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Guantánamo : Der Koran im Klo

  • Aktualisiert am

„Newsweek“ hatte berichtet, in Guantánamo sei eine Koranausgabe ins Klo gespült worden. Daraufhin starben bei antiamerikanischen Unruhen in Afghanistan 14 Menschen. Nun ruderte das Magazin zurück: der Bericht sei möglicherweise falsch.

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          Es war nur eine kleine Meldung in einem amerikanischen Nachrichtenmagazin, die einen Flächenbrand in der islamischen Welt ausgelöst hat.

          Nachdem „Newsweek“ vor einer Woche berichtet hatte, Verhörspezialisten im Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba hätten den Koran in die Toilette geworfen, brachen wütende Proteste in mehreren Ländern aus; in Afghanistan starben dabei mehr als 14 Menschen.

          Angesichts der Welle der Gewalt muß dem anonymen amerikanischen Regierungsmitarbeiter, den das Magazin als Quelle zitierte, ein furchtbarer Schreck in die Knochen gefahren sein - er sei sich inzwischen nicht mehr sicher, ob seine Geschichte mit der Koran-Schändung stimme, ruderte er auf erneute Nachfrage von „Newsweek“ zurück. Das Magazin erklärte nun, die folgenreiche Meldung sei womöglich falsch.

          Peinliche Entschuldigung, Wut im Pentagon

          "Newsweek“ bedauere die möglichen Fehler seiner Meldung und spreche den Opfern der Konfrontationen und den amerikanischen Soldaten, die in sie hineingezogen wurden, sein Mitgefühl aus, erklärte Herausgeber Mark Whitaker in der jüngsten Ausgabe. Bei der Regierung löste die Entschuldigung Wutanfälle aus.

          „Menschen sind wegen der Aussagen dieses Hurensohns gestorben“, fluchte Pentagon-Specher Lawrence DiRita laut „Newsweek“ über den anonymen Informanten. Erzürnt ist die Regierung in Washington aber nicht zuletzt auch über den gewaltigen Imageschaden, der den Vereinigten Staaten erneut in der islamischen Welt entstanden ist.

          Proteste in allen islamischen Krisengebieten

          So hoch schlugen die Wellen der Empörung über die angeblichen Koran-Schändungen, daß bereits Parallelen zum Folterskandal von Abu Ghraib gezogen wurden. Proteste gab es in Ägypten und Indonesien, in den Palästinensergebieten und in Pakistan.

          In Afghanistan geriet die Regierung von Präsident Hamid Karzai durch die ausufernde Gewalt unter Druck. Washington bemühte sich vergeblich um Schadensbegrenzung. Außenministerin Condoleezza Rice verurteilte die mögliche Koran-Schändung als „abscheulich“ und betonte, eine Mißachtung des heiligen Buches werde von ihrer Regierung nicht toleriert.

          Nur ein Beschwichtigungsversuch?

          Mittlerweile hat „Newsweek“ bekannt gegeben, seinen Bericht komplett zurückzuziehen. Das Nachrichtenmagazin hatte zuvor lediglich Fehler in seinem Bericht eingeräumt und sich dafür entschuldigt.

          Das Magazin verwies auf angebliche Ungereimtheiten des Pentagon im Umgang mit der Skandalmeldung. Vor seiner Veröffentlichung sei der Artikel einem hohen Ministeriumsmitarbeiter vorgelegt worden. Dieser habe die Passage über den Koran unbeanstandet gelassen. Einige Tage nach Veröffentlichung des Artikels sagte Generalstabschef Richard Myers dann, es seien keine Belege für eine derartige Verhörmethode gefunden worden.

          Koran-Schändungen sollen immer wieder vorgekommen sein

          Nach ursprünglichen Angaben des Informanten sollte die angebliche Koran-Schändung in einen Untersuchungsbericht des Südkommandos der amerikanischen Armee aufgenommen werden. Das heilige Buch soll demnach in der Toilette hinuntergespült worden sein, um Häftlinge psychisch zu zermürben.

          Über ähnliche Praktiken war schon zuvor berichtet worden. So sagten im März 2004 drei britische Häftlinge nach ihrer Freilassung aus Guantánamo, amerikanische Wärter hätten Koran-Ausgaben mit Füßen getreten, herumgeworfen und gelegentlich in Eimer versenkt, die als Abort dienten. „Newsweek“ zitiert in seiner neuen Ausgabe einen der Anwälte von Guantánamo-Häftlingen, Mark Falkoff, mit dem Vorwurf, der Selbstmordversuch von 23 Gefangenen im August 2003 sei dadurch ausgelöst worden, daß ein Wärter auf einem Koran herumgetrampelt habe.

          Muslimische Tabus verletzt

          Die Berichte über angebliche Koran-Schändungen reihen sich zudem in eine lange Serie von Vorwürfen ein, wonach Soldaten in Abu Ghraib wie Guantánamo gezielt gegen Tabus des islamischen Glaubens verstoßen haben sollen, um Häftlinge für die Verhöre „weichzuklopfen“. Nach Berichten von Gefangenen sollen etwa Soldatinnen ihre Körper gegen die Häftlinge gerieben, diese anzüglich berührt sowie vorgetäuscht haben, die Gefangenen mit Menstruationsblut zu bespritzen. Solche Berichte dürften alle Versuche erschweren, den Wirbel um „Newsweek“ auf einen bloßen Medienskandal zu reduzieren.

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