dann ging es nach Kabul, wo Zaki seit mehr als 17 Jahren nicht gewesen war. Er lebt bei einem Onkel, sucht noch immer Arbeit. Anders als Rückkehrer aus den meisten anderen EU-Staaten erhielt er keine finanzielle Unterstützung. Jedes EU-Land hat seine eigenen Regeln.

          Eine Rückkehr nach Iran ist legal nicht möglich

          Vielleicht wäre Zakis Geschichte anders verlaufen, wenn er auf die Missionare in der Türkei gehört hätte, so wie die Iraner, mit denen er reiste. „Achtzig Prozent von ihnen erklärten sich zu Christen, sobald sie türkischen Boden betraten“, sagt der junge Mann im Restaurant „Herat“ in der Kabuler Innenstadt. Ihn selbst hätten in der Türkei zwei amerikanische, ein britischer und ein afghanischer Missionar angesprochen. „Mein Zimmernachbar sagte, wenn sie kommen, schlagen wir sie zusammen, das sei unsere Pflicht als Muslime, aber ich sagte, es ist unsere Pflicht, sie vom Islam zu überzeugen.“

          Eine Rückkehr nach Iran, wo seine Eltern leben, ist für den 25 Jahre alten Zaki zumindest legal nicht möglich, weil sein Aufenthaltsstatus mit seiner Ausreise erloschen ist. Er hat viel verloren; und besonders verbittert erzählt er über seine Abschiebung aus Deutschland. Die Polizei kam morgens um 5 Uhr, er hat sich von niemandem verabschieden können. „Ich versuche nicht an Deutschland zu denken.“ Trotzdem kann er seinem Schicksal sogar etwas Gutes abgewinnen: „Immerhin habe ich Erfahrungen gesammelt. Ich war vorher ein Mamasöhnchen, jetzt bin ich ein anderer Mensch.“

          Weder Zaki noch Haidari erwähnen die schlechte Sicherheitslage, die häufigen Bombenanschläge in Kabul. Ganz anders dagegen Salim Yaseinzada, der von regelmäßigen Drohanrufen der Taliban berichtet. Sie hielten ihn für einen Spion, weil er mehrere Jahre für deutsche Organisationen gearbeitet habe. Er müsse ständig seine Telefonnummer wechseln, sagt er in fehlerfreiem Deutsch und mit bayrisch-rollendem „r“. Seit 2012 lebte Yaseinzada, heute 34, mit einer Duldung in Laufen im Berchtesgadener Land. Er war gut integriert, arbeitete bei der Post, schickte jeden Monat 500 bis 700 Euro nach Hause. Er hatte engen Kontakt zum Gemeindepfarrer und wohnte bei einer älteren Dame, die er „Mutter“ und die seine Kinder „Oma“ nennen.

          Das Problem sei allein die Sicherheit

          Das Landratsamt habe ihm gedroht, dass die Duldung nicht verlängert und er abgeschoben werde. Da sei er „freiwillig“ gegangen, habe sogar selbst das Ticket bezahlt, berichtet Yaseinzada im Haus seines Vaters, der ein paar Sätze Deutsch spricht, weil er 30 Jahre lang Autos aus Deutschland überführt hat. Seine beiden Töchter hat er auf dem Schoß, die beiden Söhne sitzen vor dem Fernseher, seine Frau hat sich fein gemacht.

          Auch Yaseinzada nimmt das Wort „Versager“ in den Mund. „Meine Frau sagt, ich hätte mir in Deutschland ein paar schöne Jahre gemacht, hätte mich mit Frauen vergnügt, während sie in Kabul mit vier Kindern allein zurechtkommen musste.“ Für Arztbesuche und das tägliche Einkaufen war sie auf ihren Schwiegervater angewiesen, weil es sich in Afghanistan nicht schickt, als Frau allein in die Öffentlichkeit zu gehen. Sie harrte aus in der Hoffnung, ihr Mann werde die Familie nachholen. Die Entfremdung der Eheleute lässt sich an Sätzen wie diesem ablesen: „Wenn die Leute in Deutschland so toll sind, wie er sagt, warum haben sie ihn dann zurückgeschickt?“

          Um Arbeit macht sich Yaseinzada keine Sorgen. Die sei zu finden, und auch vorher habe er gut verdient. Das Problem sei allein die Sicherheit. Deshalb hat er inzwischen seine Wohnung verkauft. Mit dem Geld, 29.000 Dollar, will er mit seiner Familie nach Tadschikistan übersiedeln – in der Hoffnung, irgendwann als Einwanderer in Kanada aufgenommen zu werden.

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