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Gründungsparteitag : Unter deutscher Führung: Die Grünen des Kontinents

„Let's have a party” - die europäischen Grünen formieren sich in Rom Bild: dpa/dpaweb

In Rom wurde gesungen. Bei der Gründung der „Euopäischen Grünen Partei“ wurde undefinierbares Liedgut aus vollem Halse vorgetragen. Mißtöne gab es auch in den Programmdiskussionen zuvor.

          Als sie mitten drin waren, am Freitag in Rom, mitten im Gründen ihrer nagelneuen "Europäischen Grünen Partei" (EGP), haben sie zusammen ein Lied gesungen: Joschka Fischer in der Mitte, ein wenig steif im Ministeranzug; Daniel Cohn-Bendit daneben, der transnationale Politspringteufel und Chef der Fraktion im Europaparlament, eingehakt und mit Hüftschwung; die übrigen seitlich absteigend nach Wichtigkeit wie Orgelpfeifen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Über Melodie und Text herrschte zwar Dissens. Manchmal erinnerte das Ständchen stark an "Freude, schöner Götterfunken", dann wieder mehr an "Echoes," den grünen Wahlsong von Ennio Morricone, ein Werk, das so klingt, als habe der Maestro zwischen zwei Relaunch-Versionen von "Spiel mir das Lied vom Tod" vergeblich versucht, eine Blumenwiese zu imaginieren. Konsens gab es aber über die Stimmung: "Aus vollem Halse vorzutragen" war das allgemein befolgte Motto.

          Die Britin hat nicht mitgesungen

          Eine hat abseits gestanden: eine energische kleine Frau Mitte Fünfzig mit runden Backen, die in jedem kontinentalen Beobachter unabweislich das Bild von Apple Pie und freundlich dampfenden Teekesseln aufsteigen lassen. Jean Lambert, Europaabgeordnete für London, hat sich beim Singen nicht in die Mitte gedrängt. Der Verdacht lastet auf ihr, daß sie überhaupt nicht mitgesungen hat. Zuvor schon, als Fischer am Pult stand, als er sein europapolitisches Ceterum censeo vortrug, die Lieblingsstelle, die immer anders anfängt, aber immer mit "Dann brauchen wir die Europäische Verfassung" endet, hatte sie einfach nicht mitgeklatscht. Zum Schlußapplaus ließ sie dann zwar ein paarmal die Handflächen ineinanderfallen, doch ohne Inbrunst.

          Die übrigen aber, die Mehrzahl der Delegierten aus 32 Parteien von Georgien bis Portugal, feierten die Stars des Tages. Fischer eben, aber vielleicht ebenso sehr Cohn-Bendit, der wie keine anderer die Vaterschaft für das Projekt beansprucht. Es ist vor allem seine Vision gewesen, zum ersten Mal in Europas Wahlkampfgeschichte mit den nationalen Einzelkampagnen Schluß zu machen, um einheitlich mit Fischer und einem gesamteuropäischen "Dream Team" sowie mit einem gemeinsamen Wahlmanifest aufzutreten.

          Streitthema Außen- und Sicherheitspolitik

          Er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Denn sosehr die Idee einer Wahlkampffeuerwehr vor allem bei den bettelarmen grünen Splitterparteien Osteuropas als dringend notwendige Überlebenshilfe willkommen ist, so sehr geht sie anderen auf die Nerven. John Norris zum Beispiel, dem internationalen Koordinator der "British Green Party". Norris, ein Althistoriker von diskreter Kauzigkeit aus dem nebligen Yorkshire, verhehlt keinen Augenblick, wie sehr ihm das grüne Tourneetheater vom Kontinent auf die Nerven geht. Warum? "Well", sagt er, und kein Ton seiner Rede läßt daran zweifeln, daß es ihm bitterernst ist. "Well - Europa!" Wenn er schon seinen roten EU-Paß sehe, werde ihm ganz anders: Zerfleddert ist dieser, abgewetzt, eben gar nicht so herrlich robust wie der alte, königlich-blaue. Ein Elend. Fehlt nur noch, daß Brüssel jetzt Britanniens Doppeldeckerbusse verbietet.

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