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Gyurcsany : "Wir haben gelogen"

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Hat allen Grund zum Nachdenken: Ungarns Ministerpräsident Gyurcsány
          2 Min.

          Eine Rede, die der ungarische Ministerpräsident Gyurcsány am 26. Mai vor den Führungszirkeln seiner Sozialistischen Partei gehalten hat und deren Mitschnitt anonym an den Ungarischen Rundfunk (MR) gelangte, der sie ausstrahlte, gab die Initialzündung für den gewalttätigsten Massenprotest seit der Wende 1989/90.

          Wir bringen im folgenden einige zentrale Aussagen der Rede, basierend auf dem Typoskript der im MR ausgestrahlten Tonbandaufnahme:

          „Was wir im vergangenen Monat machen konnten, haben wir getan. Was wir in den Monaten davor heimlich machen konnten - so, daß nicht in den letzten Wochen des Wahlkampfs Papiere darüber an die Öffentlichkeit kamen, was wir planen - haben wir getan. Wir haben das Geheimnis gewahrt, während wir unterdessen wußten und Ihr wußtet, daß wir uns, falls der Wahlsieg kommt, nachher sehr zusammennehmen und zu arbeiten anfangen müssen - daß wir noch nie solche Probleme hatten. (. . .)

          „Eine Blödheit“

          Wir treiben uns gegenseitig in den Wahnsinn in manchen Punkten, auf daß wir die notwendige Menge Geld zusammenkratzen können. (. . .) Wir haben fast keine Wahl. Wir haben keine, weil wir's verschissen haben. Nicht ein bißchen, sondern sehr. In Europa hat man so eine Blödheit noch in keinem anderen Land gemacht, wie wir sie begangen haben. Das kann man erklären. Wir haben offenkundig die letzten eineinhalb, zwei Jahre durchgelogen. Es war ganz klar, daß nicht wahr ist, was wir sagen. Daß wir dermaßen jenseits der Möglichkeiten des Landes sind, wie wir es uns nie vorher von der gemeinsamen Regierung der Ungarischen Sozialistischen Partei und den Liberalen vorstellen konnten.

          Und was haben wir sonst während der vier Jahre gemacht? Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein können, außer jener, daß wir zum Schluß die Regierungsarbeit aus der Scheiße gefahren haben. Nichts. Wenn wir vor dem Land Rechenschaft ablegen müssen, was wir in den vier Jahren gemacht haben, was sagen wir dann? (. . .) Kinder, wir sind nicht perfekt. Überhaupt nicht. Wir werden's auch nicht sein. Ich kann Euch nicht sagen, daß alles in Ordnung sein wird. Ich kann Euch nur sagen, was ich im vergangenen Jahr gesagt habe: Daß wir tun werden, was wir ehrenhaft machen können, was wir fähig sind zu tun. Denn wir spielen keine Extra-Matches, weil wir unsere Energien nicht darauf verwenden, herumzuscheißen. (. . .)

          „Ich habe keine Wahl“

          Es ist keine Reform, daß die andern sich ändern sollen. Es ist keine Reform, daß wir uns so herausstellen und dem Volk das Mantra vorsagen. Die Reform ist, daß wir bereit sind, auf vielen Feldern anders zu bewerten, was wir bisher gedacht und getan haben. Im Vergleich dazu ist die Aufgabe der ersten Monate, die Aufgabe der Korrekturen, nur ein simpler Zwang, das muß ich gestehen. Ihr irrt Euch, wenn Ihr denkt, daß Ihr die Wahl habt. Ihr habt sie nicht. Ich habe sie nicht. Heute besteht höchstens die Wahl, ob wir versuchen zu beeinflussen, was passiert, oder ob uns die ganzen Probleme auf den Kopf fallen. (. . .)

          Man muß nicht deswegen Politiker sein, weil man davon super leben kann - wir haben schon vergessen, wie es ist, Autopolierer zu sein -, sondern weil wir diese Probleme lösen wollen. (. . .) Die ersten paar Jahre werden furchtbar sein, sicher. Es ist völlig uninteressant, daß nur 20 Prozent der Bevölkerung für uns stimmen werden. Was wäre, wenn wir unsere Popularität nicht deswegen verlieren, weil wir Arschlöcher sind, sondern weil wir große gesellschaftliche Aufgaben vollbringen wollen? Es ist kein Problem, wenn wir dann für einige Zeit unsere Popularität in der Gesellschaft verlieren. Wir werden sie dann eben wieder zurückgewinnen. Weil sie es einmal verstehen werden.“

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