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Integrierte Einheit : Grundstein für deutsch-französische Lufttransportstaffel gelegt

Florence Parly und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) am Donnerstag in Evreux Bild: AFP

Im französischen Evreux investieren Berlin und Paris jeweils 110 Millionen Euro. In einem Jahr soll von dort eine Lücke im Lufttransport geschlossen werden. In der Normandie werden dann 154 deutsche Soldaten ihren Dienst tun.

          3 Min.

          Als „ganz große Premiere“ hat die französische Verteidigungsministerin Florence Parly am Donnerstag die künftige deutsch-französische Lufttransportstaffel gefeiert, die im nächsten Jahr die ersten Flüge durchführen soll. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ist aus Berlin angereist, um auf dem Luftwaffenstützpunkt 105 in Evreux zusammen mit Parly den Grundstein für die Gebäude der gemeinsamen Einheit zu legen. Kramp-Karrenbauer sprach von einem „großen Meilenstein“ für die deutsch-französische Zusammenarbeit.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das 2017 von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damals frisch gewählten Präsidenten Emmanuel Macron vereinbarte Projekt sieht vor, dass deutsch-französische Piloten- und Mechanikerteams insgesamt zehn Transportflugzeuge ungeachtet ihrer Nationalität gemeinsam fliegen und warten. „Das hat es noch nie gegeben“, sagte die französische Verteidigungsministerin. „Es handelt sich um eine wahrhaftige Revolution: Zum ersten Mal werden Piloten und Mechaniker, französische und deutsche Flieger gemeinsam trainieren, arbeiten und Einsätze fliegen und ihren Alltag in einem Geschwader teilen“, sagte sie und zeigte auf das Transportflugzeug hinter ihr.

          Anders als die 1989 begründete Deutsch-französische Brigade, die aufgrund deutscher Beschränkungen bei den Einsatzregeln nicht als gemischte Einheit operieren kann, ist bei der Transportflugzeug-Staffel eine komplette Integration geplant. Deutsche Mechaniker könnten ein französisches Flugzeug warten, das dann mit einem binationalen Team in den Einsatz startet, freute sich Parly. Bislang wird vom Stützpunkt in Evreux aus die französische Operation Barkhane in Mali unterstützt. Parly deutete an, dass die deutsch-französische Flugstaffel im Sahel-Gebiet und insbesondere in Niger zum Einsatz kommen könne. Kramp-Karrenbauer betonte das „gemeinsame Konzept zur Friedenserhaltung“.

          Auf transatlantische Unterstützung kann das deutsch-französische Projekt nicht verzichten. Die Integration wird durch den amerikanischen Hersteller Lockheed Martin ermöglicht, der sein viermotoriges Transportflugzeug C-130 J Super Hercules an die französische Luftwaffe und die Bundeswehr verkauft hat. Wie der für die Ansiedlung der Fliegerstaffel zuständige Oberstleutnant im Radiosender France Bleu Normandie erläuterte, wird mit den zehn Super Hercules die Lücke geschlossen, die durch die verspätete Verfügbarkeit des europäischen Transportflugzeugs A400M beim Lufttransport entstanden sei. Die Flotte der Transall-Transportflugzeuge sei veraltet und müsse ausgemustert werden, sagte er. Frankreich verlegt vier C-130J aus Orlèans nach Evreux, darunter zwei Modelle mit Luftbetankungs-Vorrichtung, aus Deutschland sollen sechs Flugzeuge kommen.

          Von September 2021 an nehmen die Bundeswehr-Angehörigen in der Normandie ihre Arbeit auf. Bis 2024 soll die Staffel voll einsatzfähig sein. 154 deutsche Soldaten ziehen, oftmals auch mit ihren Familien, in die 52.000-Einwohner-Stadt. Für den derzeit 2700 Soldaten zählenden Luftwaffenstützpunkt in Evreux kommt das Projekt einer Überlebensgarantie gleich. Spekulationen über eine mögliche Schließung des für die lokale Wirtschaft wichtigen Militärstandorts mobilisieren seit Jahren die Politiker. Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, dessen Wahlkreis in Evreux liegt, hat sich stets für den Fortbestand des Stützpunktes eingesetzt. Das von den rechtsbürgerlichen Republikanern (LR) verwaltete Rathaus in Evreux unterstützt die Ansiedlung der deutschen Soldatenfamilien nach Kräften. Der gebürtige Hamburger Oliver Radle, der seit 30 Jahren in Evreux lebt, ist im Rathaus für Internationale Beziehungen zuständig und bereitet alles vor, um  den deutschen Familien die Integration in der Normandie zu erleichtern. Die Stadtverwaltung richtet einen eigenen Schalter für deutsche Neubürger ein. In Rücksprache mit dem Bildungsministerium ist zudem vereinbart, deutsch-französische Europaklassen an mehreren Schulen in Evreux zu gründen.

          Ein Mediziner im Ruhestand, Jean-Francois Lemoine, plant die Gründung eines deutsch-französischen Freundeskreis für die Soldaten. Gerade in den älteren Generationen bleibt in der Normandie die kollektive Erinnerung von der Anlandung der Alliierten am D-Day geprägt. „Wir wollen den deutschen Soldaten und ihren Familien im Alltag zur Seite stehen, sie bei Behördengängen und sportlichen oder kulturellen Aktivitäten beraten“, beschrieb Lemoine sein Vorhaben. „Wir wollen, dass ihnen das Leben in Evreux so angenehm wie möglich ist“, sagte er.

          Deutschland und Frankreich investieren bis 2024  jeweils 110 Millionen Euro in die neue Infrastruktur für die Transportflugzeugeinheit. Noch weiter in die Zukunft blickten die beiden Verteidigungsministerinnen am Nachmittag bei einem Besuch bei Airbus Space and Defense im bayerischen Manching. In dem Werk werden die Drohnen entwickelt, die für das  Luftkampfsystem FCAS (Future Combat Air System) vorgesehen sind, die von 2040 an einsatzfähig sein sollen.

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