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Guantánamo : Sie nennen ihn den Kindersoldaten

Camp Justice: Wie gerecht sind die Guantánamo-Prozesse? Bild: AP

Omar Khadr war 15 Jahre alt, als er 2002 in Afghanistan gefangen wurde. Im Lager Guantánamo ist er der Jüngste. Er zählt nicht zu denen, die hier „Platinum- Gefangene“ heißen, weil sie für „9/11“ verantwortlich sein sollen. Sein Verteidiger in Uniform wirkt bemüht.

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          Immerhin, in den Hochsicherheitsgerichtssaal muss Omar Khadr nicht. Die Anhörungen vor der Eröffnung des Hauptverfahrens, dessen Beginn Richter Pat Parrish zunächst auf den 8. Oktober festgelegt hat, findet in Gerichtssaal eins statt. Das ist der ältere der beiden Räume auf dem amerikanischen Marine-Stützpunkt Guantánamo Bay im Südosten Kubas. Er wurde vor gut drei Jahren in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude eingerichtet, von dem sich ein eindrucksvoller Blick auf das Mündungsdelta des Flusses Guantánamo und auf den Hafen des Stützpunktes öffnet. Dort werden Container mit Versorgungsgütern für den Stützpunkt gelöscht und Schiffe der amerikanischen Küstenwache aufgetankt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Den Stützpunkt unterhält die amerikanische Kriegsmarine hier seit 1898, und 1902 vereinbarten Washington und Havanna einen Pachtvertrag über die Nutzung des 116 Quadratkilometer großen Geländes. Der Vertrag, zunächst auf hundert Jahre geschlossen, kann nur im Einvernehmen beider Parteien aufgelöst werden. Deshalb hat er nach Überzeugung Washingtons weiter Gültigkeit, während Havanna die Ansicht vertritt, die Übereinkunft sei nichtig, da sie unter der Androhung von Gewalt zustande gekommen sei.

          Entlassene Häftlinge dürfen nicht zurück in ihre Heimat

          Das ist beileibe nicht der einzige Zwist zwischen den Vereinigten Staaten und dem kommunistischen Kuba. Doch nicht als Relikt des Kalten Krieges auf einer Karibikinsel ist Guantánamo Bay heute bekannt oder berüchtigt, sondern als Ort des amerikanischen Gefangenenlagers. In dem werden seit Anfang 2002 jene „unrechtmäßigen feindlichen Kämpfer“ festgehalten, die von den amerikanischen Streitkräften und Geheimdiensten auf dem globalen Schlachtfeld des Krieges gegen den Terrorismus aufgegriffen wurden. Insgesamt wurden 775 Männer nach Guantánamo gebracht, etwa 420 wurden nach unterschiedlich langer Haftzeit entlassen und in der Regel in ihre Heimatstaaten zurückgeflogen.

          Vier Gefangene erhängten sich. Zwei wurden von den amerikanischen Militärgerichten hier verurteilt: im März 2007 der inzwischen freigelassene und repatriierte Australier David Hicks sowie im Juni 2008 der Jemenit Salim Hamdan, der aber selbst nach Verbüßung seiner Reststrafe Anfang kommenden Jahres nicht freigelassen, sondern nach dem Willen der amerikanischen Regierung weiter als potentiell gefährlicher Kämpfer in Guantánamo bleiben soll.

          Heute werden in den verschiedenen, als „Camp“ bezeichneten Gefängnissen des Lagers nach Angaben des Pentagons noch etwa 265 Gefangene festgehalten. Von ihnen sollen sich insgesamt 60 bis 80 vor den eigens für die Prozesse gegen mutmaßliche Terroristen geschaffenen amerikanischen Militärkommissionen verantworten. Die übrigen Gefangenen, die nicht mehr als gefährlich eingestuft und eigentlich freigelassen werden könnten, sitzen dennoch weiter fest: Ihre Heimatländer wollen sie entweder nicht aufnehmen, oder sie können nach Angaben Washingtons dorthin nicht abgeschoben werden, weil sie dort gefoltert oder sonstwie menschenrechtswidrig behandelt würden.

          Neuer Gerichtssaal für „Platinumgefangene“

          Seit September 2006 befinden sich auch die im Lagerjargon als „Platinumgefangenen“ bezeichneten mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 um Khalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshib in Guantánamo Bay. Sie werden in einem als „Camp 7“ bezeichneten Hochsicherheitstrakt festgehalten, zu welchem Journalisten bei den Besichtigungstouren des Lagers bisher keinen Zutritt haben. Bis zu ihrer Überstellung waren die sechs Hauptverdächtigen für die „9/11“-Anschläge in Geheimgefängnissen des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes festgehalten worden. Für Angeklagte wie sie wurde voriges Jahr auf dem alten Flugfeld des Marinestützpunkts ein von doppeltem Stacheldrahtverhau umgebenes weiteres Gebäude errichtet: Gerichtssaal zwei.

          Dass Omar Khadr nicht zu den „Schwergewichten“ unter den 21 bisher angeklagten Gefangenen gehört, zeigt schon der Umstand, dass sein Verfahren nicht dort stattfindet. In Saal eins gibt es keine schalldichte Panzerglasscheibe zwischen Prozessbeobachtern, Angeklagten und Richtern. Khadr ist 21 Jahre alt, der jüngste Gefangene in Guantánamo. Er wird von drei Wachen des Heeres und der Küstenwache eher in den Gerichtssaal geleitet als geführt. Er trägt weder Handschellen noch Fußfesseln. Die Haare sind kurz geschoren, er hat sich einen mächtigen schwarzen Vollbart wachsen lassen. Khadr trägt die weiße Kleidung der kooperationswilligen Gefangenen, nicht die orangefarbene der widerspenstigen oder besonders gefährlichen.

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